René und Doris Gauch sitzen in der Stube. Die Sonne, die nicht so recht weiss, ob sie noch für den Spätsommer oder schon für den Frühherbst scheint, wirft wärmende Strahlen in den Rücken und lange Schatten über den Parkettboden.

Vor dem Fenster ein gepflegter Garten, eine Hecke, dahinter die Felder am Dorfrand von Hendschiken. Doris, 52, fragt, ob wir etwas trinken wollen. Wasser wäre gut, «es esch dorschtigs Wätter». Doris will aufstehen, Gläser und einen Krug holen, René steht schneller, «ech hole das scho, Mami».

Das ist nicht selbstverständlich. Als René vor 28 Jahren zur Welt kam, war die Freude gross, die Sorge um ihn aber auch. Die Diagnose: Hydrocephalus, Wasserkopf, übermässige Ansammlung von Flüssigkeit im Schädel.

Die Folge: eine geistige Behinderung. Im Alltag kommt René, heute 29, relativ gut zurecht. Er geht täglich arbeiten, in einem Lager in Wohlen und in einer Werkstätte in Lenzburg.

Was eingeübt ist, funktioniert. Wird es komplizierter, braucht er Hilfe. Etwa, wenn es um Geld geht, um Behörden, um Arztbesuche. Dann sind seine Eltern für ihn da, Doris und Leo. Sie haben gelernt, mit Renés Behinderung umzugehen.

Ein Satz zerstört das Vertrauen

2004, als René 18 wird, meldet sich die Familie bei der Gemeinde Hendschiken. Der Grund: Sie will klären, wer für den jungen Mann entscheiden soll, dann, wenn er Hilfe braucht; jetzt, da er mündig wäre, wegen seiner Behinderung aber nicht voll urteilsfähig.

In Amtssprache heisst das: «Eine vormundschaftliche Massnahme wird empfohlen.» Doris und Leo wollen ihren Sohn nicht entmündigen. Sie entscheiden sich für die Light-Version: «Beistandschaft auf eigenes Begehren».

Der Gemeinderat bewilligt das Gesuch. «Das ging problemlos», erinnert sich Doris. Sie kümmert sich um Renés Finanzen, betreut ihn zu Hause, geht mit ihm zum Arzt.

René macht Fortschritte, eine Ausbildung. Das Einzige, was Doris für die Behörde tun muss: alle zwei Jahre einen Kurzbericht mit Abrechnung einreichen. Eine einfache Bilanz, damit im Gemeindehaus geprüft werden kann, ob IV-Rente und Ergänzungsleistungen korrekt verwendet werden. Unbürokratisch werden die Berichte jeweils vom Gemeinderat genehmigt.

Dann kommt das Jahr 2013 – und mit ihm das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht. Der Gemeinderat übergibt an die neu gebildete Kesb, oder deutlicher: Die Laien übergeben an die Experten. Familie Gauch wird in einem Brief auf die neue Zuständigkeit aufmerksam gemacht. Tenor: Vorerst ändere sich nichts, aber man werde dann mal zu einer Anhörung eingeladen.

Es vergehen zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen sich die Kesb im ganzen Land mit zu wenig Leuten in zu viele Dossiers einarbeiten müssen. Zwei Jahre, in denen sie die Auslegung des neuen Rechts Fall für Fall erproben müssen. Im August 2014 sind bei der Familie Gauch in Hendschiken wieder der Kurzbericht und die Abrechnung fällig. «Ich erstellte das wie bis anhin, schickte es einfach an die Kesb, nicht mehr an die Gemeinde», erzählt Doris Gauch.

Doch die Neuen melden sich nicht. Keine Eingangsbestätigung, keine Rückfrage. Zwei Monate später, im Oktober 2014, kommt Post: Bezirksgericht Lenzburg, Familiengericht, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. «Sehr geehrter Herr Gauch, sehr geehrte Frau Gauch, Ihr Sohn, René Gauch, ist entmündigt und sodann unter die erstreckte elterliche Sorge gestellt worden.»

