Flurnamen-Serie

Die Landbesitzer als Namensgeber

Die Brittnauerstrasse, daneben der Bach Altachen in Zofingen, der früher Wasserräder antrieb.

Die Brittnauerstrasse, daneben der Bach Altachen in Zofingen, der früher Wasserräder antrieb.

Altachen und Naglerbach erinnern an die Industrialisierung im Wiggertal.

Gotthard Held aus Zofingen möchte wissen, was hinter den beiden Flurnamen Altachen und Naglerbach steckt. Die Altachen ist eine Flur im Süden von Zofingen, die sich östlich der Wigger bis in den Gemeindebann von Brittnau erstreckt.

Namengeber ist jedoch der kleine Bach, eine Ableitung der Wigger, der die Kantonsgrenze zwischen dem aargauischen Brittnau und dem luzernischen Wikon markiert. Der Ursprung dieses Bächleins ist ein Wehr, mit dem spätestens seit dem 19. Jahrhundert, zur Zeit der Industrialisierung, der Wigger kontrolliert Wasser entnommen wurde. Dieses Wehr liegt weiter südlich in Langnau bei Reiden bereits deutlich auf Luzerner Boden. Noch heute zweigt dort, rund 100 Meter nördlich der ARA, der Mühlebach ab, der dann später zur Altachen wird.

Altachen lieferte Strom

Überhaupt zeigte sich bis vor dem Ersten Weltkrieg der ganze Talboden rund um die Wigger als ein von unzähligen kleinen Bächen durchflossenes Gelände. Wobei einzelne Bachläufe scheinbar grund- und spurlos plötzlich im Wies- und Ackerland verschwanden. Wie auch die Wigger, diente die Altachen vielen Industriebetrieben zur Energie- und Wassergewinnung.

Auf der Siegfriedkarte aus dem Jahr 1888 finden sich beginnend beim Wehr bei Langnau bis zur Mündung nordwestlich von Zofingen folgende Industrienamen entlang der Altachen: Fabrik, Rothfarb, Walke, dann auf aargauischem Boden, Obere Mühle, nochmals Rothfarb, Fabrik, Untere Mühle und zuletzt Bleiche.

Ist Altachen also ein Industriename? Nein, hierzu besteht kein Bezug. Er besteht aus den Teilen «Alt» im Sinne des Adjektivs für etwas schon lange Bestehendes und «Achen» zum schweizerdeutschen Wort Aa, Ach, was soviel wie Wasserlauf, Fluss, Bach oder Wasser im Allgemeinen bedeutet.

Auch heisst der bei Bettenhausen (BE) und Thörigen (BE) vorbeifliessende Bach Altache. Altachen ist somit der Name für einen alten, schon lange bestehenden Bachlauf.

Im äussersten Zipfel von Brittnau gegen Zofingen liegt heute die Flur namens Nagler. Nördlich davon liegt eine Stichstrasse namens «Am Naglerbach», an der Helds wohnen. Der Naglerbach fliesst jedoch nur auf seinen letzten Metern durch Aargauer Boden. Südlich des Bahnhofs Brittnau-Wikon verzweigt sich der Mühlebach. Das nach Nordosten fliessende Wasser heisst von dort an Naglerbach. Die Flur, die von diesem Wässergraben durchflossen wird, heisst Wagnermatte, also das Mattland im Besitz des Wagners, dem Wagenbauer oder einer Person namens Wagner. Tatsächlich ist der Name Wagner in der benachbarten Gemeinde Reiden (LU) alteingesessen. Bemerkenswert ist, dass die Benennung des Gewässers durch einen Flurnamen erfolgte, der nicht wie üblich am Ursprung des Bachs, sondern an dessen Ende liegt. Dafür muss es einen guten Grund geben. Aufgrund der oben aufgezeigten bedeutenden industriellen Nutzung der Wasserläufe im Wiggertal, läge es nahe, zu vermuten, dass der Bach einst eine Nagelschmiede antrieb, die der Flur Nagler den Namen gab. Naglerbach wäre demnach zu deuten als der Bach, der zur Nagelschmiede führt. Nur: Auf historischen Karten aus dem 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung die Landschaft prägte, ist weder eine solche Schmiede eingezeichnet, noch existiert der Name der Flur an sich.

Das ganze, weitläufige Gebiet wird mit innere und äussere Altachen benannt. Möglich ist, dass der Name Nagler zwischenzeitlich verschwand, jedoch noch viel älter ist. Datiert die vermutete Nagelschmiede aus der frühen Neuzeit oder gar aus dem Spätmittelalter? Nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass Nagler als Berufsbezeichnung zu verstehen ist. Die damit bezeichnete Flur wäre also einst Grundbesitz eines Nagelschmieds gewesen. Wie dies bei der Wagnermatte in Reiden (LU) der Fall ist.

Nicht ganz ausgeschlossen werden, kann auch ein Bezug zu einem Personennamen. Augenfällig ist eine Häufung von Personennamen, die in jüngerer Zeit Eingang in die Flurnamenlandschaft gefunden haben: In Brittnau sind dies nebst Nagler Joder und Triner. Joder ist die Kurzform von Theodor, aber auch der Name eines in Zofingen ausgestorbenen Geschlechts, das in Dagmersellen (LU) seinen Bürgerort hat; die Triner stammen aus Arth (SZ).

Aus Deutschland eingewandert

Aber ausgerechnet Nagler hat seine Herkunft nicht in der Schweiz. Als ältester Nachweis gilt ein 1887 in Stallikon (ZH) aus Deutschland eingebürgertes Geschlecht. Vielleicht liegt exakt in dieser Spezialität die Namenmotivation dieser Flur? Auch auf der Luzerner Seite in Wikon findet sich ebenfalls eine Handvoll Fluren mit Personennamen, nämlich die Lüscher-, Träyer-, Martis-, Karli- und Chrauermatte. Sie alle verweisen auf Familien, die einst an besagten Stellen Mattland besassen.

Dort, wo heute Tennisplätze und das Stadion Trinermatte liegen, findet sich auf der historischen Karte aus dem Jahr 1884 eine Flur namens Eisengrube. Der Name weist auf eine Stelle hin, an der Eisenerz abgebaut wurde oder an der sich eisenhaltiges Wasser sammelte. Ob ein konkreter Zusammenhang besteht, muss offenbleiben, solange keine weiteren historischen Belege vorhanden sind. Trotzdem spielten im Wiggertal die zahlreichen Wasserläufe und vor allem deren Nutzung eine bedeutende Rolle bei der Industrialisierung.

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