Sparpläne
«Die in Bern...»: Aargauer Bauern demonstrieren gegen Millionen-Kürzungen

Mit 5000 Bäuerinnen und Bauern wären die Organisatoren der grossen Bauerndemo glücklich gewesen. Doch die Zahlungskürzung treibt kurzfristig doppelt so viele Landwirte auf den Bundesplatz. Auch viele Aargauer.

Andrea Weibel
Merken
Drucken
Teilen
Die demonstrierenden Bauern vor dem Berner Bundeshaus.
35 Bilder
Rund 10'000 Bauern demonstrieren auf dem Bundesplatz in Bern gegen geplante Sparmassnahmen. Wir begleiten die Aargauer Bauern an der Demonstration, organisiert vom Aargauischen Bauernverband.
Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, hält eine Ansprache.
Ein Bauer wird von Tele M1 interviewt.
Viele Aargauer Bauern haben Kuhglocken mitgenommen.
Oder auch Treicheln.
Alois Huber, Präsident des Bauernverbands Aargau, hält eine Ansprache im Car.
Ein Teil der Aargauer Bauern trifft sich am Park+Pool in Lenzburg, um mit dem Car nach Bern zu fahren.
Ein Herr auf Stelzen im Kuhkostüm spaziert durch die Menge.
Die Aargauer Delegation auf dem Weg zum Bundesplatz. Im Vordergrund Fahnenträger Ueli Wiederkehr.
Die Aargauer Bauern auf dem Weg zum Bundesplatz.
Die Aargauer Bauern auf dem Weg zum Bundesplatz.
Er hat eine Botschaft auf seinem Pullover mitgebracht.
Eine Masse von Bauern auf dem Weg zum Bundesplatz.
Eine Masse von Bauern auf dem Weg zum Bundesplatz.
Impressionen von der Bauerndemo.
Die Demonstranten ziehen an der Zytglogge vorbei.
Auch die Aargauer Jungbauern demonstrierten gut gelaunt mit.
Zwei Appenzeller Bauern präsentieren ihre prächtigen Vollbärte.
«Radio Argovia»-Moderator Urs Hofstetter vor der Aargauer Fahne.
Asiatische Touristen fotografieren die Demonstranten.
Einige Bauernfamilien haben auch ihren Nachwuchs dabei.
Helene Zgraggen feuert die Bauern an.
Unüberhörbar: Die Aargauer Delegation in Bern.
Der wohl coolste Bauer der Schweiz.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern. Im Bild: Die Aargauer Delegation.
Ein Herr aus der Aargauer Delegation haelt ein Schild hoch.
Die Aargauer Delegation auf dem Weg zum Bundesplatz.
Unübersehbar, wie viele Bauern nach Bern gekommen sind.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern.
Impressionen von der Bauerndemo in Bern.
Aargauer Bauern protestieren gegen Sparpläne in Bern

Die demonstrierenden Bauern vor dem Berner Bundeshaus.

Sandra Ardizzone

Es ist 7.30 Uhr. Ich kämpfe, um meine Augen offen zu halten. Doch unter keinen Umständen darf ich mich hier, im Reisecar von Muri nach Bern, beklagen: Die meisten Bäuerinnen und Bauern um mich herum, die «purlimunter» plaudern, sind seit Stunden auf und haben ihre Tiere versorgt, lange bevor ich meinen Wecker erstmals auf stumm geschaltet habe. «Die Leute haben immer das Gefühl, alle Bauern gehörten zur SVP!»

Hans Rudolf Hunziker, 43, Kirchleerau «Wenns für Blumenwiesen mehr Beiträge gibt als für ein Feld Zuckerrüben, dann stimmt etwas nicht.»

Hans Rudolf Hunziker, 43, Kirchleerau «Wenns für Blumenwiesen mehr Beiträge gibt als für ein Feld Zuckerrüben, dann stimmt etwas nicht.»

Sandra Ardizzone

Der Gesprächsfetzen drängt sich in mein Bewusstsein. Doch die Bauern im Bus sind bereits beim nächsten Thema. Sie reden über ihre grossen Treicheln, mit denen sie sich vor dem Bundeshaus Gehör verschaffen wollen. Und übers Plackenstechen.

Als ich meinen Sitznachbarn frage, warum er nach Bern fahre, wird es für einen Moment still um uns. Das wollen alle hören. Doch seine Antwort, dass die Regierung dazu gebracht werden müsse, ihre Versprechen einzuhalten, scheint den Nerv der anderen Bauern zu treffen.

Bald schon reden alle über Direktzahlungen und überflüssige Programme, die sie mitmachen müssten. «Und dann haben die in Bern das Gefühl, weil wir überall dabei sind, seien ihre Programme ein grosser Erfolg», erklärt mir Bauer Hans Rudolf Hunziker aus Kirchleerau. «Dabei werden wir ja dazu gezwungen, sonst bekommen wir kein Geld.» Die immer lauter werdenden Diskussionen wecken mich vollständig auf.

