Mangel
Die Blutspenden im Aargau reichen nicht – was lässt sich dagegen tun?

Wer Blut spendet, rettet Leben: In der Region Aargau-Solothurn gibt es 10'500 Blutspender – das sind aber zu wenig, um den Bedarf an Blut decken zu können. Beim Schweizerischen Roten Kreuz hält man aber nichts von finanziellen Anreizen.

Jörg Meier
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Erstspenderin Fabienne Ramer wird im Blutspendezentrum des SRK am Kantonsspital Aarau von Elisabeth Ramseyer betreut. Mario Heller

Erstspenderin Fabienne Ramer wird im Blutspendezentrum des SRK am Kantonsspital Aarau von Elisabeth Ramseyer betreut. Mario Heller

Mario Heller

Moralische Appelle bringen wenig. Oder gar nichts. Wer Blut spendet, tut es, weil er oder sie es will. Aus der Überzeugung heraus, etwas Gutes tun zu wollen.

«Manche kommen auch aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, etwa weil fremdes Blut jemandem aus der Familie das Leben gerettet hat. Andere spenden Blut aus einer familiären Motivation: Die Eltern haben schon gespendet, und die Kinder tun es den Eltern nach, sobald sie erwachsen sind», erklärt Jörg-Peter Sigle, Geschäftsführer der Stiftung Blutspende SRK Aargau-Solothurn.

Und für viele Spender hat die gute Tat auch eine positive Nebenwirkung, wie verschiedene Studien belegen: Oft fühlen sich Blutspender nach der Spende stolz, weil sie sich der Herausforderung erfolgreich gestellt haben und sogar auch ein wenig glücklich, weil sie wissen, dass sie soeben etwas Gutes getan haben.

Die Region Aargau-Solothurn ist eine von 13 Regionen auf der Blutspende-Landkarte des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Sie trägt die Verantwortung für die Versorgung der Kantone Aargau und Solothurn mit Blutprodukten. Der Hauptsitz befindet sich in Aarau auf dem Areal des Kantonsspitals. Weitere Standorte sind in Baden, Brugg, Menziken, Muri, Olten, Grenchen, Solothurn und Zofingen. Die 60 Mitarbeitenden betreuen jährlich 10 500 Spenderinnen und Spender, die sich insgesamt rund 20 000 Mal einen halben Liter von ihrem Blut abzapfen lassen.

Im gesamtschweizerischen Vergleich schneidet der Aargau hier mit rund 1,5 Prozent für einmal unterdurchschnittlich ab. Denn im Landesmittel begeben sich immerhin drei Prozent der Bevölkerung ab und zu zum Blutspenden. Warum die Aargauer sich etwas zieren, weiss Jörg-Peter Sigle nicht. Immerhin: Die ländlicheren Gebiete liegen gut im schweizerischen Schnitt.

Die über 98-prozentige Blutspendeabstinenz hat zur Folge, dass die Region Aargau-Solothurn ihren Bedarf an Blutkonserven nicht immer vollständig decken kann; während der Sommerferien oder zu Grippezeiten etwa muss Blut ausserkantonal zugekauft werden. Umgekehrt gilt: Hier gespendetes Blut bleibt in der Region.

Eine Blutkonserve kostet in der ganzen Schweiz 220 Franken. Blut gilt als Arzneimittel. Entsprechend ist der Preis vom Bund festgelegt. Die Stiftung Blutspende SRK arbeitet nicht gewinnorientiert, aber kostendeckend. Ihr wichtigster Auftrag ist die Versorgungssicherheit mit Blut.

Könnte man die Spendenfreudigkeit nicht mit finanziellen Anreizen etwas ankurbeln? «Nein», sagt Jörg-Peter Sigle, «erstens ist das in der Schweiz verboten und zweitens wäre dies für die Produktesicherheit ein Nachteil. Wer spenden will, tut das aus einer innern Überzeugung, Geld ist da ein schlechter Motivator.»

Wer Blut spendet, wird gut betreut, erhält Sandwich und Getränk, ab und und zu eine symbolische Anerkennung. Dazu den Blutspendeausweis und die Ergebnisse des Blutuntersuchs. Mehr nicht. «Die Blutspender schätzen die persönliche Betreuung, die sie bei uns erhalten», sagt Anelia Siderow, operative Leiterin der Region Aargau-Solothurn. «Das gute Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, ist für sie Motivation genug.»

«Völlig zu Recht», ergänzt Jörg-Peter Sigle. «Man kann es auf einen einfachen Nenner bringen: Wer Blut spendet, rettet Leben. So einfach ist das und so wichtig.»

Um die bisherigen Spender weiterhin zum Spenden zu bewegen, setzt man in der Region Aargau-Solothurn auf den persönlichen Kontakt: «Wir rufen die Spender einzeln an und sagen ihnen, dass wir jetzt ihr Blut brauchen. Das wirkt. Und zwar lassen wir nicht irgendwelche fremden Personen für uns anrufen, sondern unsere Mitarbeitenden melden sich persönlich.» Und wie gewinnt man neue Spenderinnen und Spender? «Da setzen wir auf Mundpropaganda und vertrauen auf Familientraditionen», sagt Siderow.

Auf einer der bequemen Liegen liegt gut betreut die 18-jährige Fabienne Ramer. Heute hat sie zum ersten Mal Blut gespendet. Sie wirkt entspannt und zufrieden. Wie kommt die junge Frau dazu, Blut zu spenden? «Meine Mutter hat oft gespendet und mich mitgenommen. So war für mich immer klar, das ich auch spenden werde, sobald ich 18 bin.»

«Sehen Sie», sagt da Jörg-Peter Sigle, «genauso, wie ich es gesagt habe: Familientradition und Mundpropaganda sind ein wirksames Marketing.»

Wer selber einmal – oder wieder einmal – erfahren möchte, wie stolz und glücklich Blut spenden machen kann: Hier steht alles, was man wissen muss: www.blutspende-ag-so.ch

n Motive des Blutspendens

Wenn man neue Blutspender gewinnen will – und die sind für eine sichere Blutversorgung unentbehrlich, muss man auch einiges über die Motive wissen, die Menschen zum Blut spenden veranlassen. Inzwischen ist Blutspenden zum Thema der Forschung mit soziologischen, psychologischen und sogar tiefenpsychologischen Ansätzen geworden. So gibt es etwa die umfangreiche Dissertation «Motive des Blutspendens» von Gernot Schiefer, die Überraschendes offenbart: Es wird gezeigt, dass die relevanten Motive der Blutspende zu einem grossen Teil im Unbewussten zu suchen sind und dass man es bei der Blutspende nur vordergründig mit rationalen Handlungszusammenhängen zu tun hat. Die Blutspende kann eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben anstossen und wird von Spendern wie Nicht-Spendern als Bedrohung des eigenen Selbst erlebt.

ehrfachspender betreiben daher einiges an seelischem Aufwand, um die mit der Blutspende verbundenen starken Ängste zu kompensieren. Andererseits ermöglicht die Blutspende grandiose und heroische Fantasien, die sich in keiner anderen Alltagssituation so intensiv ausleben lassen. Andere Studien haben gezeigt, dass moralische Appelle nichts bringen, aber auch dass die Spendenbereitschaft nicht steigt, wenn es für das Blutspenden eine finanzielle Entschädigung gäbe. Solche Erkenntnisse aus der Blutspendenforschung werden vielenorts bereits im Marketing umgesetzt. (jm)