Interaktive Grafik

Die Müller-Hochburgen, die Knecht-Dörfer und die Humbel-Insel

Die Hochburgen der drei Ständerats-Kandidaten.

Die Hochburgen der drei Ständerats-Kandidaten.

Welche Aargauer Gemeinde hat bei den Ständeratswahlen wie gewählt? Unsere interaktive Grafik zeigt, wo Philipp Müller abräumte, wo Hansjörg Knecht der König ist und welches Dorf als einziges Ruth Humbel mehrheitlich wählte.

Der Aargau ist ein blau-grüner Teppich mit einem kleinen orangen Fleck. Je kräftiger das Blau, desto besser hat Philipp Müller in der entsprechenden Gemeinde abgeschnitten. Wettingen zum Beispiel ist eine Müller-Hochburg. Zoomt man in der Karte dort rein, sieht man: 2119 Wettinger gaben dem FDP-Mann die Stimme, nur 846 Hansjörg Knecht von der SVP. Die insgesamt chancenlose Ruth Humbel (CVP) holte immerhin 1564 Stimmen.
Fährt man über die Karte, sieht man schnell: Je städtischer und westlicher, desto blauer, also Vorteil für Müller.
Umgekehrt: Auf dem Land konnte Knecht (grün) gut mithalten und in manchen Gemeinden das Rennen für sich entscheiden. Vor allem im Fricktal und Zurzibiet (Knecht kommt aus Leibstadt) hatte der SVP-Mann Oberwasser.
Auffallend: Eine einzige Gemeinde ist weder blau noch grün, sondern orange: Birmenstorf im Bezirk Baden. Dort ist nämlich Ruth Humbel vorne mit 331 Stimmen vor Müller mit 258 und Knecht mit 251. Die Erklärung ist einfach: Es war Humbels Heimspiel - sie kommt aus Birmenstorf.

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Grafik: Elia Diehl

CartoDB: Aargauer Ständeratswahlen: Wo die drei Kandidaten im 2. Wahlgang dominierten.

Warum Müller jubeln konnte und es Knecht und Humbel nicht reichte

Als einzige Partei hatte die FDP schon vor dem zweiten Wahlgang eine Wahlfeier angesagt. «Wir wussten, dass es etwas zu feiern gibt», sagte Geschäftsführer Kaspar Schoch scherzhaft, als die Freisinnigen im Restaurant Einstein in Aarau auf Philipp Müller warteten.

Zuvor hatte sich dieser den Sitz im Stöckli ungefährdet geholt. Am Ende lag er 9350 Stimmen vor SVP-Kandidat Hansjörg Knecht und 27 265 Stimmen vor der klar distanzierten CVP-Vertreterin Ruth Humbel.

Thomas Pfisterer und Christine Egerszegi, Müllers Vorgänger im Ständerat, hatten nicht mit einem so klaren Resultat gerechnet. «Ich bin von einem knappen Rennen ausgegangen, das mit rund 1000 Stimmen Unterschied entschieden wird», sagte Pfisterer. Egerszegi freute sich, dass auch «der vernünf-tige Ostaargau Philipp Müller gewählt hat», der aus Reinach stammt.

Unabhängig und einflussreich

«Australien würde Müller wählen» – das postete der Jungfreisinnige Adrian Schoop auf Facebook. Er illustrierte den Eintrag mit einem Koala-Bären mit Müller-Wahlflyer. Nun ist das Wahlverhalten der Australier für die Ständeratsentscheidung im Aargau nicht entscheidend.

Dennoch ist der Facebook-Post aufschlussreich, denn auf dem Flyer steht: «Wählen Sie die unabhängige und einflussreiche Stimme.» Müller vereint als einziger der drei Kandidaten diese Eigenschaften.

Er ist unabhängig, sitzt in keinem Verwaltungsrat und vergibt keine Zutritts-Badges für das Bundeshaus an Lobbyisten. Als nationaler Parteipräsident pflegt er beste Kontakte zu wichtigen Politikern, ist in den Medien präsent – sein Einfluss auf die Bundespolitik ist beträchtlich.

