Wahlen 2019
Die EVP löst die BDP ab: Bernhard Guhl findets «bitter», Lilian Studer «unbeschreiblich»

Im BDP-Lager herrschte am Wahlsonntag Konsternation, während sich Listenpartnerin EVP über ihre neue Nationalrätin freuen durfte.

Frederic Härri
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Bernhard Guhl ist kein Nationalrat mehr.

Bernhard Guhl ist kein Nationalrat mehr.

Michael Würtenberg
BDP/EVP

BDP/EVP

Michael Würtenberg

Die Rechnung im Vorfeld war einfach: Holt die EVP mehr Stimmen als die BDP, ist Bernhard Guhl draussen. Seinen Platz im Nationalrat übernimmt Lilian Studer. Oder in den Worten von EVP-Mann Uriel Seibert: «Eine Partei wird heute Abend traurig sein.»

Seibert, selber auf der Kandidatenliste, sagt das mit einem Lächeln. Als seine Partei um kurz vor 13.30 Uhr im Bullingerhaus in Aarau ihre Wahlfeier startet, ist die erste Hochrechnung eingetroffen. Früh zeichnet sich ab, dass man die langen Gesichter nicht aufseiten der EVP finden wird.

Für Studer gibts Blumen, für Guhl keinen Alkohol

Im «Meat’s», fünf Gehminuten vom Bullingerhaus entfernt, hat sich die BDP eingemietet. Drei Wahlplakate lehnen vernachlässigt an der Wand, Leute hat es kaum. Einer der einzigen im Raum ist Jean-Pierre Gallati. Der SVP-Regierungsratskandidat gönnt sich eine Pause im «Meat’s».

Im Grossratskeller nebenan habe es ihm gerade zu viele Politiker, scherzt er. Um 14.30 Uhr trudeln die BDPler ein. Jungkandidat Philippe Tschopp klappt den Laptop auf und übt sich in lauwarmen Durchhalteparolen: «Entschieden ist noch nichts. Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken.» Abwarten ist das Motto. Die Kellner bringen Teller mit heissen Nachos.

Keine Nachos, aber Blumen bringen sie bei der EVP. Es ist kurz nach 15 Uhr, Uriel Seibert streckt beide Daumen nach oben: «Es kommt gut.» Eine Kandidatin der Jungen EVP denkt an Bernhard Guhl, den absehbaren Verlierer. Sie kenne ihn gut, sei mit ihm gemeinsam bei der Feuerwehr. «Für ihn tut es mir leid.»

Um halb fünf öffnet Bernhard Guhl die Glastür des «Meat’s». Er atmet tief durch, schüttelt jedem die Hand, schaut nochmals angestrengt in den Laptop. Doch Guhl weiss schon, was Sache ist: Nach acht Jahren ist er kein Nationalrat mehr. «Bitter, bitter» entfährt es ihm. Es herrscht Stille, niemand mag gerade wirklich reden. Er habe alles gegeben, sagt Guhl. «Jetzt bin ich auf dem Boden der Realität gelandet.»

Nach dem langen Tag hat er Hunger, doch die Nachos sind alle. Auch den einen Drink zu viel gegen den Frust wird es nicht geben. Er gehe morgen Blut spenden, sagt Guhl. Da verzichte er lieber auf Alkohol.

Im Bullingerhaus klirren derweil die Cüpli. Eine ältere Dame schickt eine Sprachnachricht nach Kanada: «Brigitte, mer hends gschafft. D Lilian isch Nationalrötin!» Um 17.37 Uhr betritt Lilian Studer den Saal. Von den Anwesenden gibt es stehende Ovationen, von der frischgebackenen Frau Nationalrätin warme Worte: «Es ist einfach unbeschreiblich. Alleine hätte ich das nie geschafft», sagt sie gerührt. Dann muss sie gehen, der nächste Interviewtermin wartet. Für Lilian Studer ist das die neue Normalität.

