Jugend
Die heutige Jugend: Zu angepasst, bünzlig, orientierungslos, langweilig

Wie rebellisch sind die jungen Menschen heute, warum interessieren sie sich nicht für Politik? Eine Tagung der Fachhochschule Nordwestschweiz klärte auf. Oberstufenlehrer und Wissenschaftler versuchen, dem Thema auf den Grund zu kommen.

Aline Wüst
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Nur wenige Jugendliche interessieren sich für Politik (Im Bild: Jugendsession im Bundeshaus)

Nur wenige Jugendliche interessieren sich für Politik (Im Bild: Jugendsession im Bundeshaus)

Keystone

Jugendliche besetzten im Februar ein leerstehendes Haus in Aarau. Sie fordern mehr Freiraum. Sie kämpften nach eigenen Angaben gegen die Perspektivenlosigkeit, wollten ein autonomes Jugendzentrum und kündeten an: Das ist der Startschuss für eine mehrmonatige Freiraumkampagne.

Mit der Revolte der Jugend befassten sich Oberstufenlehrer an einer Tagung der Fachhochule Nordwestschweiz. Dabei stand auch die Frage im Raum, ob es solche Revolten heute überhaupt noch gibt.

Jugend im Leistungsdruck

Ein Blick auf das Jugendbarometer, eine jährlich durchgeführte Studie der Credit Suisse, zeigt: Die Jugend ist bünzlig. Geld ist ihr wichtig, sie ist leistungsorientiert. Die Politik ist out. Nur gerade 7 von 100 Schweizer Jugendlichen interessieren sich nach eigenen Angaben sehr stark für Politik. Dieses Bild der Jugend ergibt auch eine Strassenumfrage der Aargauer Zeitung.

Vera Sperisen vom Zentrum für Demokratie in Aarau hält dagegen. Es spiele eine grosse Rolle, wie man «politisch sein» umschreibe. Gehe es um Parteizugehörigkeit oder regelmässige Stimmbeteiligung, seien wenig junge Menschen politisch. «Bedeutet politisch sein aber, sich für gesellschaftliche Fragen zu interessieren und eine individuelle Meinung zu haben, sind viele Jugendliche politisch.»

Die Wissenschafterin Vera Sperisen beschäftigt sich seit sechs Jahren mit Jugendbewegungen. «Die heutige Jugend hat eine schwierige Position», findet sie. Der Leistungsdruck sei gross, damit steige auch der Druck, sich rasch in die Gesellschaft integrieren zu müssen. Dabei bleibe wenig Zeit, um nachzudenken. «Vielleicht auch ein Grund, weshalb die heutige Jugend angepasster wirkt?»

Die Utopie vom anderen Leben

An der Tagung referierte auch Heinz Nigg, Ethnologe und Kunstschaffender aus Zürich. «Jugendprotest ist ein Seismograf der Gesellschaft», sagt er. Es spiele keine Rolle, ob er nur von wenigen ausgehe. Auch bei der 68er-Bewegung und den Jugendprotesten in den 80er-Jahren habe nicht eine ganze Jugend aufbegehrt. Es seien wenige gewesen, die etwas erreicht hätten.

Die von diesen früheren Jugendprotesten geforderte Freiheit des Individuums sei mittlerweile zum Mainstream geworden. Dafür müsse die heutige Jugend nicht mehr kämpfen. Betrachtet man aber die nächtlichen Tanzdemonstrationen wie kürzlich in Aarau, gehe es vordergründig zwar um mehr Raum für junge Menschen. Spreche man länger mit den Jugendlichen, werde klar, dass mehr als nur der Wunsch nach Freiraum dahinterstecke. «Die Jugendlichen versuchen, der Gesellschaft eine Utopie von einem anderen Leben entgegenzustellen.» Sie machten dabei auch aufmerksam auf einen Mangel an Geborgenheit und Zuwendung.

Abgrenzung ist schwierig

Die Tagung besucht hat auch Therese Künzler von der Bezirksschule Mutschellen. «Die heutige Jugend ist fast zu angepasst», sagt sie. Das habe vielleicht auch damit zu tun, dass viele Eltern heute so wahnsinnig jugendlich sein wollen. «Die Abgrenzung fällt den Jugendlichen so doppelt schwer.»

Und auch René Bliggensdorfer, Geschichtslehrer an der Bezirksschule Bremgarten, sagt: «Ich erlebe die Jugend als langweilig.» Früher seien junge Menschen von den Normen der Gesellschaft viel stärker eingeschränkt gewesen. «Heute ist die Jugend oft orientierungslos.» Es sei einfacher, einen vorgegebenen Weg zu gehen, als aus hundert Möglichkeiten auszuwählen. Mit Blick auf Jugendproteste sagt Bliggensdorfer, dass viele Jugendliche heute einen grossen Teil ihrer Freizeit mit Computerspielen verbringen. «Dieser soziale Rückzug ist auch eine Form des Protestes.» Beim Gamen müsse man keine Entscheidungen treffen, die Konsequenzen haben. Und vor Entscheidungen fürchten sich doch heute viele junge Menschen, sagt er.

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