Wahlkampf
Die Grünen wollen die 10-Prozent-Marke knacken

Die Grünen haben sich spätestens nach den letzten Grossratswahlen 2009 in der Aargauer Parteienlandschaft etabliert. Die Partei mit kleinem Wahlkampfbudget möchte mit unorthodoxem Wahlkampf einen Sitz zulegen.

Fabian Muster
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Beu den letzten Wahlen gewannen die Grünen sechs Sitze.

Beu den letzten Wahlen gewannen die Grünen sechs Sitze.

Aargauer Zeitung

Sie traten erstmals in allen Bezirken an und präsentierten mit 135 Kandidierenden hinter SVP und FDP die drittgrösste Auswahl. Mit der erstmaligen Vertretung in der Regierung durch Susanne Hochuli und einem Zuwachs von gleich
6 auf 13 Grossratsmandate übertrafen die Grünen damals sogar ihr eigenes Wahlziel um 2 Sitze. Ausser in Zurzach waren sie von da an in allen elf Aargauer Bezirken vertreten.
In diesem Jahr streben die Grünen mit fast überall vollen Listen (nur im Bezirk Bremgarten hat sich eine Person kurz vor Meldeschluss zurückgezogen) eine Konsolidierung an und geben sich damit etwas bescheidener. Präsidentin Gertrud Häseli will die 10-Prozent-Marke knacken, und damit um etwas mehr als einen Prozentpunkt an Wähleranteilen zulegen. Plus ein Sitz heisst das Ziel. Das Mandat soll im Bezirk Zurzach geholt werden, wo die Partei bisher nicht vertreten ist. Mit einer vollen Liste, aber gänzlich politisch unbekannten Personen kein leichtes Unterfangen.
Abgrenzung zu Grünliberalen
Häseli ist sich bewusst, dass die neue Konkurrenz mit den Grünliberalen den Grünen gewisse Sorgen bereiten wird. Schon bei den letztjährigen Nationalratswahlen konnte die von den Grünen abgespaltene Partei mehr von Fukushima profitieren als das Original. Im Aargau ging der Wähleranteil von 8,1 auf 7,3 Prozent zurück.
Mit der Kernkompetenz, der Förderung der erneuerbaren Energien und dem Schutz der Umwelt, wollen sich die Grünen von der nächsten Konkurrenz abgrenzen und verhindern, dass sie hinter der Kopie zu wenig wahrgenommen werden. Alle Flyer sind dementsprechend mit dem Hinweis «Wählen Sie das grüne Original» gekennzeichnet. «Bei Energie und Umwelt wird uns einfach den am meisten Kompetenz zugetraut», sagt Häseli.

Fokus auf Umsetzung

Der von der Aargauer Regierung mitgetragene Ausstieg aus der Atomkraft soll die Partei alles andere als überflüssig machen. Der Fokus verschiebt sich nun vom Atomausstieg zu dessen Umsetzung: Sei es das allgemeine Fernziel der 2000-Watt-Gesellschaft oder das konkrete mit dem automatischen Bezug von erneuerbarem Strom statt konventionellem aus der eigenen Steckdose. Nur mithilfe der Grünen ist laut Häseli ein grüner Staat zu machen, weil die bürgerliche Parlamentsmehrheit die Umsetzung ansonsten verschlafen würde.
Die Grünen wollen aber nicht nur auf Energie und Umwelt reduziert werden und bewirtschaften schwerpunktmässig vier weitere Themen. Mit dem Slogan «Grüne Wirtschaft» wehrt man sich gegen Wachstum um jeden Preis: Qualität und nicht Quantität heisst hier die Devise. In der Raumplanung will man gegen innen verdichten oder Industriebrachen wieder nutzbar machen, in der Wirtschaft möchte man den Genossenschaftsgedanken, etwa beim Wohnungsbau, stärken.

Bei der Landwirtschaft wird voll auf die ökologische und regionale Produktion gesetzt. Die soziale Verantwortung will die Partei wahrnehmen, indem das Pflegegesetz an der Urne angenommen und dann per Initiative die umstrittene 20-prozentige Patientenbeteiligung wieder bekämpft wird. Und mit dem Schlagwort «Saubere Mobilität» werden die Grünen weiterhin jegliche Umfahrungen oder Strassenneubauten bekämpfen und sich im Gegensatz dazu für den Ausbau des öV einsetzen. Denn: «Wer Strassen sät, erntet Verkehr.»
Keine Angst um Hochuli
Für den Wahlkampf hat sich die kleinste Regierungspartei eine Guerilla-Taktik ausgewählt. So will man das schmale Budget von insgesamt 60 000 Franken effizienter einsetzen und die junge Generation ansprechen - sie macht mit den Frauen die Hälfte der Wählerschaft aus: Mit Kreide- und Moosgraffiti wird der Wahlkampf mit Plakaten, Standaktionen und Flyern ergänzt.

Regierungsrätin Susanne Hochuli verteidigt ihren Sitz ebenfalls mit speziellen Mitteln: Statt der wilden Plakatiererei an den Strassen setzt sie nur auf die fest installierten Plakatflächen an stark frequentierten Orten mit 160-Zeichen-Kurzmeldungen à la Twitter.

Häseli ist überzeugt, dass die eigene Regierungsrätin trotz Angriff von SVP-Kandidat Thomas Burgherr, der mehr oder weniger explizit den Sitz der Grünen beerben will, und dem Bettwil-Debakel nicht gefährdet ist. Häseli: «Sie drückt sich nicht vor Entscheidungen, wie gerade der Fall Bettwil beweist.»