Zum Schloss Wildegg gehört eine prächtige Gartenanlage. Jährlich pilgern Tausende in den Garten und bestaunen, was da alles wächst; vielleicht fragen sich auch einige Besucher, wie das Schloss zu dieser Anlage gekommen ist, wer sie gebaut hat und mit welchen Ideen. Der Landschaftsarchitekt Peter Paul Stöckli hat diese Geschichte und weitere über andere aargauische Herrschaftsgärten erforscht und erzählt sie in seinem Buch «Schlossgärten zwischen Aare und Seetal». Die kongenialen Fotos dazu liefert der Murianer Fotograf Bernhard Kägi.

Inspiration in Versailles

Zurück zum Schloss Wildegg und seinem Garten. Viele Herrschaftsgärten entstanden im 17. Jahrhundert. Die Schlösser waren längst keine Wehrbauten mehr, sondern Herrensitze des aristokratischen Bürgertums. Das galt auch für das Schloss Wildegg. Der Bau von Prachtgärten kam in Mode, die Impulse dazu holte man sich in fremden Gärten im In- und Ausland.

Bernhard Effinger (1658–1725), der Erbauer des «Neugartens» auf Schloss Wildegg, hat sich unter anderem in Versailles die notwendige Anschauung geholt, wo die Gärten damals kurz vor der Vollendung standen.

Inspiration holte sich Effinger auch 1688 bei einem Aufenthalt in Soglio, anlässlich der Verlobung mit Barbara Salis-Soglio. Das väterliche Schloss der Braut und andere Salis-Häuser im Bergell und im Veltlin besassen zu jener Zeit grössere Gärten mit südalpiner Pflanzenwelt. Stöckli vermutet, dass Barbara von Salis Einfluss auf die Gestaltung der Gartenanlage in Wildegg genommen hat. Aber auch das nahe- gelegene Schloss Kasteln war der Familie Effinger bekannt, auch dort waren Anregungen zu holen.

In Kasteln war es nicht ein Landadliger, der als Bauherr auftrat, sondern Hans Ludwig von Erlach (1595–1650), ein Berner Patrizier. Zwischen 1642 und 1649 liess er sich in Kasteln ein fürstlich anmutendes Palais mit drei Terrassengärten auf hohe Stützmauern bauen; als Vorbild könnten dabei die Terrassen und Gärten von Schloss Heidelberg in Deutschland gedient haben. Überliefert ist, dass von Erlach in Paris einen Gärtner für seinen Park suchte; allerdings musste der Mann vor allem eine Bedingung erfüllen: Er musste überzeugter Protestant sein.

Einfluss auf die Entstehung des herrschaftlichen Gartens in Wildegg hatte auch die Gartenliteratur, welche vorwiegend aus Deutschland und Frankreich stammte und in Wildegg aufmerksam studiert wurde. Schweizer Bücher über den Garten waren eher praktisch ausgerichtet: Sie befassten sich mit der Kultivierung von Nutzpflanzen für die Küche und von Kräutern als Medizinalpflanzen. Im Katalog der Schlossbibliothek Wildegg finden sich heute noch rund 30 Werke aus jener Zeit zur Gartenthematik.

Man nimmt an, dass auch in Wildegg Gartenarchitekten bei der Gestaltung massgeblich beteiligt waren, allerdings ist dazu nichts überliefert.

Die Erfindung des Gärtners

Am Beispiel des Herrschaftsgartens von Wildegg lässt sich auch zeigen, wie die Schlossgärten zur Entwicklung der allgemeinen Gartenkultur im Aargau beigetragen haben. So brachten die Schlossgärten neue Nutz- und Zierpflanzen. Bei den Nutzpflanzen waren es vor allem Gemüse- und Obstarten, bei den Feldfrüchten Kartoffeln und Getreidearten. Bei den Zierpflanzen war es ein grosses Sortiment von bisher unbekannten einjährigen Pflanzen, Stauden, Zwiebelpflanzen, Ziergehölzen, Kübelpflanzen und Bäumen. So haben die Effinger nicht nur die Kartoffel, sondern auch die Rosskastanie und die italienische Säulenpappel in ihrem Herrschaftsgebiet eingeführt. Über die Herrschaftsgärten sind dann viele der neuen Pflanzen legal oder auch illegal, das heisst durch Entwendung von Pflanzen, Stecklingen und Samen, in die Bauerngärten der Umgebung gelangt.

Mit den neuen Herrschaftsgärten entstand auch eine neue Berufsgattung: Jemand musste sich um die Pflege der Gartenanlagen kümmern. Und das waren die Gärtner. Als die Schlossherren 1798 ihre Rechte verloren und der wirtschaftliche Ruin drohte, führten viele Schlossgärtner die Betriebe in eigener Regie weiter. Sie kümmerten sich nicht mehr bloss um die Gärten, sie begannen auch, die Produkte aus den Gärten an Bauern und Private zu verkaufen: Obst, Gemüse, Pflanzen und Bäume. Damit war der Beruf Gärtner entstanden.

Märchenhafte Gartenwelt

Neun Geschichten von neun herrschaftlichen Gärten im alten Aargau erzählt Peter Paul Stöckli in seinem Buch. Dabei ist ein reizvoller Streifzug durch die Herrschaftsgärten zwischen Aare und Seetal entstanden, der über den einzelnen Garten hinaus einen Überblick über die Entwicklung von Gartenkultur und Gartenkunst aufzeigt. Die neun Gartenporträts führen nach Wildegg, Kasteln, Biberstein Lenzburg, Schafisheim, Ennetbaden und Hallwil; sie werden ergänzt um einen Abstecher ins Luzernische zum Schloss Heidegg.

Der Band ist mit Fotografien und historischen Ansichten reich illustriert. Zu jedem Objekt findet sich ein Serviceteil mit Tipps für den Besuch.

Peter Paul Stöckli: Schlossgärten zwischen Aare und Seetal. Ausflüge in den alten Aargau. Mit Fotos von Bernhard Kägi. 120 Seiten. Verlag hier und jetzt, Baden 2016.