Doch Müller, der mit grossem Applaus im «Einstein» empfangen wurde, relativierte den persönlichen Anteil am Erfolg und gab die Blumen weiter an sein Wahlteam. Er sagte: «Überall haben Freisinnige gearbeitet, und wir haben bewiesen: Die FDP kann mobilisieren, Emotionen wecken, und man merkt, dass sie dies gerne tut. Wir stehen nicht einfach nur hier für Volk und Vaterland.»

Philipp Müller erklärt das Rezept seines Wahlsieges. (22.11.2015)

Philipp Müller erklärt das Rezept seines Wahlsieges.

Knecht: Zu wenig Einfluss

Damit spielte Müller auf SVP-Kandidat Hansjörg Knecht an. Dieser lag im ersten Wahlgang noch fast 6000 Stimmen vor Müller. Im zweiten Wahlgang fiel er hinter den FDP-Kandidaten zurück, Knecht blieb gar unter dem Wähleranteil seiner Partei im Nationalrat.

Dies lässt darauf schliessen, dass einige Wähler, die am 18. Oktober die SVP-Liste einwarfen, nun nicht mehr an die Urne gingen oder bewusst Müller wählten, um im Stöckli ein Gegengewicht zur erstarkten SVP-Delegation im Nationalrat zu schaffen.

Im Vergleich mit Müller hält Knecht nur in einem Punkt mit: Er ist als eigenständiger Unternehmer tatsächlich unabhängig. Knecht ist aber kein Meinungsmacher in Bern, sein Einfluss ist eher gering, in Ratings wurde er auf hinteren Rängen geführt.

Zudem hat er den Ruf eines Parteisoldaten. Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens zeigte, dass Knecht von allen SVP-Parlamentariern am häufigsten auf Parteilinie ist.

Musste im zweiten Wahlgang den ersten Platz abgeben: SVP-Kandidat Hansjörg Knecht.

Musste im zweiten Wahlgang den ersten Platz abgeben: SVP-Kandidat Hansjörg Knecht.

Humbel: Kalkül ging nicht auf

Umgekehrt ist es bei Ruth Humbel: Sie wird das Etikett der Lobbyistin für Krankenkassen nicht los und ist deshalb in den Augen vieler Wähler nicht unabhängig. Das Manko des fehlenden Einflusses hatte Humbel nicht.

Sie ist bei entsprechenden Ratings immer in den vorderen Rängen anzutreffen, ähnlich wie Müller. Doch das reichte bei weitem nicht: Humbel blieb – obwohl sie gut 2000 Stimmen mehr machte als vor fünf Wochen – auch im zweiten Wahlgang chancenlos.

Das Kalkül der CVP ging nicht auf, wohl primär deshalb, weil viele linke Wähler zu Hause blieben. Dies zeigt sich an der Stimmbeteiligung, die von 48 auf knapp 39 Prozent sank. Zudem war die Unterstützung von links für Humbel halbherzig: einzig die SP empfahl sie zur Wahl, dies allerdings nur, um Knecht oder Müller zu verhindern.

Bei den Freisinnigen hatte die CVP-Kandidatur Irritationen ausgelöst. Sie befürchteten, Humbel könnte Müller Stimmen wegnehmen und Knecht damit zum Erfolg verhelfen.

Doch gestern war keine Kritik mehr zu hören: FDP-Aargau-Präsident Matthias Jauslin, der in den Nationalrat nachrutscht, dankte Knecht und Humbel vielmehr, dass sie dem Aargau eine echte Auswahl geboten hätten.

Enttäuscht – aber mit Blick nach vorne: Ruth Humbel verliert den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang.

Enttäuscht – aber mit Blick nach vorne: Ruth Humbel verliert den zweiten Aargauer Ständeratswahlgang.

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