Fahrerflucht ist ein Phänomen, das viele nicht nachvollziehen können. Deshalb wirft der Fall des Autofahrers, der in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Dintikon einen Velofahrer tödlich angefahren hatte und ohne anzuhalten weiterfuhr, viele Fragen auf (die az berichtete).

Wie konnte der 28-jährige Schweizer das Opfer einfach liegen lassen? Was ging in seinem Kopf vor? Wieso stand er für seinen Fehler nicht sofort gerade?

Fahrerflucht mit verletzten Personen komme eher selten vor, heisst es bei der Kantonspolizei Aargau. Dennoch: Laut Roadcross, einer Stiftung für Unfallprävention, flüchteten im Jahr 2012 schweizweit 1089 Verkehrsteilnehmer, die zuvor einen Menschen leicht, mittelschwer oder schwer verletzt hatten. Von allen Unfällen, bei denen Menschen Schäden nahmen, sind das sechs Prozent.

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Zwei Typen von Fahrerflucht-Tätern

«In einer Kurzschlussreaktion kann es uns allen passieren, dass wir nach einem Umfall nicht anhalten», sagt Josef Sachs, Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau.«In vielen dieser Unglücksfälle meldet sich der Täter später, wenn er wieder bei Sinnen ist», erklärt Sachs weiter.

Laut ihm gibt es zwei Arten von Fahrerflüchtigen: Die einen entscheiden sich bewusst dafür, dass sie weiterfahren. Sie haben Angst vor einer Gefängnisstrafe, einer Busse oder einem Billettentzug. Diese Täter stellen sich im Nachhinein selten der Polizei.

Der zweite Typ Fahrerflüchtige reagiert unüberlegt und aus dem Affekt heraus. «Sie sind im Schockzustand, handeln schnell und undurchdacht – und fühlen sich nachher schuldig», so Sachs. Diese Täter melden sich meistens später bei den Behörden.

So auch der Autofahrer, der den gleichaltrigen Ostschweizer zu Tode fuhr. Laut Staatsanwaltschaft sagte er im Gespräch mit der Polizei am Sonntagnachmittag allerdings aus, dass er gemeint habe, ein Wildtier überfahren zu haben. Falls das nicht stimmt: Ist auch diese Aussage psychologisch erklärbar? «Es gibt sogenannte Schutzbehauptungen, die Personen benutzen, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen», erklärt Sachs.

Um sich selber etwas einzureden, bis man es glaubt, brauche es aber mehrere Wochen. Bislang bleibt unklar, weshalb der Autofahrer nicht angehalten hat um zu prüfen, ob es sich tatsächlich um ein Wildtier handelte.

War Alkohol im Spiel?

Auch für die Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry ist nachvollziehbar, warum sich der Täter später gestellt hat: «Kein normaler Mensch kann über längere Zeit mit einer solchen Schuld leben.»

Der Fahrer musste sich nach dem Geständnis einem Alkoholtest unterziehen. «Wenn ein Fahrerflucht-Täter alkoholisiert war, erklärt das zweierlei Dinge: Einerseits, weshalb es überhaupt zum Unfall kam, andererseits, weshalb er danach geflüchtet ist», sagt Bächli-Biétry.

Bleibt die leise Frage, weshalb wie in Dintikon immer noch so viele Velofahrer im Dunkeln ohne Licht unterwegs sind. «Die Gefahr wird häufig unterschätzt», sagt Stefan Krähenbühl von Roadcross. «Es ist sehr wichtig, vorn und hinten am Fahrrad ein Licht anzubringen. Man darf sich nicht auf die Autofahrer und deren Scheinwerferlicht verlassen.»

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