Die Bilder vom Aargauer Wahlsonntag:

Grosse Emotionen: Gabriela Suter (SP) erfährt, dass sie in den Nationalrat gewählt wurde.
67 Bilder
Benjamin Giezendanner schafft erstmals die Wahl in den Nationalrat - als zweitbester auf der SVP-Liste.
Vater und Sohn: Ulrich Giezendanner ist nach 28 Jahren im Nationalrat abgetreten, Sohn Benjamin tritt mit der Wahl in dessen Fussstapfen.
Feier gemeinsam mit der SVP im Aarauer Schützen: Rita und Hansjörg Knecht.
Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht bei der Ständeratswahl die besten Resultate erzielt - für eine Wahl reichte es aber beiden nicht.
Die CVP holt einen zweiten Sitz. Die bisherige Nationalrätin Ruth Humbel wird wiedergewählt.
Die CVP Aargau feiert den Sitzgewinn - in der MItte Marianne Binder, die neu als Nationalrätin gewählt ist.
Von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).
Wahlen-AG-Liveticker für 20. Oktober 2019
SP-Nationalrat Cedric Wermuth freut sich mit Yvonne Feri. Ihre Partei gewinnt einen Sitz. Neu sind es drei.
Die SP feiert in der Aarauer Altstadt: Die Aargauer Parteipräsidentin Gabriela Suter ballt die Siegesfaust.
Die BDP verliert ihren Sitz im Nationalrat - hier sehen es Ständeratskandidatin Maya Bally und Kantonalpräsident Roland Basler kommen.
BDP-Nationalrat Bernhard Guhl muss sich aus Bern verabschieden.
Wiedergewählt worden ist dagegen FDP-Nationalrat Matthias Jauslin – das war auch erwartet worden.
Wahlfeier der FDP Aargau: Mathias Jauslin (links) und Thierry Burkart (rechts) sind im Nationalrat bestätigt. Auf den ersten Ersatzplatz schafft es Maja Riniker (Mitte). Wird Burkart im 2. Wahlgang der Ständeratswahlen gewählt, rutscht sie für ihn in den Nationalrat nach.
Obenauf, aber noch nicht am Ziel: Thierry Burkart bei den Freisinnigen im «Einstein».
Bei den Grünen reicht es trotz massivem Stimmenplus nicht zu einem zweiten Sitz. Irène Kälin verteidigt ihr Mandat deutlich.
Ständeratskandidatin Ruth Müri (Grüne) macht ein starkes Resultat. Hier im Parteikollegen, rechts Parteipräsident Daniel Hölzle.
Sie wehrt am Nachmittag noch Gratulationen ab – doch später wird klar, dass Lilian Studer für die EVP den Sitz von BDP-Nationalrat Bernhard Guhl übernimmt.
Der Aargauer FDP-Präsident Lukas Pfisterer, der auch für den Nationalrat kandidierte, mit Thomas Kähr.
Wie Benjamin Giezendanner ist auch Jean-Pierre Gallati neu in den Nationalrat gewählt worden. Gallati hat allerdings gute Chancen, in den Regierungsrat gewählt zu werden im zweiten Wahlgang.
Es folgen die 16 gewählten Nationalrätinnen und Nationalräte: Hansjörg Knecht, SVP. bisher, 73'587 Stimmen. Er wird sicher zum zweiten Wahlgang für den Ständerat antreten.
Benjamin Giezendanner, SVP, neu, 68'024 Stimmen.
Andreas Glarner, SVP, bisher, 64'053 Stimmen.
Thomas Burgherr, SVP, bisher, 63'155 Stimmen.
Martina Bircher, SVP, neu, 58'757 Stimmen.
Jean-Pierre Gallati, SVP, neu, 55'454 Stimmen – hier im TV-Talk am Wahlsonntag. Falls er in den Regierungsrats gewählt wird im zweiten Wahlgang, wird sein Platz frei.
Cédric Wermuth, SP, bisher, 47'890 Stimmen.
Yvonne Feri, SP und bisher, 46'241 Stimmen, hier auch im TV-Talk von TeleM1.
Gabriela Suter, SP, neu, 36'867 Stimmen.
Thierry Burkart, FDP, bisher, 50'507 Stimmen. Er schafft womöglich noch die Wahl in den Ständerat im zweiten Wahlgang.
Matthias Jauslin, FDP, bisher, 29'835 Stimmen.