Rechnungskosten der Kesb

850 Franken werden René Gauch für die Entscheide und Urkunden der zuständigen Kesb in Rechnung gestellt. Das ist üblich: Leistungen der Gerichte sind grundsätzlich kostenpflichtig – das gilt auch für Familiengerichte. Festgelegt ist dies im Kanton Aargau im sogenannten Verfahrenskostendekret.

Es ist dieser eine Satz, der falsch ist – und der in Doris Gauch, sonst neutral, ja positiv gegenüber Behörden eingestellt, einen Gedankenrausch auslöst: Es muss also doch stimmen, was immer in den Zeitungen stand über «die cheibe Keschb». Unglaubwürdig, unpersönlich, unsensibel. Im Brief steht auch: «Um die Situation einzuschätzen und einen persönlichen Eindruck zu erhalten», werde die Familie zur Anhörung eingeladen und gebeten, sich am Mittwoch, 19.11.2014, um 8.30 Uhr, beim Bezirksgericht einzufinden. Mitgeschickt werden neun Fragen, die vorgängig schriftlich beantwortet werden müssen.

Doris Gauch kann das nicht ernst nehmen. Sie setzt sich an den Computer, schreibt, dass das mit der Entmündigung falsch sei, sie deshalb die Fragen gar nicht beantworten könne und im Übrigen immer noch auf eine Stellungnahme zum längst eingereichten Kurzbericht samt Abrechnung warte.

Antwort darauf erhält sie nicht. Zwei Tage vor der Anhörung ruft sie deshalb die Sozialarbeiterin an, die den Brief geschrieben hatte. Die, erzählt Gauch, habe gesagt: Sie habe die Fachrichterin gefragt und die habe erklärt, sie müsse auf das Schreiben keine Antwort geben. So komme sie aber auch nicht an die Besprechung, entgegnet Doris Gauch, worauf ihr die Sozialarbeiterin erklärt habe, dann müsse man eben schauen, «was wir mit Ihnen machen».

«Do ben i halt verruckt worde», erinnert sich Renés Mutter. Die Sozialarbeiterin habe sich entschuldigt und erklärt, sie habe zu wenig Zeit, das seien eben Standardbriefe, sie könne sich nicht für jedes Schreiben so viel Zeit nehmen, und überhaupt, der Druck von allen Seiten sei enorm.

Doris Gauch konnte das nachvollziehen, nahm die Entschuldigung an. Man einigte sich auf ein neues Datum, die Nerven waren beruhigt, beidseits. Doch so schnell der Tag der Anhörung kam, so schnell waren auch die ruhigen Nerven bei Gauchs wieder in Unterzahl.

Einstiegsfrage an René: «Weisst du, wo du hier bist?» Die Sozialarbeiterin will wissen, ob er alleine aufstehe, was er zum Frühstück esse und weitere intime Details aus dem Alltag. René sagt: «Sie het mich usgfröglet.»

Später kommen ihm deswegen die Tränen. Zum Abschied gibt die Sozialarbeiterin der Familie ein Mäppchen mit Informationsmaterial mit: eine vierseitige Checkliste, ein Besitzstandsinventar zum Ausfüllen, Merkblatt Rechnungsführung samt Beispiel, Merkblatt Berichterstattung samt Beispiel. Kurz: Fortgeschrittene erhalten ein Anfängerhandbuch. Und Sohn René eine Rechnung dafür: 20 Franken.

Das Leben wird komplizierter

Die alte Regelung soll in eine «neurechtliche kombinierte Beistandschaft mit Begleitbeistandschaft und Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwaltung» überführt werden. René soll nach wie vor möglichst selbstständig leben – aber dort Hilfe erhalten, wo er sie braucht.

Das Familiengericht sieht das gleich, geht darauf ein. Die Eltern freuen sich – und staunen, als von beiden Straf- und Betreibungsregisterauszug verlangt werden. Doris Gauch muss zudem einen Pflege- und Betreuungsvertrag vorlegen – zwischen sich und René. Sie sagt: «Da schaut man fast 30 Jahre zu seinem Sohn und wird plötzlich als potenzielle Betrügerin hingestellt.»

