1914

Die Hauptstadt glich einem Heereslager: So erlebte der Aargau die ersten Kriegstage

Die dritte Kompanie des Freiämter Füsilier-Bataillons 46 am 4. August 1914 in Aarau auf dem Weg zur Vereidigung im Schachen. Zu Pferd Kommandant Remigius Sauerländer. Staatsarchiv Aargau/Privatnachlass Remigius Sauerländer

Die dritte Kompanie des Freiämter Füsilier-Bataillons 46 am 4. August 1914 in Aarau auf dem Weg zur Vereidigung im Schachen. Zu Pferd Kommandant Remigius Sauerländer. Staatsarchiv Aargau/Privatnachlass Remigius Sauerländer

Die Mobilmachung vollzog sich im Aargau praktisch reibungslos. Nach der Vereidigung rückten die Truppen sofort ab, um an der Grenze im Baselbieter und Solothurner Jura Stellung zu beziehen. Es war ihr erster von sechs Aktivdiensten.

Der Bundesrat ordnete am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung auf den 3. August an. «Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen», schrieb das «Aargauer Tagblatt» am ersten Mobilmachungstag im damals üblichen Pathos, «strömt die schweizerische Armee auf ihren Sammelplätzen zusammen, um dann an die französische Grenze geworfen zu werden. Des Volkes heiligstes Vertrauen geht mit ihnen.» 

Die ersten Aargauer Truppen rückten schon am 3. August, der Hauptharst tags danach in Aarau ein. Manchenorts begleiteten die örtliche Bevölkerung und Musikgesellschaften die Soldaten an den heimischen Bahnhof, von wo es per Sonderzug nach Aarau ging. Im Schachen in Aarau wurden die Truppen dann von Militärdirektor Arnold Ringier vereidigt. Gemäss Zeugnissen Beteiligter war es ein sehr bewegender Moment.

120 Patronen pro Mann

Pro Mann wurden 120 Gewehrpatronen abgegeben. Spätestens da wussten alle: Es gilt ernst. Zuvor waren die Einheiten unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung durch Aarau (siehe Bild) paradiert. Aarau glich einem Heerlager, bevor sich die Verbände über die Jurapässe an die Grenze im Baselbieter und Solothurner Jura verschoben, wie Willi Gautschi in der «Geschichte des Kantons Aargau» schreibt. Dort wurden als Erstes Feldbefestigungen und Schützengrabensysteme mit Drahtverhauen erstellt.

Leute kauften die Läden leer

Schon vor Kriegsausbruch hatten die Menschen begonnen, ihre Vorräte aufzustocken und die Läden leerzukaufen. So sah sich der Konsum-Verein Baden gezwungen, schon am 31. Juli via Inserat zu verkünden, dass nur noch Mengen bis 1 kg abgegeben würden. Aufgrund «des kolossalen Verbrauchs der letzten Tage für Zucker, Hülsenfrüchte, Mehl, Haferartikel, Griess, Mais und Teigwaren» müsse man Aufschläge verrechnen.

Seoner Konserven für die Armee

Mit Blick auf die rasch eingetretene Verteuerung der Nahrungsmittel und aufgewühlt vom Beschluss der Aarauer Bäcker von Anfang August, den Brotpreis zu erhöhen, fragte ein besorgter Einsender im «Aargauer Tagblatt», ob es nicht auch heilige Pflicht der Obrigkeit sei, strenger dafür zu sorgen, «dass die Zurückbleibenden nicht ausgebeutet werden»?

Verkompliziert wurde die Ernährungslage, weil natürlich auch die Truppen im Felde versorgt werden mussten und manche Felder nicht abgeerntet werden konnten, weil auch Bauern und Knechte hatten einrücken müssen. Derweil erhielten die Konservenfabriken von Lenzburg und Seon vom Eidgenössischen Kriegskommissariat den Auftrag, fortan für die Armee zu produzieren. Die dafür nötigen Angestellten wurden vom Militärdienst freigestellt.

Nicht so viel Glück hatten die Käser, die bereits im Felde standen. Damit die Käsereien weiterbetrieben werden konnten, musste der Regierungsrat «Bern» um Dispensationen anfragen. «Bern» signalisierte immerhin, man könne und wolle hier Lösungen finden.

