Zweiter Wahlgang

Die Kampfrhetorik eines Verlierers und die Weitsicht der Bürger

Ins beste Licht gerückt und von drei Kameras beobachtet: Hansjörg Knecht (SVP), Philipp Müller (FDP) und Ruth Humbel (CVP) warten mit az-Chefredaktor und Moderator Christian Dorer auf den Start des Ständerats-Talks.

Ins beste Licht gerückt und von drei Kameras beobachtet: Hansjörg Knecht (SVP), Philipp Müller (FDP) und Ruth Humbel (CVP) warten mit az-Chefredaktor und Moderator Christian Dorer auf den Start des Ständerats-Talks.

Der SP-Präsident beschimpft die SVP. Die CVP träumt vom Wiedereinzug ins Stöckli. Die FDP kämpft um ihren Ständeratssitz. Und was machen parteiunabhängige Bürger im Aargau? Eine Analyse im Hinblick auf den zweiten Wahlgang am 22. November.

Drei Wochen nach den nationalen Wahlen ist der Pulverdampf verflogen. Die Wahlgewinner haben ihren Siegesrausch ausgeschlafen, die Verlierer ihre Wunden geleckt. Zeit für eine Zwischenbilanz und einen Ausblick auf die wichtige Entscheidung um den zweiten Aargauer Ständeratssitz.

Über die SVP als grosse Wahlsiegerin der Nationalratswahlen wurde schon viel gesagt. Bleiben wir deshalb erst mal bei den drei grossen politischen Mitbewerbern.

SP: die Kampfrhetorik eines Verlierers

Die SP steht zuerst einmal als Verliererin da. Als einzige Partei im Aargau wurde überraschend einer ihrer amtierenden Nationalräte abgewählt, einer von drei Sitzen ist weg. Gemildert wurde die bittere Niederlage mit Pascale Bruderers überlegenem Sieg bei den Ständeratswahlen schon im ersten Wahlgang. Die Parteileitung hätte sich also einen Ruck geben und sich ihrer sachpolitischen Stärken besinnen können – allen voran bei sozialen Themen.

Doch ihr Co-Präsident Cédric Wermuth wählte eine andere Taktik. Er setzt in der Zwischenwahlzeit auf notorische Beschimpfung des Gegners. In Talks und Interviews betitelt Wermuth die SVP und damit indirekt annähernd 40 Prozent der Aargauer Wählerschaft kategorisch als «totalitär», «Antidemokraten», «Menschenfeinde». Allenfalls mag er damit beim einen oder anderen Gesinnungsgenossen punkten. Bei parteiunabhängigen Bürgern wirkt solches Gebaren eher befremdlich. Mit seinen pauschalen Tiraden macht Wermuth nämlich genau das, was er der SVP vorwirft.

Wirksamer als giftige Kampfrhetorik im Bestreben nach weniger SVP-Macht wäre nüchternes Verhalten im zweiten Wahlgang um den noch freien Ständeratssitz. SP-Wähler haben es in der Hand, indem sie über ihren Schatten springen und die Stimme dem aussichtsreichsten bürgerlichen Kandidaten ausserhalb der SVP geben. Bei wichtigen Themen wie Bilaterale oder Gesellschaftspolitik gibt es ja durchaus Übereinstimmungen.

FDP: vom Schock zum Glücksgefühl

Der Herausforderer des SVP-Ständeratskandidaten mit den besten Chancen ist zweifelsohne der Freisinnige Philipp Müller. In der jüngsten az-Umfrage liegt er ganz knapp vor SVP-Kandidat Hansjörg Knecht.

Wie die SP ging auch die FDP durch ein Wechselbad der Gefühle in den letzten Wochen. Dem Schock kurz vor den Wahlen durch den Autounfall ihres Präsidenten folgte das Glücksgefühl am Wahlsonntag: Die Aargauer FDP gehört mit ihrem Sitzgewinn neben der SVP zu den Siegern bei den Nationalratswahlen. Dem Freisinn blieb aber wenig Zeit zum Feiern. Er musste sich mit Philipp Müller sofort wieder für den nächsten Fight aufstellen: den schweren zweiten Wahlgang für den Ständerat.

Die drei Aargauer Ständeratskandidaten im «TalkTäglich» vom 27.10.: Sehen Sie die wichtigsten Momente in unserem Zusammenschnitt.

Die drei Aargauer Ständeratskandidaten im «TalkTäglich» vom 27.10.: Sehen Sie die wichtigsten Momente im Zusammenschnitt.

CVP: im Rausch der Zahlenspiele

Einmal mehr zu den Verlierern gehörte vor drei Wochen die Aargauer CVP. Doch sie hat ihre Wahl-Niederlage rasch abgeschüttelt. Zum Erstaunen vieler hob sie Ruth Humbel, ihre einzige Vertreterin in Bundesbern, nochmals auf den Schild – trotz enttäuschendem Resultat im ersten Ständerats-Wahlgang.

Oder tat sie es vielleicht gerade erst recht nach der wiederholten Klatsche, die sie beim Wahlvolk eingefangen hatte? Jedenfalls spricht sich die CVP-Gemeinde in den letzten Tagen auffällig trotzig und kämpferisch Mut zu. Als wollte sie zeigen: Wir sind noch da, mit uns ist weiterhin zu rechnen. Und wie sie rechnet! In einem veritablen Rausch an Zahlenspielen zum zweiten Ständerats-Wahlgang macht sie sich selber Hoffnung.

Doch aus Mut wird bald Übermut. Ruth Humbel wäre zwar eine valable Ständerätin für den Aargau und hält sich auch in der neuesten Umfrage wacker, aber halt doch nur auf Platz drei. Es würde deshalb an ein Wunder grenzen, könnte sie ihre zwei Gegenkandidaten doch noch überflügeln.

SVP: mit noch mehr Übermacht nach Bern?

Was heisst das nun zusammengefasst für den zweiten Ständerats-Wahlgang? Es ist eigentlich simpel: Wer die SVP mit noch mehr Macht ausstatten will, wählt Hansjörg Knecht ins Stöckli. Wem dagegen die Stärke der SVP reicht (im Nationalrat stellt sie mit sieben Vertretern nun fast die Hälfte aller Aargauer Sitze), hat mit Philipp Müller und Ruth Humbel zwei fähige Gegenkandidaten zur Auswahl.

Auf wen nun setzen? Die repräsentative Umfrage der az ist hier eine Entscheidungshilfe. Sie zeigt, wer wo steht, wer die besseren Chancen hat: Für Müller sind zur Zeit 35,1 Prozent der Stimmberechtigten, für Humbel 26,9 Prozent. Splitten sich die Stimmen der beiden zu sehr auf, wird Knecht als lachender Dritter das Rennen machen. Er kommt zur Zeit auf 34,9 Prozent. Wer also die Übermacht der SVP stoppen will, setzt am 22. November auf den Gegenkandidaten mit den klareren Wahlchancen. Das ist in der jetzigen Ausgangslage der Kandidat der Freisinnigen, Philipp Müller.

Beim Entscheid, wer den Ständeratssitz der abtretenden Christine Egerszegi erben soll, ist Weitsicht gefragt, nicht Ideologie.

Dreikampf bei den Aargauer Ständeratswahlen

Dreikampf bei den Aargauer Ständeratswahlen – sehen Sie hier das ganze «TalkTäglich» vom 27.10. mit den drei Kandidaten.

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