Sieg auf der ganzen Linie für die Staatsanwaltschaft im Fall Padrutt: Das Bezirksgericht Lenzburg hat den Rechtsanwalt gestern wegen mehrfacher qualifizierter Veruntreuung von Klientengeldern schuldig gesprochen. Dies in den allermeisten Anklagepunkten und mit dem beantragten Strafmass: vier Jahre Gefängnis.

Die Gerichtspräsidentin pflichtete dem Staatsanwalt bei, Padrutt sei «unglaublich unverfroren» vorgegangen und habe sein Vertrauen als Anwalt «krass missbraucht». Sie ging sogar noch über die Strafanträge hinaus und auferlegte Roland Padrutt ein dreijähriges Berufsverbot. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall erledigt. Dass Padrutt, der in Wien weilt, seine Strafe in der Schweiz antritt, darum braucht sie sich nicht zu kümmern; das tut eine andere Behörde.

Dieser Erfolg ist für die Staatsanwaltschaft wichtiger, als sie vorgibt. Vor Gericht bezeichnete sie den Fall Padrutt als «ganz normales» Verfahren, was sowohl die Anwälte der Zivilkläger als auch der Verteidiger zu Recht in Abrede stellten. Die Vorwürfe richteten sich an einen Rechtsvertreter, der das Recht mit Füssen trat, und erzeugten deshalb eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Dies trifft nun auch auf das Urteil zu: Endlich wieder mal eine positive Schlagzeile für die Staatsanwälte.

Damit war die Behörde, die es in dieser Form erst seit 2011 gibt, bisher nicht gesegnet. Da beklagt sich die Staatsanwaltschaft ständig über zu wenig Personal - und tritt die als Lappalie abgestempelte «Büsi-Affäre» los. Da verschleppt sie die Verfolgung eines «Sex-Lehrers» - und wird gezwungen, das Opfer wegen falscher Anschuldigung anzuklagen. Und jetzt liegen sich auch noch mehrere Staatsanwältinnen am Standort Lenzburg in den Haaren.

Besonders wichtig ist der Sieg im Fall Padrutt, weil es um Wirtschaftskriminalität geht. Die Aargauer Untersuchungsbehörden geniessen den Ruf, dass sie bei Gewaltverbrechen unschlagbar sind. Symbol dafür ist der soeben in Rente gegangene Chef der Kriminalpolizei Urs Winzenried, der in seiner langen Karriere nur

9 von 150 Tötungsdelikten nicht aufklären konnte. Mit Wirtschaftsdelikten hingegen ist die Staatsanwaltschaft viel eher am Anschlag. Das leuchtet ein, sind solche Fälle doch oft recht kompliziert: Mit Strafrecht ist es nicht getan, hinzu kommen Obligationen-, Betreibungs- und Konkursrecht. Die Täter haben viel (Geld) zu verlieren und sind professionell beraten. Und wegen des Steuerrechts werden die Fälle schnell einmal international.

Der Fall Padrutt erreicht zwei Ziele, die die Regierung für die Strafverfolgung definiert hat: «Vermögensdelikte konsequenter verfolgen» und «Strafverfahren beschleunigen». Der angesichts der Aktenberge innert nützlicher Frist abgeschlossene Fall war ein Stresstest für die Staatsanwaltschaft.

Sie hat ihn bestanden - doch das ist keine Erfolgsgarantie für weitere Fälle: Mit der neuen Strafprozessordnung 2011 stieg die Nachfrage nach Staatsanwälten schweizweit, der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet. Für Wirtschaftsrechtler erst recht, die in privaten Kanzleien mehr verdienen können.

Die Meisterprüfung der Staatsanwälte folgt mit dem Fall Santoro. Die Leasingpleite des Luxusautohändlers ist der angeblich grösste Wirtschafts-Straffall seit 20 Jahren. Noch bis Mai 2015 sind dafür vier Extrastellen in der Staatsanwaltschaft bewilligt. Anzeichen für ihren nächsten Erfolg fehlen heute noch.