Ruth Humbel, CVP, bisher, 34'469 Stimmen.
Marianne Binder-Keller, CVP, neu, 27'202 Stimmen.
Irène Kälin, Grüne, bisher, 34'501 Stimmen.
Beat Flach, GLP, bisher, 25'748 Stimmen.
Lilian Studer, EVP, neu, 13'740 Stimmen.
Rückschlag für die SVP: Der Aargauer Präsident Thomas Burgherr und sein Parteisekretaer Pascal Furer müssen grosse Verluste hinnehmen.
Jean-Pierre Gallati holt bei der Regierungsratswahl mit Abstand am meisten Stimmen.
Die Aargauer SP-Präsidentin Gabriela Suter: "Im Kanton Aargau ist ein Linksrutsch gewollt."
Impressionen aus dem Ratskeller im Grossratsgebäude in Aarau: Thomas Burgherr (SVP) spricht mit Journalisten
Gespanntes Warten auf die Resultate aus den Aargauer Bezirken.
Der CVP wird ein zweiter Nationalratssitz vorausgesagt – alle sind überrascht, nur der Wahlkampfleiter der zuletzt serbelnden Partei nicht.
Ständeratskandidat Thierry Burkart (FDP) beantwortet die Fragen von Radio Argovia.
Er lässt sich zwar noch nicht gratulieren, bevor das Endergebnis da ist, aber jetzt schon ist klar: Benjamin Giezendanner (rechts) löst für die SVP im Nationalrat seinen Vater Ueli ab.
SP-Kandidatin Yvonne Feri liegt auf dem zweiten Platz - für die Sozialdemokratin ist schon klar, dass sie am 24. November nochmals antritt.
Wenn die SP einen Sitz gewinnt, was sehr wahrscheinlich ist, ziehen diese drei Kandidierenden in den Nationalrat ein: Cédric Wermuth (Bild), Yvonne Feri und Parteipräsidentin Gabriela Suter.
Regierungsratskandidatin Doris Aebi (GLP).
Die GLP verfolgt den Wahlnachmittag in familiärer Atmosphäre im Roschtige Hund in Aarau. Die Stimmung ist gut, man freut sich über den gestiegenen Wähleranteil, auch wenn es nicht zu einem zweiten Sitz im Nationalrat gereicht hat.
Doris Aebi nimmt ihr Ergebnis gelassen; „immerhin bin ich noch vorSeverin Lüscher“, sagte mit Blick auf das Ergebnis der Regierungsratswahlen.
Constantin Seibt, Mitgründer der „Rebublik“, als interessierter Beobachter bei der GLP im Roschtige Hund.
Die Grünen verfolgen das Geschehen aufmerksam im „Gossip“. Es wird heftig diskutiert, ob eine Listen Verbindung mit der GLP zu einem zweiten Sitz verholfen hätte.
Jean-Pierre Gallati (SVP) hat bei den Regierungsratswahlen mit 63'830 Stimmen das beste Resultat erziehlt. Gewählt ist er aber noch nicht.
Grösste Gegnerin von Gallati bei der Regierungsratswahl: SP-Nationalrätin Yvonne Feri. Sie liegt mit 44'765 Stimmen auf dem 2. Platz.
Jeanine Glarner tritt für die FDP an und erhält 27'940 Stimmen, das drittbeste Resutat.
Doris Aebi, Kandidatin der GLP, liegt mit 21'882 Stimmen auf Rang 4.
Regierungsratskandidat Severin Lüscher (Grüne) erhält 20'311 Stimmen - Platz 5.
Das Ergebnis der Ständeratswahl: Thierry Burkart (FDP) erhält 82'515 Stimmen, mehr als alle anderen. Zur Wahl reicht es aber nicht.
Hansjörg Knecht (SVP) kommt auf 72'574 Stimmen.
Cédric Wermuth (SP) belegt Platz 3 mit 55'274 Stimmen.
Badens Stadträtin Ruth Müri ist die Grünen-Kandidatin und holt 40'560 Stimmen. Das ist Platz 4.
Platz 5: Marianne Binder-Keller (CVP) kommt auf 36'700 Stimmen.
Platz 6: Beat Flach (GLP), 23'158 Stimmen.
Platz 7: Maya Bally (BDP), 21'706 Stimmen.
Platz 8: Roland Frauchiger (EVP), 9'784 Stimmen.
Jean-Pierre Leutwyler, Freie Wähler AG, 5'786 Stimmen.
Pius Lischer, Neue Bundesverfassung, 5590 Stimmen.

Grosse Emotionen: Gabriela Suter (SP) erfährt, dass sie in den Nationalrat gewählt wurde.

Fabio Baranzini