Fremdsprachen
Die Geister scheiden sich: Welche Sprache soll früher gelernt werden?

Französisch oder Englisch? Darüber scheiden sich die Geister. Im Aargau lernen die Schüler zuerst Englisch und dann Französisch. Nicht in allen Kantonen ist es so. Ein Skandal, wie es der Präsident des Aargauischen Lehrerverbands beim Namen nennt.

Christine Fürst
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Der Bund schreibt vor, ab der dritten Primarschulklasse eine erste Fremdsprache zu erlernen, ab der fünften eine zweite. Eine dieser beiden Sprachen muss eine Landessprache sein, alles Weitere ist dem Kanton überlassen. Ab der dritten Primarschulklasse lernen die Aargauer Schüler Englisch, in der Oberstufe lernen sie Französisch, nach der Einführung des neuen Schulsystems 6/3 ab der 6. Primarschulklasse.

So lernen vor allem die gemischtsprachigen Kantone als erste Fremdsprache Französisch, die Zentral- und Ostschweizer Kantone wählen meist Englisch als erste Fremdsprache. «Es ist ein Skandal, dass man sich gesamtschweizerisch nicht einigen konnte», sagt Niklaus Stöckli, Präsident des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (ALV). Erst vor vier Jahren der Kanton im Aargau Englisch als erste Fremdsprache eingeführt. Nun verlangt der Verband vom Kanton, den Englischunterricht in der Primarschule zu evaluieren.

Ein Skandal sei es auch deshalb, weil vor allem die Kinder die Leidtragenden sind, wenn sie mit ihrer Familie in einen anderen Kanton ziehen würden, der die Fremdsprachen in der Schule anders regelt, ergänzt Stöckli. «Das Kind bekommt Probleme in der Schule, weil man sich bildungspolitisch nicht einigen konnte.»

Muss ein Bundesgesetz eingeführt werden?

Sein Vorschlag: Ein Bundesgesetz, das die Einführung der Fremdsprachen im Unterricht genau regelt. «Wenn der Bund in die Thematik eingreifen würde, müsste die Landessprache als erste Fremdsprache eingeführt werden», sagt Stöckli.
Ziel sei es, bis 2015 eine Harmonisierung auch bei der Umsetzung der Sprachen im Unterricht zu schaffen. Bis dann müssen die Kantone offenlegen, wie weit sie bezüglich dieser Harmonisierung sind. «Bezüglich des Fremdsprachenunterrichts ist das bis jetzt ganz offensichtlich nicht gelungen», sagt Stöckli, «so etwas kann nicht von heute auf morgen geändert werden.»

Ähnlich äusserte sich auch Beat W. Zemp, der Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, in einem Interview mit der NZZ am Sonntag: «Wir sollen das Angebot einer zweiten Fremdsprache für alle zwar aufrechterhalten, aber nicht für alle zur Pflicht machen.» Er schlägt vor, als erste Fremdsprache Französisch vorzuschreiben und als zweite Fremdsprache Englisch als Wahlfach ab der fünften Klassen anzubieten.

Kanton ist anderer Meinung

Diesen Aussagen gegenüber stellt sich Victor Brun, der stellvertretende Leiter der Abteilung Volksschule des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS). «Ich finde es vertretbar, bereits in der Primarschule zwei Fremdsprachen zu lernen.» Als ehemaliger Französisch-Lehrer empfiehlt er jedoch einen spielerischen Umgang mit den Sprachen in der Primarschule. Zudem hätten 15 Kantone Ja gesagt zu zwei Fremdsprachen in der Primarschule. «Ich glaube nicht, dass der Bund rasch eingreifen wird, um am heutigen System etwas zu ändern.»

Ziel der Harmonisierung sei es, in beiden Fremdsprachen auf einen ähnlich guten Level zu kommen. «Von da her ist es nicht so wichtig, mit welcher Sprache man zuerst beginnt. Dies entschärft für mich die Frage nach der Reihenfolge», ergänzt Brun. Im Aargau habe man, abgestützt auf eine Volksbefragung, vor vier Jahren Englisch als erste Fremdsprache eingeführt. Dies obwohl die westlichen Kantonsnachbarn Französisch als erste Fremdsprache unterrichten. «Beim Wohnortswechsel gibt es immer gewisse Probleme, diese werden im Aargau mit Stützangeboten abgefangen», sagt Brun.

Doch warum zuerst Englisch und nicht die Landessprache Französisch? «Ich denke, viele Erwachsene sind geprägt durch die eigenen, eher negativ geprägten Spracherfahrungen im Französisch, zudem hätten heute viel mehr Kinder bereits sehr früh Zugang zur englischen Sprache und auch in der Wirtschaft sei Englisch die wichtigste Sprache», sagt Brun.