Furka-Bergstrecke
Die historischen Aargauer Bahnwagen fahren wieder auf die Furka hinauf

Die Dampfbahn-Strecke zwischen Oberwald VS und Realp UR ist am Samstag wieder eröffnet worden. Die Wagen werden in Aarau hergestellt und saniert. Die az begleitete Aargauer Bahnfans auf der Eröffnungsfahrt hoch in den Schnee.

Bastian Heiniger
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Sie zischt, schnaubt und brummt, als könnte sie nicht mehr länger stillstehen. Aus ihrem Bauch dampft grauer Rauch. Der Wind zerzaust ihn in alle Richtungen. Passagiere klappen die Regenschirme ein, huschen in die Wagen. Wädi, so möchte er genannt werden, klettert in den Führerstand. Seit über zehn Jahren fährt er die Dampfloks der Furkabahn. Später wird er sagen, alle seien ein wenig nervös, auf der ersten Fahrt der Saison. Ist genug Kohle da, gelingen die heiklen Stellen, werden die Passagiere zufrieden sein?

Die Plätze sind ausgebucht, gut hundert Eisenbahnfans dürfen mitfahren. Auch die Aargauer Sektion des Vereins Furka-Bergstrecke organisierte eine Carreise nach Oberwald. Viele der Angereisten tragen das Logo der Furka-Dampfbahn auf ihren Mützen, Pullovern und Fleece-Jacken. Es sei jedes Mal ein Erlebnis, sagt eine Passagierin, die schon drei Eröffnungsfahrten miterlebte. Doch werden sie heute enttäuscht? Regen peitscht gegen die Fenster, die tief hängenden Wolken scheinen wie festgeklebt zwischen den Berggipfeln.

Zahlen zur Furkabahn

18 Kilometer beträgt die Strecke zwischen Oberwald und Realp. Die Fahrt dauert etwas mehr als zwei Stunden.

30 Kilometer pro Stunde beträgt die Höchstgeschwindigkeit der Furka-Dampfbahn.

3 Monate ist die Bahn in Betrieb. Vom 20. Juni bis zum 27. September. Für eine Fahrt ist die Platzreservierung notwendig.

Zweihundert Meter oberhalb des Bahnhofs bringen sich Fotografen in Stellung. Die Lok versinkt nun in einer Rauchschwade. Dann ein Hupen, das den gesamten Talkessel erfüllt und noch Sekunden nachhallt. Keuchend bringt sich die 40 Tonnen schwere Lok NR. 9 in Fahrt, kämpft sich langsam voran mit ihren drei Wagen. Schwarz und golden glänzt sie im Regen. Wädi scheint alles im Griff zu haben, kurz blickt er aus dem Führerstand — und fährt weiter in Richtung Furka, hoch auf 2100 Meter.

Sie braucht mehr Kohle als sonst

Im Windschatten des Bahnhofs Gletsch, auf über 1700 Metern, warten weitere Passagiere. Nun ist der Zug voll. Kessel voller Kohle werden zur Lok gebracht. Heute braucht sie mehr als sonst — 800 Kilogramm Kohle, normal wären es 700. «Die Räder schleudern», sagt Wädi. Die Schienen seien zu nass und teilweise liege Reif darauf. Steil geht es nun hinauf. Unentwegt schaufelt der Heizer Kohle in den Ofen. Schwarze Hände, schwarze Kleider.

Die Saison der historischen Dampfbahn auf die Furka ist eröffnet.
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Diese originale Dampflok wurde in den 1990er-Jahren aus Vietnam zurückgeholt.
Die Wagons werden in Aarau hergestellt un saniert.
18 Kilometer beträgt die Strecke zwischen Oberwald und Realp.
Es zischt, dampft und pfeift: Eindrücke von der Dampfbahnfahrt am Furkapass – neben den Geleisen und aus dem Führerstand.
Im Jahr 2000 wurde ein Teil der Strecke wiedereröffnet.
Erst seit 2010 ist wieder die gesamte Strecke zwischen Oberwald (Wallis) und Realp (Uri) in Betrieb.
3 Monate ist die Bahn in Betrieb: Vom 20. Juni bis zum 27. September.
Vor der Fahrt tankt Wädi, der Lokführer, rund 3000 LIter Wasser.
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Die Saison der historischen Dampfbahn auf die Furka ist eröffnet.

Pascal Gertschen

Im Führerstand holpert und schüttelt es. Rechts steht Wädi, links der Heizer. Dampf schlägt ihnen zuweilen ins Gesicht, und immer wenn Wädi kurz den Ofen öffnet und die Flammen herausspeien, schiebt der Heizer eine Schaufelladung nach. Schweiss tropft beiden herunter, Worte wechseln sie kaum. Der Regen lässt nach und die Sonne bricht nun fast durch die Wolken, unten zieht die Rhone vorbei, am Berg türmen sich Schneemauern.

Wie die meisten Mitarbeiter der Furka-Dampfbahn arbeiten beide unentgeltlich. Wädi ist bereits pensioniert und Hugo Zandegiacomo, der Heizer, arbeitet sonst bei der Polizei im Kanton Schwyz. Kohlen zu schaufeln, sei zwar anstrengend, sagt er, aber erfüllend. «Ein Job, den es ja eigentlich gar nicht mehr gibt.»

Die Wagen kommen aus Aarau

Freiwillig arbeiten für die Furka-Dampfbahn auch Woche für Woche bis zu 65 Personen der Sektion Aargau, seit 21 Jahren. In Aarau wurden sämtliche Wagen restauriert. Und in zwei Wochen wollen sie den neusten zum Depot nach Realp bringen: Derzeit arbeitet der Verein an einem Wagen, der nächstes Jahr in Betrieb kommen soll. Doch was treibt die Bahnfans dazu an?

Kurt Baumann, der Präsident, erklärt es so: Sie seien eine eingeschworene Truppe. «Es ist wie bei den Modellbauern, nur können wir nachher selber mitfahren.» Doch die Vereinsmitglieder betätigen sich nicht nur am Wagenbau. Jährlich verbringen sie eine Woche in Realp und helfen, die Bahnstrecke in Schuss zu halten: Gleise reparieren, Abschnitte erneuern, Gebüsch zurückschneiden, oder vor Saisonbeginn die Steffenbachbrücke wieder aufrichten — im Winter wird diese wegen der Lawinen zugeklappt.

Kurz vor der Station Furka wird es dunkel im Wagen. Ein Mann mit Laterne betritt das Abteil. Er erklärt, dass der Tunnel bald saniert werden müsse. Der Berg drücke ihn mehr und mehr zusammen. Er meint auch, dass nun die Fenster geschlossen bleiben sollen. Obwohl, etwas Kohlendampf sei ja gesund, sagt er. «Das putzt richtig durch.» Auf 2100 Metern verhindern aufziehende Nebelschwaden die Aussicht. Sehenswert bleibt die Weiterfahrt nach Realp dennoch. Alpenrosen blühen und Murmeltiere kommen aus ihren Verstecken.