Der Schweizerische Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt legte am Sonderparteitag der CVP Aargau in Lenzburg aufrüttelnde Zahlen zur künftigen Arbeitskräftewelt vor.

Demnach scheiden in der Schweiz heute altershalber jährlich 4000 Menschen mehr aus dem Arbeitsprozess aus als neu in ihn eintreten. Das scheint verkraftbar.

Doch die Babyboomer steuern langsam auf das Rentenalter zu. Nach ihnen droht eine immer grössere Lücke. Das Defizit wird laut Vogt in zehn Jahren deshalb schon 50 000 Personen pro Jahr betragen.

Woher also künftig ausreichend Arbeitskräfte holen, wenn nicht stehlen? Erst recht vor dem Hintergrund der im Februar vom Volk gutgeheissenen SVP-Masseneinwanderungsinitiative?

In Lenzburg setzte die CVP in einem Podium auf die Suche nach gangbaren Modellen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ziel: zusätzliche Kapazität für den Arbeitsmarkt gewinnen.

«Freiwillig und kostenneutral»

Schliesslich verabschiedeten die Teilnehmer einstimmig eine Resolution, deren Forderungen mit politischen Vorstössen in den Grossen Rat getragen werden sollen. Präsident Markus Zemps Auftrag an die eigenen Parlamentarier: «Wir erwarten Resultate.»

Doch wie will die CVP die Problematik angehen? Laut dem von Grossrätin Marianne Binder fulminant vorgetragenen Forderungskatalog setzt man auf optimierte Schulstrukturen, steuerliche Vorteile für familienfreundliche Unternehmen, erleichterten Wiedereinstieg ins Erwerbsleben und auf Anreize, ältere Arbeitnehmer im Rentenalter im Erwerbsleben zu behalten.

In Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei die Schweiz ein Entwicklungsland, rief Binder der CVP-Gemeinde zu. Und dachte laut darüber nach, was man nach dem Volks-Ja und klaren Stände-Nein zum CVP-Familienartikel machen könne. Aus dem Volks-Ja schliesst sie: Eine Mehrheit will, dass Beruf und Familie vereinbart werden können. Und weiter: «Es soll kantonal geregelt sein, für die Eltern und Kinder freiwillig erfolgen, möglichst kostenneutral und eigenverantwortlich gestaltet sein.»

Andere «Öffnungszeiten» testen

Es sei kompletter Unsinn, so Binder mit Blick auf die höheren Maturitäts- und Uniquoten von Frauen, in ein hervorragendes Bildungssystem zu investieren, «die Berufsausübung jedoch so kompliziert wie nirgendwo zu gestalten».

Als Beispiel dafür sieht sie die unterschiedlichsten Stundenpläne und fragt: «In welchem anderen Land empfängt die Schule die einen Kinder um acht, die zweiten um neun, die dritten um zehn, wobei sie gleichzeitig die ersten ausnahmsweise schon um neun entlässt, weil der Religionsunterricht ausgefallen ist?»

Binder rhetorisch: «Warum können Schulen nicht um 8 Uhr öffnen und um eine bestimmte Zeit wieder schliessen?»

Sie schlägt analog zur Stadt Zürich Öffnungszeitenversuche vor. Zudem sollen die Schulen das Tagesbetreuungs-Management übernehmen, so ein weiterer Vorschlag. Gemeint ist nicht, dass die Lehrer die Betreuung übernehmen, aber Stundenplan und Betreuungsstrukturen am besten abstimmen können.

Quereinsteiger fördern

Weiter fordert Binder, dass Familienarbeit als Fähigkeitsberechtigung ebenso anerkannt wird wie andere Berufe. Es sollen Quereinsteigerprogramme gefördert werden. Binder: «Wir sehen nicht ein, dass jemand, der 20 Jahre Kinder betreut hat, eine Dissertation schreiben muss, um Kindergärtler zu betreuen.» Mit Blick darauf, aber auch auf die Pflege, fordert sie eine Entakademisierung solcher Berufe.

Auch die Tagesbetreuung von Kindern in Schulen und Krippen sei zu aufwendig, zu bürokratisch und unbedingt zu überprüfen. Die CVP fordert weiter: Für Aus- und Weiterbildungen während der Familienphase, dank denen man arbeitsmarktfähig bleibt, soll man bis 10 000 Franken bei den Steuern abziehen können.

Älteren Arbeitnehmenden sollen flexible Übergangsmodelle ins Rentenalter angeboten werden. Die Hoffnung dahinter ist, dass vermehrt auch über 65-Jährige mit ihrer grossen Erfahrung wenigstens teilweise noch eine gewisse Zeit im Arbeitsmarkt bleiben.

Familienfreundlich soll sich lohnen

Unternehmen, die gute Rahmenbedingungen für die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie schaffen, sollen nach dem Willen der CVP aufgrund klarer Bedingungen steuerlich begünstigt werden.

Konkret sollen Firmen profitieren, die Krippenplätze anbieten, sich in Krippen einkaufen oder Tagesschulen unterstützen. Das Vereinbarkeitskriterium will die CVP selbst bei der Vergabe öffentlicher Aufträge zum Kriterium machen.