Was für ein Spektakel

In der Hauptstadt nahe des Bärengrabens angekommen, gesellen sich die Aargauer zu ihren Mitstreitern aus der ganzen Schweiz. Was für ein Spektakel: Auf der Website des Verbandes ist von 10'000 Bauern die Rede, die in Bern einmarschieren. Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, sagt sogar, es seien noch mehr. Darunter 400 Aargauer.

Regina Stutz, 25, Islisberg «Neben dem Hof arbeite ich 50 Prozent auf der Bank, nur vom Hof könnte ich nicht überleben.»

Regina Stutz, 25, Islisberg «Neben dem Hof arbeite ich 50 Prozent auf der Bank, nur vom Hof könnte ich nicht überleben.»

Sandra Ardizzone

«Es ist genial! Ich bin überwältigt von dem Aufmarsch», jubelt Bucher und macht Handyfotos zum Beweis. Die Bauernverbände haben zur Kundgebung aufgerufen, weil der Bundesrat Kürzungen des landwirtschaftlichen Zahlungsrahmens 2018–21 in der Höhe von rund 800 Millionen Franken angekündigt hat.

Vor 20 Jahren: Tränengas

Über 10'000 Bauern marschieren mit Fahnen und Treicheln statt Trompeten in die Hauptstadt ein. Und zwar friedlich und geordnet. Nicht wie vor fast 20 Jahren: Am 23. Oktober 1996 wurde eine Demonstration von 15'000 Bauern auf dem Bundesplatz von Polizeigrenadieren gesprengt. Damals erlitten mehrere Personen gravierende Verbrennungen, weil Reizgas in die Wasserwerfer gemischt worden war.

Auch Ralf Buchers Vater, der mit einer Gruppe Freiämtern nach Bern gezogen war, bekam seine Ladung Tränengas ab. «Sie wollten nie wieder nach Bern», erinnert sich Bucher. Und trotzdem wurde vor zehn Jahren wieder friedlich demonstriert. Diesmal ebenso. Im Weissen Quartier nahe der Nydeggbrücke stehen drei junge Polizisten am Strassenrand. Mit breitem, fröhlichem Grinsen grüssen sie die Bauern und schauen dem Treiben interessiert statt alarmiert zu.

Josef Villiger, 54, Sins «Wir sind nicht nur hier, weil wir Bauern gut jammern können. Uns geht es wirklich schlecht.»

Josef Villiger, 54, Sins «Wir sind nicht nur hier, weil wir Bauern gut jammern können. Uns geht es wirklich schlecht.»

Sandra Ardizzone

Zwei ältere Arbeiter im blauen Übergwändli tun es ihnen gleich und stützen sich auf ihre Besen, ein Pöstler parkiert seinen Töff samt Wagen in einer Seitengasse, um besser sehen zu können – und weil ihm die Demonstranten den Weg versperren –, während eine Gruppe asiatischer Touristen Fotos von dem nicht enden wollenden Tatzelwurm von Bauern schiessen, der sich Richtung Bundesplatz schlängelt.

Aargauer als Besenwagen

Doch tatsächlich hat der Umzug ein Ende, das folgt direkt auf die Aargauer. Denn der Ordnung halber stürmen die Kantonsverbände die Stadt natürlich alphabetisch geordnet, allerdings in umgekehrter Reihenfolge, sodass die Zürcher die Vorhut und der Aargau quasi den Besenwagen bilden. Doch das stört die Aargauer nicht.

Angeführt von Ueli Wiederkehr aus Gontenschwil mit seiner grossen Aargauer Flagge und einer Gruppe von Treichlern marschieren sie gut gelaunt ihren Bauernkameraden aus den anderen Kantonen nach. Helene Zbinden, eine ältere Dame am Strassenrand, streckt den Vorüberziehenden ihren erhobenen Daumen entgegen. «Die machen das richtig. Es ist nämlich nicht fair, dass sie so viel für uns alle arbeiten und dafür so wenig Geld bekommen», feuert sie die Bauern weiter an.

Harte Arbeit ist nicht gratis

Ähnlich wird es auch bei der Kundgebung selbst ausgedrückt: «Wir sind weiterhin bereit, hart zu arbeiten! Aber wir sind nicht bereit, umsonst zu arbeiten!», so die Parole. Das haben die Bauern klargemacht, findet Bucher. «Ich hatte Bedenken, dass viele so kurzfristig wegen der Arbeit nicht kommen können. Aber sie haben es möglich gemacht. Das ist ein starkes Zeichen.» Er könne sich nicht vorstellen, dass das im Parlament ungehört bleibe nach so einem Aufmarsch. «Auch der Bundesrat», ist der oberste Aargauer Bauer zuversichtlich, «muss jetzt über die Bücher.»