Den einen ist Ruth Humbel zu forsch. Wenn beispielsweise aus Anlass der IV-Revision Behinderte in die Wandelhalle des Bundeshauses eingeladen werden, dann sagt sie: «Ob dieser Betroffenheitspolitik wird mir fast schlecht.» Andere finden diese direkte Art erfrischend – endlich sagt ein Politiker, was er wirklich denkt.

Dabei wurde bei ihr genau das immer wieder infrage gestellt. Ihre Vergangenheit als Direktionsmitglied beim Versicherungsverband Santésuisse trug Humbel den Ruf ein, stets im Interesse der Krankenkassen zu entscheiden.

«Es wird mir bis heute unterstellt, dass ich nicht selbstständig denken kann», sagt die Aargauer CVP-Gesundheitspolitikerin. Dabei setze sie sich in den Grundzügen für ein freiheitliches Gesundheitswesen ein. Und das deckt sich wiederum zu grossen Teilen mit den Ideen der Krankenkassen. Doch nicht immer.

Dass sie deren Vorgaben auch mal verschmäht, habe ihr Ärger eingebrockt: «Ich musste bei der Verbandsspitze antraben und mich rechtfertigen.»

So war sie beispielsweise eine treibende Kraft hinter dem verbesserten Risikoausgleich, der sich im Frühling im Parlament durchsetzte.

Dabei handelt es sich um einen Mechanismus zwischen den Kassen, der die Jagd nach jungen und gesunden Versicherten unterbinden soll. Humbel befürwortete zudem das Telefonwerbeverbot. Und dann will sie auch noch die Kinderrenten abschaffen. Nach diesem Kurs attestieren ihr auch politische Gegner, ihre Interessen diversifiziert zu haben.

«Trocken und unsexy»

Immerhin scheint Humbel es mit Fassung zu tragen. Und all dem politischen Getöse zum Trotz zahlt sich ihre Arbeit bei Santésuisse heute aus: Kaum ein Politiker kennt das Krankenversicherungsgesetz besser als die 56-jährige Juristin. Das führt dazu, dass sie zu den wenigen gehört, die sich mit technischen Fragen auseinandersetzen.

So überzeugte sie nicht nur den Bundesrat, sondern beide Ratskammern davon, die Motion «Aufhebung einer praxisfremden und rechtsungleichen Bestimmung im KVG» anzunehmen. Auch die Motion «Gesetzeskonforme Umsetzung der Spitalfinanzierung» steht vor einem Durchbruch. Humbel weiss, dass sie damit keine Begeisterungsstürme auslösen kann. «Die Vorlagen sind trocken und unsexy, aber sie sind wichtig fürs System.» Und sie schafft damit Mehrheiten im Parlament.

Das Geheimnis hinter ihrem Erfolg ist relativ simpel: Ruth Humbel ist fleissig. So hat sie sich – trotz den erwähnten Unterstellungen – in den letzten zehn Jahren im Parlament einen Ruf erarbeitet, von dem andere nur träumen können. Von Verbündeten wie von Gegnern wird sie als «sehr angenehme» Kollegin bezeichnet.

Sie sei dossierfest, zuverlässig und fundiert, geben Kommissionskollegen an. Der Freiburger SP-Nationalrat Jean-François Steiert, der selten die gleiche Meinung vertritt, sagt über sie: «Ich würde sie vermissen, wenn sie nicht mehr da wäre. Denn ich kämpfe lieber gegen einen kompetenten Gegner, der weiss, wovon er redet.»

Interne Machtkämpfe

Dieser Kompetenz ist es auch zu verdanken, dass sie in der Partei neben dem Freiburger Doyen Urs Schwaller ins Expertenteam avancierte. Gestern präsentierten die beiden das neue Gesundheitspapier der CVP, das sie gemeinsam formulierten.

Schwaller schätzt die Aargauer Kollegin, auch wenn sie nicht immer gleicher Meinung sind. «Sie kniet sich ins Dossier, ist gut vorbereitet und liefert auch zuverlässige Arbeit.» Nur im Finden von Kompromissen hapere es noch. «Sie vertritt ihre Forderungen härter als andere», sagt Schwaller. Dabei würden sich Lösungen einfacher finden, wenn die Position ausbalanciert sei.

So eckt Humbel mit ihrem Kurs auch in der eigenen Fraktion an. Ihr Gegenüber, die Zürcher EVP-Nationalrätin Maja Ingold, sagt, sie gleiche die wirtschaftsliberale Haltung der Fraktion aus. Doch der soziale Flügel der CVP sei geschwächt. Die Partei hört auf Humbel.

Dass sie mal einen Schritt in Richtung Kompromiss machte, würde sich auch die Linke wünschen. «Ruth Humbel hat oft sehr klare Positionen und kann auch daran festhalten, wenn die politischen Erfolgsaussichten gering sind», so Jean-François Steiert. Das setze für die Kompromissfindung Durchhaltevermögen, sehr stichhaltige Argumente und ab und zu auch eine Kraftprobe voraus.

Humbel weiss, dass die CVP als Mittepartei zu wichtigen Kompromissen beiträgt. Sie selbst meint dazu: «Wenn ich von einer Idee überzeugt bin, dann ändere ich meine Meinung nicht – auch wenn es politisch opportun wäre.» Dass sie keine Windfahne sein will, kann ihr nicht angekreidet werden – im Gegenteil. Nur steht sie damit möglicherweise ihrem eigenen Erfolg im Wege – und grösseren gesundheitspolitischen Reformen.