Rupperswil-Prozess
Die grosse Frage nach dem «Warum» bleibt – eine Spurensuche in den Aussagen von Thomas N.

Fragen beantwortet, zu sich und zu seiner Tat, dem Vierfachmord von Rupperswil, hat Thomas N. während dies viertägigen Prozesses viele. Doch eine Antwort bleibt N. auch nach der Urteilseröffnung schuldig: Warum?

Mario Fuchs und Andreas Maurer
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Thomas N. ist für den Vierfachmord von Rupperswil, begangen am 21. Dezember 2015, verantwortlich. Dieses Bild von ihm kursiert schon kurz nach seiner Festnahme im Mai 2016 in den Medien.
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Festgenommen wurde Thomas N. am 13. Mai 2016, fast 5 Monate nach der Tat.
Diese Bilder zeigen Thomas N. als Junioren-Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, vier Monate nach der Tat.
Thomas N. war Koordinator bei der Seetal Selection, bei denen Junioren des SC Seengen und des FC Sarmenstorf spielen.
Diese Bilder zeigen Thomas N. als Junioren-Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, vier Monate nach der Tat.
Schrecklich normale Bilder vom Fussballplatz: Hier hält der Vierfachmörder eine Linienrichterfahne in der Hand.
13. März 2013: Thomas N. am ersten Prozesstag – so sieht ihn AZ-Zeichner Marco Tancredi.
Immer wieder stützt Thomas N. am Prozess seinen Kopf auf der Hand auf.
Am ersten Prozesstag wird Thomas N. vom Gericht befragt. «Mein Sexualleben ist im Gefängnis nicht vorhanden», sagt er etwa.
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Thomas N. wird vor den Medien abgeschirmt Nach dem ersten Prozesstag verlässt ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau die Tiefgarage der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim, wo der Prozesstag stattfindet. Die Polizei fährt Thomas N. zurück ins Zentralgefängnis Lenzburg. Nach dem Prozess wird er zurück in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH gebracht.
Im Schlusswort am Mittwoch, dem zweiten Prozesstag, sagt er zu den Hinterbliebenen: «Es tut mir leid. Entschuldigung.»
Thomas N. und seine Verteidigerin am letzten Prozesstag, an dem das Urteil verkündet wird.
Thomas N. - der Vierfachmörder von Rupperswil

Thomas N. ist für den Vierfachmord von Rupperswil, begangen am 21. Dezember 2015, verantwortlich. Dieses Bild von ihm kursiert schon kurz nach seiner Festnahme im Mai 2016 in den Medien.

ZVG

Nicht schockiert, nicht traurig, nicht aufgelöst: Regungslos steht Thomas N. gestern Vormittag kurz nach 10 Uhr im Theoriesaal der Mobilen Polizei in Schafisheim. Die Hände vor dem Bauch übereinandergelegt, die Augen nur einen kleinen Spalt geöffnet. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach verliest das Urteil. Lebenslänglich. Ordentliche Verwahrung. Kein Blinzeln, kein Zucken, kein Blick zum Gerichtspräsidenten. Es ist die teilnahmsloseste Reaktion, die es gibt: eine Zurkenntnisnahme.

N. nimmt, als er sich zur Begründung des Urteils wieder setzen darf, ein Papiertaschentuch in die Hand. Falls er weint, tut er dies innerlich. Tränen sind keine zu sehen.

Fragen beantwortet, zu sich und zu seiner Tat, dem Vierfachmord von Rupperswil, hat er viele. 88 Bundesordner Akten, zwei psychiatrische Gutachten. Doch eine Antwort bleibt N. schuldig: Warum? Warum mussten am 21. Dezember 2015 in Rupperswil vier Menschen auf «unmenschliche» Art, wie er selber sagte, sterben? N. hatte darauf keine Antwort. Er gab lediglich Hinweise, Anhaltspunkte, Mutmassungen. Das zeigt der Blick in die Protokolle. Es sind N.s Worte im Originalton, aus Einvernahmen kurz nach der Tat, wie sie von der Verteidigerin in ihrem Plädoyer wiedergegeben wurden, und es sind N.s Antworten auf die Fragen des Gerichts. Ein Protokoll der Sinnlosigkeit.

«Nur ein Gedankenspiel»

«Ich weiss es schon lange. An Mädchen hatte ich kein Interesse. Am Anfang hatte ich Interesse an Gleichaltrigen. Dann wurde ich älter, aber meine Interessen blieben dort. Ich merkte: Scheisse, ich bin pädophil. (...) Ich habe am Morgen den Computer angelassen und die erste Internetseite war eine pornografische. Wenn ich längere Zeit nicht drauf gehen konnte, wegen Ferien oder so, dann habe ich das gemerkt. (...) Irgendwann wurde es eine Sammelwut. Man schaut sich nicht alle an. Man hat einfach eine Mediathek. Ich dachte, jetzt kommt dann die Polizei. Aber es kam niemand. (...) Irgendwann beginnt man sich vorzustellen, wie es wäre mit einem Kind. Ich hatte aber nie jemanden unsittlich berührt, auch nicht im Fussballclub.

