Leserwandern 2015
Die Magie des Wanderns: Wenn eine Nationalrätin ein Lied anstimmt

Körperliche Ertüchtigung und Selbstfindung – sogar bei Gluthitze? Leserwanderer erklären auf der ersten Etappe, warum es sie immer wieder auf die Wege treibt.

Sven Altermatt
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Gross war vor der ersten Wanderung vor allem die Angst: Die Sonne brennt, das Thermometer spielt verrückt, die Schweiz stöhnt seit Tagen unter einer Hitzewelle. Und die Redaktion zittert. Fällt der Leserwandern-Auftakt der Gluthitze zum Opfer?

Viertel vor zehn, nervöses Warten bei der Hauser Post. Noch am Sonntag lag das Hoch Annelie wie ein fetter Hitzefladen über dem Dorf. Doch just zum Wanderstart fällt das Quecksilber unter 30 Grad. Wanderleiterin Wally Maxton ist erleichtert: «Am Wochenende dachte ich, dass bei dieser Hitze niemand wandern kommt. Aber jetzt wird das schon klappen.» Und sie sollte recht behalten: Das Postauto aus Brugg lässt erahnen, was auf Maxton zukommt. Dutzende Menschen strömen aus dem Bus, die Wanderleiterin lächelt erleichtert – und begrüsst wenig später 130 Menschen zur ersten Wanderetappe.

Leserwandern-Crew (v.l.): Wanderfotograf Patrick Züst, «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Christian Dorer und «Mister Leserwandern» Sven Altermatt.
17 Bilder
Chefredaktor Christian Dorer begrüsst die Teilnehmer zum Leserwandern 2015!
Leserwandern: Nationalrätin Ruth Humbel und die Birmenstorfer Gemeinderätin Marianne Stänz singen das Birmenstorfer Lied.
Der 9-jährige Joel Liaudet aus Schinznach Dorf führt die Wandergruppe an
Die Leserwanderer in Hausen
Wanderleiterin Wally Maxton begrüsst die Wanderer
Ruth Humbel und Marianne Stänz singen das traditionelle Birmenstorfer-Lied
Sven Altermatt, Mister Leserwandern und Chefredaktor Christian Dorer
Rolf Kromer, Finanzchef Stapferhaus Lenzburg und Adrian Schoop, Gemeinderat Turgi
Peter Siegrist, Buchautor und Hans-Peter Widmer, ehemaliger az-Journalist
Marianne Binder, Grossrätin
Die Wanderleiterinnnen Annebeth Ott und Wally Maxzon
Dieter Egli, Grossrat und Bernhard Guhl, Nationalrat
Die Sonnenhüte sind beliebt
Die Flip-Flops von Politikerin Irène Kälin
Axel Wüstmann, CEO AZ Medien und Rolf Schmid, CEO Mammut Sports Group
Christian Dorer, Chefredaktor Aargauer Zeitung

Leserwandern-Crew (v.l.): Wanderfotograf Patrick Züst, «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Christian Dorer und «Mister Leserwandern» Sven Altermatt.

Gefragte Entschleunigung

Ein Traumstart. Und auch eine gute Gelegenheit, gleich mal die wichtigen Fragen zu stellen: Was treibt die Menschen selbst bei hohen Temperaturen auf die Wanderwege? Warum laufen sie sich freiwillig die Füsse wund? 130 Wanderer im Ostaargau können sich ja kaum irren. Tatsächlich ist es gut die Hälfte aller Menschen im Land, die laut einer nationalen Studie regelmässig wandern geht.

Wandern ist mehr als ein Zeitvertreib. «Es ist ideal, um sich vom Alltag abzukapseln», sagt Rolf Schmid auf der Weide über Hausen. Der Mammut-CEO schiebt die Sonnenbrille auf den Kopf und wischt sich den Schweiss aus dem Gesicht. Niemand weiss besser als er: Seine Faszination bezieht das Wandern vor allem aus der Nähe zur Natur.

Seit zwei Jahrzehnten steht Schmid an der Spitze des Outdoor-Konzerns aus Seon. Das Mammut-Logo prangt auf der Ausrüstung unzähliger Wanderer rund um die Welt. Schmid ist eben von einer Reise aus Asien zurückgekehrt. Dort, vor allem in China und Südkorea, ortet er ein grosses Potenzial für Mammut. «Die Leute sind verrückt nach Wandern. Und viele legen Wert auf eine gute Ausrüstung.»

Für den anhaltenden Boom hüben wie drüben macht Schmid auch die Sehnsucht nach Entschleunigung verantwortlich. Viele suchen das Ursprüngliche und wollen im sanften Rhythmus zur Ruhe kommen. Diese Einschätzung teilt die erfahrene Wanderführerin Wally Maxton. Sie arbeitet für die Aargauer Wanderwege. Wenn Maxton von ihrem Hobby erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Sie spricht vom «besten Ausgleich überhaupt».

«Jeder kann losziehen»

Wer wandert, der hört rauschende Wälder, riecht würzige Kräuter und spürt Regen, Wind oder Sonne intensiver. Und das Beste? Als natürliche Bewegungsform stecke das Wandern von Grund auf in den Genen. «Jeder kann losziehen», sagt Maxton. Wandern schweisst die Menschen zusammen: Die gemeinsamen Erlebnisse bleiben haften.

Laufen. Einfach nur laufen. Nach zwei Stunden haben sich die Leserwanderer aus Birmenstorf rausgeschlängelt, über den steilen Rebberg und den Petersberg, rauf zur Baldegg. Der Weg zieht sich jetzt durch den Wald und über Wiesen. Fritz Kyburz schwitzt und atmet schwer. Die Hitze lässt sich nun kaum mehr aushalten. Jammern mag der 78-jährige Erlinsbacher trotzdem nicht: «Ich habe über 50 Mal den Berner Zweitagesmarsch mitgemacht und war dutzende Male auf Viertagesmärschen. Das Wetter ist so, wie es ist.» Die wahren Inspirationsquellen, weiss Kyburz, sind ohnehin die Weggefährten. Gemeinsam erinnere man sich an die wichtigen Dinge im Leben.

Die Magie des Leserwanderns

Ist das also der viel beschworene Wandergeist? Oder gar die Magie des Leserwanderns? Längst hat dieses einen festen Platz im Sommerprogramm vieler Zeitungsleser. Damit hat auch Peter Siegrist nicht gerechnet. Seit 2010 begleitete der nun pensionierte az-Redaktor immer wieder Leserwanderungen. Jetzt arbeitet er an einem Buch über Leserwandern-Routen. «Die Aktion macht die Leser der Zeitung sichtbar», sagt Siegrist. Dabei hätten sich gar schon Freundschaften gebildet – und zwar über Generationen hinweg.

Vorbei sind die Zeiten, in denen nur Senioren der Wanderlust frönen. Inzwischen schnüren sich viele Junge und Familien mit Kindern die Wanderschuhe. Sein angestaubtes Image von Kniebundhosen und Karohemden hat das Wandern abgelegt. Die Fortbewegung auf zwei Beinen fesselt die Menschen egal welchen Alters. Auch in den nächsten fünf Wochen warten genug Routen darauf, erlaufen zu werden.

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