Der deutsche Archäologe Hans Reinerth war ein Star. Als er im Sommer 1927 auf Einladung der Historischen Vereinigung Seetal nach Sarmenstorf kam und sich persönlich um die Ausgrabungen im Zigiholz kümmerte, war das ein Ereignis.

Entsprechend stolz waren die Sarmenstorfer. Die Wohler etwa, die praktisch gleichzeitig ihre Hallstattgräber freilegten, mussten selber graben, mit freiwilligen Helfern und unter Anleitung eines Bezirkslehrers. Die Ausgrabungen im Wohler Häslerhau fanden denn auch wenig Beachtung.

In Sarmenstorf hingegen führte ein Prähistoriker von europäischem Rang Regie. Reinerth galt als bester Kenner der Jungsteinzeit. Zwischen 1925 und 1928 reiste Reinerth mehrmals ins Freiamt. Was er im Sarmenstorfer Wald fand, war eindrücklich und galt als Sensation:

Reinerth legte 21 Grabhügel aus der Bronzezeit frei, grub sechs davon aus, entdeckte das berühmte Mondsichelgrab und die Spuren eines «Totenhauses», das er rekonstruierte. Entsprechend waren während der Ausgrabungen auch häufig neugierige Besucher im Zigiholz anzutreffen; das «Totenhaus» von Sarmenstorf wurde später und über Jahrzehnte zur festen Grösse in der Schweizer Archäologie – und zum beliebten Ziel von Schulreisen und anderen Ausflügen.

Wen da die Sarmenstorfer zu sich geholt hatten, wurde erst Jahre später bekannt: Reinerth verwendete die Ausgrabung in Sarmenstorf skrupellos dazu, um die nationalsozialistische Ideologie von der Überlegenheit der arischen Rasse durch vermeintlich archäologische Befunde zu beweisen.

Germanen im Freiamt?

Von seinem ehemaligen Professor Gustav Kossina (1858–1931) geprägt, war Reinerth überzeugt, die Urgermanen der Steinzeit hätten eine überlegene Kultur entwickelt, die ausgestrahlt habe nach Osteuropa, über die Schweiz hinweg bis nach Italien und durch den Balkan bis Griechenland.

Nicht aus dem Osten habe also das Abendland die wichtigsten Impulse zu seiner kulturellen Entwicklung erhalten, sondern aus dem Norden, von den Germanen. Entsprechend interpretierte er alles, was bei seinen Grabungen zum Vorschein kam, im Sinne dieser abstrusen Theorie.

Reinerth galt als einer der führenden deutschen Prähistoriker. In den Jahren 1925 bis 1928 kam er dreimal für mehrere Wochen nach Sarmenstorf, wo er behaupteter, das «Totenhaus» entdeckt zu haben, das einen weiteren Beweis für die Überlegenheit der germanischen Rasse sein sollte. 1931 trat er der NSDAP bei. Im März 1933 unterzeichnete er die Erklärung von 300 Hochschullehrern für Adolf Hitler. Von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Reinerth Leiter des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte. 1941 leitete er eine Ausgrabung in Griechenland und erklärte danach, es sei nun bewiesen, dass auch Griechenland zuerst von den Germanen besiedelt worden sei. (jm)

Aarchäologe für die Nazis: Hans Reinerth (1900–1990)

Reinerth galt als einer der führenden deutschen Prähistoriker. In den Jahren 1925 bis 1928 kam er dreimal für mehrere Wochen nach Sarmenstorf, wo er behaupteter, das «Totenhaus» entdeckt zu haben, das einen weiteren Beweis für die Überlegenheit der germanischen Rasse sein sollte. 1931 trat er der NSDAP bei. Im März 1933 unterzeichnete er die Erklärung von 300 Hochschullehrern für Adolf Hitler. Von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Reinerth Leiter des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte. 1941 leitete er eine Ausgrabung in Griechenland und erklärte danach, es sei nun bewiesen, dass auch Griechenland zuerst von den Germanen besiedelt worden sei. (jm)

Besonders wichtig war ihm das urgermanische Haus. In Reinerths Vorstellung war das ein rechteckiger Pfahlbau mit lehmverstrichenen, senkrechten Flechtwänden und steilragendem Giebeldach. Die Herdstelle war gepflastert, ebenso der Zugang zur Tür und der Weg zur Abfallgrube.

Wo Spuren dieses urgermanischen Hauses gefunden wurden, handelte es sich für Reinerth um Kulturgut, das Germanen mitgebracht haben. Reinerth sah germanische Gebiete in Kleinasien, im Ural und Kaukasus. Und er verstieg sich zur grotesken Behauptung, das rechteckige Haus der Germanen habe als Vorstufe für den Bau der griechischen und römischen Tempel gedient.
Aus dieser Sicht verwundert es nicht, dass er auch überzeugt war, im Zigiholz in Sarmenstorf ein germanisches Totenhaus entdeckt zu haben.

Sofort liess er das Haus «rekonstruieren»: Das Haus sollte beweisen, dass die Germanen schon in der Steinzeit auch den Aargau besiedelt hatten, dass also der Aargau ursprünglich germanisch war. 1938 schrieb Reinerth, durch die Erkenntnisse der Sarmenstorfer Nekropole sei erwiesen, dass sich die germanische Kultur selbst in ihren äusseren Vorposten als «unverfälschter Teil des nordischen Kulturkreises der jüngeren Steinzeit erweist».