Aus heutiger Sicht sage ich, dass jeder, der es konsumiert, auch ein Mittäter ist. Wenn die Nachfrage nicht wäre, würde man es auch nicht anbieten. Das war dannzumal schwierig zu erkennen. Das habe ich ausgeblendet. (...) Ich dachte damals, ich schnappe die Buben, wenn sie um die Ecke kommen. Ich sah sie und dachte, nein, Blödsinn, wie wenn der ganze Körper sagt, Nein, ich dachte: Was bin ich für ein Idiot, dass es so weit gekommen ist. (...) Am Anfang war es ein Gedankenspiel. Der Bub, also Davin, hätte auch neben einem Polizeiposten wohnen können. Am Anfang war es nur ein Gedankenspiel.»

«In einer Blase»

Thomas N. hat den Kopf während der Befragung vor Gericht die meiste Zeit gesenkt. Seine Stimme ist monoton, es sind keine Emotionen hörbar. Ein wenig Unsicherheit vielleicht, aber keine Nervosität. Er schaut weder die Opfer noch die Richter noch die Journalisten im Saal an. Erst, als Bezirksrichterin Marianne Bitterli ihn unmissverständlich dazu auffordert, den Angehörigen der Mordopfer, die in der ersten Reihe sitzen, einmal ins Gesicht zu sehen, gehorcht er: kurzer, verstohlener Blick.

«Ich kam dorthin. Und dachte wieder: Nein, es hat nicht den Wert, es zu machen. Ich liess mir alles nochmals durch den Kopf gehen. Keine Ahnung, warum ich es trotzdem machte. Ich ging zur Tür. Zu Hause hatte ich die Hunde zurückgelassen und gefüttert. Ich fragte mich: Was machst du? Geh weg. (...) Ich redete mir Mut zu und lief nach hinten, also in Richtung Familie Schauer. Der erste Schritt war die Türklingel. Niemand machte auf. Ich war erleichtert, zum Glück machte niemand auf. Doch dann öffnete Carla Schauer die Tür. Jetzt wusste ich, ich musste es tun.

Auch im Nachhinein wenn ich es mir durch den Kopf gehen lasse: Es ging so viel nicht schief, was hätte schiefgehen können. Sie hätte meinen Ausweis verlangen können. Sie hätte sagen können, sie wolle beim Gespräch dabei sein. Tja.»

Sie hätten mehrmals Gelegenheit gehabt, das Haus ohne die vier Tötungen zu verlassen. Warum haben Sie das nicht gemacht?

«Das war in dieser Phase schwierig, irgendetwas zu entscheiden. Ich habe mich wie davor gedrückt. Es hätte Überwindung gebraucht, zu gehen.»

Es hätte Sie mehr Überwindung gekostet, einfach zu gehen, als vier Tötungen vorzunehmen?

«Nein, nicht so. Vor dem Missbrauch, als die Mutter zurückkam mit dem Geld, war ich überrascht. Da habe ich im Prinzip das erste Mal eine Entscheidung treffen können. Da habe ich mich für den Missbrauch entschieden. Und als es schlimm war für mich, zum zweiten Mal eine Entscheidung zu treffen, da habe ich mich nicht entschieden, zu gehen (...) Es war wie vier Leute in einer Blase drin. Ich musste nichts entscheiden.»

Warum, Herr N., hat es zu diesen Tötungen kommen müssen?

«Das ist eine schwierige Frage. Die Tat vertuschen. Angst, Schande. Das waren die Hintergedanken.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

«Jetzt musst du»

«Wenn man vernünftig überlegt, hat die Sache ja mehrere Fehler. Ein Brandbeschleuniger, der nicht der beste ist. Es hatte x Fehler, aber ein Teil in mir sagte, du machst es eh nicht, und am Schluss klingelst du an der Tür und wirst in dieses Ding hineingezogen.

Was hätte ich ihm, Dion, sagen, sollen? Ich stand da mit dem Messer. Er stand vor mir, sportlich, also was machst du? Ich war eigentlich am Gehen, was soll man tun? ‹Wart schnell, ich hole die Fesseln?› Es war wie: ‹Jetzt kannst du nicht mehr anders, jetzt musst du.›»

Haben Sie schon mal an die Opfer gedacht?

«Ja.»

Wie müssen wir uns das vorstellen?

«Schmerzhaft, was sie erleben mussten. Oder wie sie auf dem Obduktionstisch liegen.»

Sie beschreiben das sachlich. Haben Sie auch Emotionen, die damit verbunden sind?

«Ja, Schmerz.»

Planten Sie weitere Taten?

«Ja, irgendwann wäre es passiert. Die nächste Tat wohl im KantonSolothurn.»

Herr N., Sie haben das letzte Wort.

«Ich alleine bin für diese Taten verantwortlich, ich alleine habe die Entscheide getroffen, ich bedaure das zutiefst. Falls da ein falscher Eindruck entstanden ist, tut es mir leid. Wie kann man für Entschuldigung bitten für eine solche Tat? Aber Sie haben recht: Das Wort ‹Entschuldigung› hätte wohl vorkommen sollen, darum: Entschuldigung.»

Nach dem Urteil bespricht sich Thomas N. kurz mit seiner Verteidigerin. Dann schiebt er den Stuhl zurück, steht auf, läuft zum Seitenausgang. Er lässt sich die Handschellen anlegen. Sein Gesicht ist regungslos.