Ein Einsehen hatte die Regierung am 4. August mit einem Grossrat aus Bremgarten, dessen in Oberwil lebender Sohn einrücken musste, seinen Hof aber nicht unbewirtschaftet zurücklassen konnte. Der Knecht des Sohns sass nämlich wegen Betruges für sieben Monate in Lenzburg ein. Am 7. August wäre die Strafe verbüsst gewesen. Der Grossrat bat, man möge den Knecht sofort freilassen. Weil er sich im Gefängnis gut führte, bereit war, sofort wieder auf dem Hof in Oberwil zu arbeiten und angesichts der «ausserordentlichen Umstände» wurde er von der Regierung grosszügigerweise für die letzten drei Gefängnistage «vorläufig beurlaubt».

Bürgerwehren schützen Felder

Wie ernst sich die Lage entwickelte und welche Versuchung noch nicht abgeerntete Felder für manche Zeitgenossen darstellten, zeigt sich in der sofortigen Gründung von Bürgerwehren. In Wohlen patrouillierte eine solche erstmals in der Nacht vom 7. auf den 8. August. Sie bewachte wichtige Gebäude, vor allem aber die Felder. Ende August bewilligte der Regierungsrat Gewehrabgaben für Bürgerwehren in Suhr, Windisch, Rupperswil, Wohlen und in weiteren Gemeinden. Der Zweck war klar: Es ging um den Schutz des Eigentums der Bürger, besonders der Feldfrüchte.

Die Nahrungsmittellage beruhigte sich dann aber ab Mitte August wieder. Auch viele Guthaben, welche die Menschen bei Kriegsbeginn in Panik von den Banken abgehoben hatten, fanden nach und nach den Weg dorthin zurück. Gute Geschäftsleute merkten übrigens sofort, wo man etwas verdienen kann. So pries ein Aarauer Tricotgeschäft in Zeitungsinseraten den Wehrmännern seine «Tricot-Unterkleider» an.

Die eingerückten Wehrmänner fehlten im Zivilen natürlich überall. Es gab Gemeinderäte mit nur noch einem Mitglied. Diese, die Gemeindekanzleien, Feuerwehren usw. mussten behelfsmässig reorganisiert werden.

Keine Extrawurst für Baden

Schon in den ersten Augusttagen ordnete der Regierungsrat mit Blick auf die ernste Lage an, Restaurants seien für die Zivilbevölkerung ab sofort abends um 23 Uhr zu schliessen und sie dürften an Sonn- und Feiertagen nicht vor 11 Uhr öffnen. Bald darauf wurde ruchbar, dass das Stadtammannamt der lebensfrohen Bäderstadt Baden – wohl mit Rücksicht auf verbliebene Kurgäste – Weisung gegeben habe, es mit der Schliessungszeit am Sonntagmorgen nicht so genau zu nehmen. Schliesslich musste Baden offiziell für eine Öffnungserleichterung anfragen – und blitzte ab. Es gab keine Extrawurst für Baden.

Armut als Kriegsfolge

Die finanzielle Situation zahlloser Familien verschlechterte sich nach der Mobilmachung sofort. Plötzlich fehlte der Ernährer. Der Regierungsrat gründete zwar rasch eine kantonale Notstandskommission. Sie sollte ohne Rücksicht auf Nationalität für zureichende Ernährung, Bekleidung, Beheizung und Obdach sorgen.

Personen und Familien mit bescheidenem Einkommen wollte man verbilligte Lebensmittel abgeben. Die Aktion war aber nur schwer in Gang zu bringen, wie Willi Gautschi schreibt. 1914/15 machte weniger als die Hälfte aller Gemeinden mit. Von 1914 bis 1918 verdoppelten sich die Preise, die Löhne hielten nicht mit. Immer mehr Menschen verarmten. Von Jahr zu Jahr mussten Bund, Kantone und Gemeinden mehr Leute unterstützen. So bezogen im August 1917 im Aargau 40 000 Menschen verbilligtes «Notstandsbrot».

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