Im Klartext: Einst war die Schweiz germanisch, deshalb würde sie auch gut in das nach dem Endsieg entstehende tausendjährige germanische Reich passen. Die Ideologie, die das «Totenhaus» von Sarmenstorf erst entstehen liess, erkannte man im Freiamt lange Zeit nicht; im Gegenteil. Die Euphorie des berühmten Grabungsleiters wirkte ansteckend und das «Totenhaus» wurde gut unterhalten.

Unzimperliches Vorgehen

In Deutschland machte Reinerth rasch Karriere. Er trat der NSDAP bei und wurde 1935 Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Berlin und konnte in dieser Funktion die einschlägige Forschung massgeblich beeinflussen. Er sorgte dafür, dass die Ergebnisse der Archäologie dem nationalsozialistischen Weltbild entsprachen.

Andersdenkende Forscher mussten um ihre berufliche Stellung und um ihre persönliche Sicherheit fürchten; Reinerth soll gar eine Personalkartei geführt haben, in der alle in Deutschland wirkenden Prähistoriker fichiert waren. Wer seine Theorie von den Germanen nicht teilte oder gar kritisierte, wurde kaltgestellt.

Der Historiker Werner Lustenberger beschreibt, wie unzimperlich Reinerth auch in Sarmenstorf zu Werke ging. Dies musste der deutsche Professor Gerhard Bersu erfahren, der 1927 gleichzeitig mit Reinerth im Sarmenstorfer Wald archäologisch tätig war: Nur wenige hundert Meter entfernt von Reinerths spektakulärem «Totenhaus», legte Bersu im Murimooshau eine römische Villa frei.

Bersu, dessen Vater Jude war, vertrat die Ansicht, die Hochkulturen ums Mittelmeer seien höher einzuschätzen als die Leistungen der steinzeitlichen Germanen. Dies liess sich Reinerth nicht gefallen, er sorgte dafür, dass «der Jude Bersu» (Zitat Reinerth) abgesetzt und entlassen wurde. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass der reale römische Gutshof nie die Bekanntheit des fiktiven «Totenhauses» erlangt hat und bis heute nicht völlig erforscht ist. Aus Protest gegen die Kaltstellung ernannte die Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte Professor Bersu 1936 zum Ehrenmitglied.

Reinerth kehrt zurück

Nach dem Krieg blieb Reinerth relativ unbehelligt. Einzig eine Rückkehr zu Forschung und Lehre im Staat wurde ihm verwehrt. Er übernahm die Leitung des privaten Pfahlbau- und Freilichtmuseums in Unteruhldingen am Bodensee. Im Laufe der Jahre vermoderte die Rekonstruktion des «Totenhauses» im Zigiholz aus dem Jahre 1927 und der Wald nahm die Ausgrabungsstätte nach und nach wieder in seinen Besitz.

Die Nekropole war auf bestem Weg, in Vergessenheit zu geraten. Im Einvernehmen mit der Kantonsarchäologie tat die Historische Vereinigung Seetal deshalb 1970 etwas, was heute erstaunen mag, damals aber kaum bemerkt wurde: Alt-Grabungsleiter und Nazi-Ideologe Hans Reinerth wurde reaktiviert und beauftragt, die Anlage wieder herzustellen, so, wie sie damals gewesen war.

Reinerth liess ich nicht zweimal bitten, reiste gut 40 Jahre nach seinem ersten triumphalen Besuch wieder nach Sarmenstorf – diesmal allerdings praktisch unbemerkt – und restaurierte das Gräberfeld nach seinem Gusto. Vier Tage brauchte er nur dafür; und er hinterliess wiederum eine genaue Kopie des von ihm erfundenen «Totenhauses».

Offensichtlich war er kein bisschen von seiner damaligen Überzeugung abgewichen. Lustenberger berichtet, Reinerth habe 1970 gegenüber dem Sarmenstorfer Lokalhistoriker Karl Baur allen Ernstes behauptet, bei all den Schreckensbildern von Konzentrationslagern habe es sich bloss um Propaganda der Amerikaner gehandelt. Dazu passt, dass die «Freiämter Zeitung» vom 22. Mai 1970 umfangreich Leben und Werk des damals 70-jährigen Reinerth würdigte, ohne auch nur ein Wort über dessen nationalsozialistische Vergangenheit zu verlieren. Eigenartigerweise sind praktisch alle persönlichen Aufzeichnungen und Tagebücher von Reinerth über das Zigiholz verschollen.

«Bestimmte Weltsicht»

Es dauerte bis ins Jahr 1997, bis die Kantonsarchäologie eingriff, sich um das Zigiholz kümmerte, die Nekropole ganz von der fatalen Ideologie befreite und das Areal neu gestaltete. Wer heute das Zigiholz besucht, findet kein «Totenhaus» mehr. Auch die von Reinerth gepflästerten Mäuerchen sind verschwunden, ebenso der Steinkreis und die Palisade.

Dafür erklärt eine ausführliche Informationstafel, was man über diesen Ort mit Sicherheit weiss. Ohne direkt auf Reinerth und seine Ideologie Bezug zu nehmen, wird beschönigend erklärt «Die Vorstellungen von damals waren von einer bestimmten Weltsicht geprägt, denen heute nicht mehr zugestimmt werden kann».

Die rund 3500 Jahre alten Grabhügel haben durch Reinerths ideologische Vereinnahmung zusätzliche Bedeutung erhalten. Sie stehen als Zeugen für einen lange Zeit unbemerkten nationalsozialistischen Übergriff im Freiamt und sie zeigen, wie leicht Wissenschaft für ideologische Zwecke missbraucht werden kann.

Quelle: Lustenberger, Werner: Wahr ist, was uns nützt! Zur Urgeschichte im Dienst der Nationalsozialisten. In: Argovia, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau. 2012.