Verdichtetes Bauen
Die Hochhäuser lösen das Problem im Aargau nicht

Trotz Platzknappheit im Aargau sind Hochhäuser kein Patentrezept. Hochhäuser sind zwar wieder im Gespräch, aber die Skylines von Baden und Aarau werden sich in Zukunft nur am Rande durch einige Hochhäuser verändern.

Silvan Hartmann und Sabine Kuster
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Die Bevölkerung wächst und wächst. Die Zersiedelung erreicht neue Höchstwerte. Vierzig Jahre nach dem Hochaus-Boom der 70er-Jahre sind Hochhäuser deshalb wieder ein Thema. Aber offenbar keine Lösung.

Zwar wurde mit dem 126 Meter hohen «Prime Tower» in Zürich eben erst der Höhenrekord der Schweizer Wolkenkratzer gebrochen und weitere Rekorde sind bewilligt: Ebenfalls in Zürich wurde dem Bau des Swissmill-Getreidesilos in der Höhe von 118 Metern zugestimmt und in Basel soll der «Roche Tower» 178 Meter in die Höhe gezogen werden.

Keine Wolkenkratzer im Aargau

Der Aargau plant bescheidener. In Baden liegt das Baugesuch für das Hochhaus Ost beim ABB-Areal auf, 65 Meter hoch soll es werden. Ein 18-stöckiges ist im Krismer-Areal geplant, zwei kleinere sollen im Gebiet Martinsberg zu stehen kommen. Der Kanton gab bereits vor einem Jahr hierzu einen Kommentar ab: Die Lösung mit Hochhäusern sei auf dem Martinsberg «sinnvoll», denn dies «weise sowohl für das Wohnen als auch für die Landschaft nur Vorteile auf».

Platz 1: Das höchste Gebäude im Aargau: Telli Aarau Höhe: 75 Meter (Quelle: Aargauer Gebäudeversicherung)
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Platz 2: Das Shoppingcenter Tivoli Spreitenbach 71 Meter
Platz 3: Langacker Spreitenbach 70 Meter
Platz 4: EO Einkaufscenter Oftringen 65 Meter
Platz 5: Roggenboden Baden 54 Meter
Platz 6: Turmhotel Zurzach 54 Meter
Platz 7: AEW Aarau 52 Meter
Platz 8: Zentralstrasse Wettingen 50 Meter
Platz 9: Hotel Linde Baden 43 Meter

Platz 1: Das höchste Gebäude im Aargau: Telli Aarau Höhe: 75 Meter (Quelle: Aargauer Gebäudeversicherung)

Toni Widmer

Längerfristig rechnet der Leiter der Entwicklungsplanung Baden, Rolf Wegmann, mit etwa vier weiteren Hochhäusern in den Täfern bei Dättwil, beim Kappelerhof im Brisgi-Areal, in der Schadenmühle und ein zweites in Baden Nord. Er sagt: «Hochhäuser sind hier nichts Neues. Sie haben in Baden schon eine längere Tradition.»

In Aarau sind 11 Gebäude über 40 Meter hoch. Das höchste Aargauer Hochhaus steht hier. 79 Meter misst es. Seit den 80er-Jahren wurden in Aarau aber keine richtig hohen Häuser mehr gebaut. Neue hat man nur drei in Aussicht: Im ehemaligen Industriegebiet Torfeld Süd sind zwei Hochhäuser geplant – eines wird den Rockwell-Turm ersetzen. Zudem überlegt man sich bei der Stadtentwicklung neben dem Telli-Hochhaus noch einmal in die Höhe zu bauen.

Wenig geeignet für Wohnungen

Warum sind vor allem in Aarau – aber auch in Baden – nicht mehr Hochhäuser geplant, wo doch verdichtetes Bauen dringend nötig ist? Der Überbauungsgrad in Baden liegt laut der Stadt bei 95 Prozent.

Rolf Wegmann in Baden erklärt: «Ein Hochhaus kann an einem bestimmten Ort die richtige Lösung sein, aber Hochhäuser sind nicht pauschal die Antwort auf innere Verdichtungen.» Kommt hinzu: Hochhäuser haben einige Nachteile. Nina Stieger, Stadtentwicklerin in Aarau, zählt sie auf: Wohnungen ab dem 5. Stock seien nicht mehr familientauglich, weil die draussen spielenden Kinder nur noch mühsam beaufsichtigt werden könnten. Zudem gebe es bei wirklich hohen Blöcken keine Balkone und der Lärmschutz vor Hauptverkehrsachsen sei schwierig, da Schallschutzmauern auf dieser Höhe nichts nützen. «Hochhäuser sind geeignet für Büros und Hotels», so Stieger, «aber für Wohnungen sind Mieter oft schwer zu finden.»

Lieber 8 statt 20 Geschosse

Man setzt deshalb lieber auf verdichtetes Bauen mit einer Gebäudehöhe bis ca. 25 Meter. «Mit hohen Häusern statt mit Hochhäusern können wir eben so gut verdichtet bauen», sagt der Aarauer Stadtbaumeister Felix Fuchs. Denn mit einem Hochhaus ist der Landgewinn nicht garantiert: Infolge Schattenwurf und Kompensation der hohen Ausnutzung muss bei Wohnbauten meist ein grosser Umschwung einberechnet werden. Umschwung, der wie zwischen den Aarauer Telli-Blöcken oft schlecht genutzt wird, weil man sich umgeben von den hohen Gebäuden beobachtet fühlt. Dort ist die Ausnützung des Bodens keineswegs höher als in der Aarauer Altstadt, wo die Häuser meist nur fünfgeschossig, aber dicht an dicht gebaut sind.

Hochhäuser sind zwar wieder im Gespräch, aber die Skylines von Baden und Aarau werden sich in Zukunft nur am Rande durch einige Hochhäuser verändern. Schon heute stehen in Aarau von den elf über 40 Meter hohen Gebäuden nur drei im Zentrum. Beide Städte sind momentan daran, ihre Bau- und Nutzungsordnung so zu überarbeiten, dass sie eine Verdichtung überhaupt erlaubt.

Akzeptanz in Bevölkerung nötig

Aber nicht nur die rechtlichen Voraussetzungen müssen zuerst geschaffen werden: Die Anwohner müssen der Überbauung in der Folge auch zustimmen. «Wenn dichter gebaut werden soll, bedarf dies einer sehr sorgfältigen Planung, damit die Projekte bei der Bevölkerung Akzeptanz finden», so Wegmann. Auch deswegen liegt das Augenmerk beider Städte künftig besonders auch auf der Entwicklung der Grünzonen und öffentlichen Plätzen.