Frau Bruderer, Sie sind Initiantin und Schirmherrin der Generationen-Plattform «intergeneration.ch». Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Pascale Bruderer:  Die Idee dafür entstand bei den Vorbereitungen auf das Nationalratspräsidium: Natürlich wollte ich als Nationalratspräsidentin die parlamentarischen Aufgaben – wie Sitzungsleitungen – bestmöglich wahrnehmen. Darüber hinaus sah ich aber in der breiten öffentlichen Wahrnehmung dieses Amts auch die Chance, im Kontakt mit der Bevölkerung ein gesellschaftliches Zeichen zu setzen. Besonders am Herzen lag mir schon damals der Austausch zwischen den Generationen.

Was wollen Sie mit «intergeneration.ch» erreichen?

In erster Linie wollte ich auf die vielen tollen und bereichernden Projekte aufmerksam machen, die den Generationendialog fördern. Teils neu lanciert, teils über Jahre oder gar Jahrzehnte gewachsen, setzen diese Projekte meist lokal an und werden von Organisationen oder auch von engagierten Einzelpersonen in meist ehrenamtlicher Arbeit vorangetrieben.

Diese wollten Sie unterstützen?

Genau. Deshalb lancierte ich nicht etwa ein eigenes, neues Projekt, sondern eben eine Plattform, um die bereits bestehenden Initiativen bekannter zu machen und untereinander zu vernetzen. Mit dieser Idee stiess ich bei der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft auf offene Ohren. Nur dank der SGG gelang es, innert weniger Monate «www.intergeneration.ch» auf die Beine zu stellen. In den letzten Jahren wurde die Plattform weiter ausgebaut: Es ist heute ein eigentliches Infoportal für Generationenfragen, inklusive Blogbeiträge bekannter Expertinnen und Experten.

Warum engagieren Sie sich auf diesem Gebiet? Was versprechen Sie sich davon?

Ich möchte ein positives Licht werfen auf das Zusammenleben der Generationen und für das grosse Potenzial sensibilisieren, das darin liegt. Denn meines Erachtens wird in der medialen wie auch politischen Diskussion die grosse Chance, die sich uns dank der längeren Lebenserwartung bietet, völlig unterschätzt.

Wie meinen Sie das?

Der demografische Wandel wird fast durchs Band als Problem, als Bedrohung geschildert – und ganz selten als gestaltbarer Prozess, von dem die Gesellschaft profitieren kann. Würde statt auf blosse Zahlen auch auf das menschliche Potenzial geschaut, wäre schnell klar: Die Erfahrungen und das Know-how, welches die ältere Generation heute viel länger als früher zur Verfügung stellen kann und will, ist ein grosser Gewinn! Mich stört das Schlechtreden des Alterns enorm, es zeugt auch von einer ungenügenden Wertschätzung der älteren Generation und ihres gesellschaftlichen Beitrags.

Spüren Sie das auch in der Politik?

In politischen Diskussionen wird oft versucht, die Interessen der verschiedenen Generationen gegeneinander auszuspielen – sei es punkto Arbeitsmarkt, Sozialversicherungen oder auch Gesundheitskosten. Doch auch hier bringt uns nicht das Gegeneinander, sondern nur das Miteinander weiter. Das Geben und Nehmen der Generationen lässt sich nicht immer in Franken und Rappen messen. Es geht um viel mehr, auch um gelebte Werte. Das zeigen mir die verschiedenen Generationenprojekte immer wieder auf eindrückliche Weise.

Gibt es Projekte, die Ihnen besonders Eindruck machen oder die Ihnen speziell gefallen?

Jedes Projekt hat seine eigene Faszination. Mich berührt speziell, wenn die Jüngeren die Älteren etwas lehren können – zum Beispiel im Umgang mit neuen Technologien wie Handy oder Internet. Nicht nur das Wissen, sondern auch die Geduld der Jugendlichen ist gewaltig. Das macht der älteren Generation enorm Eindruck. Und die Jungen zu Recht stolz.

Als junge Frau, Mutter und Politikerin gehören Sie der mittleren Generation der Entscheidungsträgerinnen an. Wo sehen Sie Ihre eigene Verantwortung in diesen Rollen?

Ich versuche, eine Art Brückenbauerin zu sein, und sowohl die Begegnung als auch das Verständnis zwischen den Generationen zu fördern.

Wie halten Sie persönlich Kontakt zu den jüngeren und den älteren Generationen?

Da ich nicht nur in der Familie, sondern früher auch in den parlamentarischen Ämtern die «Jüngste» war, habe ich den Austausch mit anderen Generationen schon damals ganz konkret gelebt – und davon stets enorm profitiert. Heute pflege ich diesen Kontakt, indem ich immer wieder Generationenprojekte besuche und teilweise aktiv darin mitwirke.

Die meisten Generationen-Projekte sind dank privater Initiativen entstanden. Was könnten Gemeinden, Kanton und Bund zur besseren Verständigung zwischen den Generationen beitragen?

Wichtig ist mir: Es fehlt meist nicht an Geld, sondern an Bekanntheit und Wertschätzung. Die erfolgreichsten und lebendigsten Projekte sind in der Tat jene, die ganz nahe bei den Leuten, sozusagen an der Basis, entstehen und «bottom up» weiterwachsen. Die Gemeinden haben daher eine wichtige Rolle, indem sie solchen Initiativen wohlwollend zur Seite stehen, sie beispielsweise beim Bekanntmachen oder mit Infrastruktur unterstützen. Das wird vielerorts schon heute sehr vorbildlich getan! Auf allen politischen Ebenen halte ich das Bewusstsein für wichtig, dass sich die Interessen und Bedürfnisse verschiedener Generationen mit etwas Kreativität bestens in Einklang bringen lassen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Punkto Infrastruktur und Raumplanung halte ich beispielsweise die Idee der Mehrgenerationenhäuser für zukunftsweisend: Mit einem vielfältigen Wohnungs- und Betreuungsangebot wird hier das bereichernde Zusammenleben der Generationen ermöglicht. Im nachbarschaftlichen Miteinander, ganz alltäglich und selbstverständlich. Ich bin überzeugt, dass solche Konzepte je länger, je wichtiger werden.

Was wünschen Sie sich von den verschiedenen Generationen?

Dass sie immer wieder den Mut und das Interesse finden, sich offen und ohne Vorurteile zu begegnen und gegenseitig voneinander zu lernen.