Seit Anfang Juli ist nun alles geregelt. René Gauch muss die Leistungen des Gerichts, total 850 Franken, selbst bezahlen. Einfacher ist das Leben für Gauchs nach neuem Recht nicht geworden: In den Familienferien muss sie für René etwa neu separate Quittungen verlangen, um die Anforderungen der Rechnungsführung zu erfüllen.

Wie viel Einfühlungsvermögen darf man verlangen, wenn man von einer Behörde abhängig ist? Doris Gauch sagt: «Es ist ein schwieriges Schicksal mit einem behinderten Kind. Wir sind froh um jeden Stein, den man uns nicht zusätzlich in den Weg legt.»

Sie hatte 28 Jahre Zeit, um zu lernen, mit der Behinderung umzugehen. Vielleicht hilft ihr die Erkenntnis, dass ein Staat etwas Zeit braucht, um zu lernen, wie er mit einem neuen Gesetz umgehen soll.

Das sagt die Kesb: «Oft ein Balanceakt»

Was Familie Gauch erlebt hat, ist kein Einzelfall. Behindertenorganisationen haben sich gewehrt – der Kanton reagiert.

Familie Gauch hatte es nicht einfach, seit 2012 das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft trat. So ging es auch zahlreichen anderen Familien im Kanton, wie John Steggerda, Präsident der Konferenz Aargauischer Behindertenorganisationen (Kabo), weiss. Steggerda erfuhr früh davon – und suchte sofort den Dialog mit dem Kanton. Das Ziel:
eine einheitliche Praxis in allen Bezirksgerichten. Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Kanton Aargau, sagt: «Der Prozess läuft seit längerer Zeit unter grossem Einsatz aller beteiligten Organisationen.» Inzwischen hat die Kabo ein Positionspapier mit Empfehlungen für Betroffene publiziert (siehe kaboag.ch). Auch der Kanton hat reagiert: Für private Mandatsträger – so der offizielle Begriff für nichtberufliche Beistände wie Doris und Leo Gauch – gibt es neu seit September regionale Kurs- und Informationsabende.

Die Betreuung von erwachsenen behinderten Personen durch Angehörige ist laut Payllier «ein sensibler Bereich». Einerseits müssten die neuen Vorschriften eingehalten und sichergestellt werden, dass für eine Person bestmöglich gesorgt wird. Anderseits sollten Angehörige, die sich oft seit Jahren tadellos um die behinderten Personen kümmern, nicht vor den Kopf gestossen werden. «Das ist oft ein Balanceakt», sagt Payllier, es brauche in jedem Fall Fingerspitzengefühl. Anhörungen dienten dazu, die Pflegebedürftigkeit abzuklären. Gewisse Fragen seien daher zwangsläufig persönlich, etwa zu Hilfeleistungen in der Körperpflege. Sexuelle Verhältnisse seien im Erwachsenenschutz hingegen nicht von Belang. Beiständen komme eine grosse Verantwortung zu, deshalb müsse man in jedem Fall abklären, ob sie vertrauenswürdig und geeignet seien. Der Betreibungs- und der Strafregisterauszug könne dieser Abklärung dienen.

Gegen den Pflege- und Betreuungsvertrag hätte sich Doris Gauch wehren dürfen: Das Obergericht entschied im Juli, dass darauf verzichtet werden kann, wenn die Verhältnisse unproblematisch sind und ein Missbrauch ausgeschlossen werden kann. Gleich verhält es sich mit der detaillierten Rechnungsablage. Nach Auffassung des Obergerichts, so Nicole Payllier, sollten Erleichterungen grosszügig gewährt werden: «Um den angesprochenen Balanceakt zu meistern, braucht es eine einheitliche, möglichst einfache und unkomplizierte Gerichtspraxis.» Wie bei allen umfassenden Gesetzesrevisionen geschehe dies nicht von heute auf morgen: Es brauche die Erfahrung der letzten zweieinhalb Jahre, um daraus zu lernen. (rio)