Die Inspiration für die vorliegende Namendeutung kommt für einmal nicht aus dem Aargau, sondern aus dem Kanton Luzern. Silvia und Alain Mischler aus Ermensee möchten wissen, was in ihrer Gemeinde der Flurname Egelmoos bedeutet. Nun ist Egelmoos ein auch im Aargau vielfach belegter Name. Er ist in Dottikon, Kölliken, Niederrohrdorf und in der Schreibung Ägelmoos in Villmergen, Brugg, Mellingen und Beinwil am See belegt. Derjenige Nachweis aus Ermensee ist somit in guter Gesellschaft.

Mischlers fragten nebst der Bedeutung von Egelmoos nach einem möglichen Zusammenhang des Namens zu Sumpf, Moor, zur Fischart Egli oder zu Blutegeln. Tatsächlich liegen Mischlers mit ihrer Vermutung richtig, wenigstens teilweise. Um es vorwegzunehmen, zum Süsswasserfisch Egli, so wie in der Schweiz dem Flussbarsch gesagt wird, besteht kein Bezug. Denn der Flussbarsch meidet stark verschlammte, flache Gewässer. Für seinen Lebensraum bevorzugt er stille Gewässer oder auch langsam fliessende Flüsse und Bäche mit tiefem, steinigem Untergrund.

Blutegel ist nicht gleich Blutegel

Die Namenbestandteile Egel beziehungsweise Ägel weisen in der Regel vielmehr auf das markante Vorkommen von Blutegeln in einem bestimmten Gebiet hin. So liegt in Zeiningen der Ägelsee, der einst nach den auffallend vielen Blutegeln in diesem Gewässer benannt worden ist. Auf der Siegfriedkarte aus dem 19. Jahrhundert ist dabei die Schreibung «Igelsee» überliefert. Der Name hat allerdings nichts mit dem stacheligen Tier zu tun, sondern ist als dialektale Variante zu verstehen. Auch in Gossau (SG) ist das heutige Egelmoos im 19. Jahrhundert in einer historischen Schreibung als Igelmoos überliefert. In Zeiningen haben die Egel sogar dem danebenliegenden Hof zum Namen verholfen – Ägelseehof.

Auch wenn der Gedanke an Blutegel einem schaudern lässt, so ist er doch seit Jahrhunderten ein wichtiger Begleiter der Menschen. Heute wird unterschieden in medizinischer Blutegel (hirudo medicinalis), mediterraner medizinischer Blutegel (hirudo verbena) und dem Pferdeegel (Haemopis sanguisuga), der irrtümlicherweise Eingang in die Medizin fand, dort aber keinen Nutzen erbringen konnte.

Blutegel wurden ähnlich dem mittelalterlichen Aderlass zur «Entgiftung» dem Menschen angesetzt. Das heisst, man platzierte einen Blutegel auf einer bestimmten Körperstelle, worauf sich der Egel mit seinem saugnapfähnlichen Mund an der Haut festsog und diese mithilfe seiner mit scharfen Calcitzähnchen besetzten drei Kiefer zu sägen begann. Ist der Egel dann dick und satt, so fällt er – vollgesogen wie ein Schwamm – von seinem Wirt ab. Hilfreich ist diese Therapie bei Thrombosen und Venenentzündungen. Weniger Freude machen Landegel (Haemadipsidae), die massive Krankheiten auf den Menschen übertragen können.
Um welche Egel es sich in den besagten Gebieten handelte, ist natürlich nicht nachweisbar. Dass der Egel überhaupt Eingang fand in die reiche Schatzkiste der deutschschweizer Namenwelt zeugt davon, dass ihm eine gewisse Wichtigkeit zugemessen wurde. Sei es, um ihn wie beschrieben zu medizinischen Zwecken zu nutzen oder sei es, um Gebiete, in denen Egel leben zu bezeichnen, um diese zu meiden, um Mensch und Vieh vor übertragbaren Krankheiten zu schützen.

Moos meint nicht das Moos

Der zweite Namensteil, Moos, darf nicht in der heutigen Bedeutung verstanden werden. Nicht die dichte, sattegrüne Pflanzenart, die bevorzugt an schattigen, feuchten Stellen wächst, ist gemeint. Moos weist in seiner schweizerdeutschen Bedeutung auf feuchte, sumpfige Stellen, auf Moor- und Sumpflandschaften hin. Die beste Lebensgrundlage von Egeln. So liegt etwa das Egelmoos in Niederrohrdorf an der Grenze zu Mellingen im Wald in einem Sumpfgebiet. Gleich daneben liegt eine Flur namens Egelmoosholz, wobei das Wort Holz in seiner ursprünglichen schweizerdeutschen Bedeutung «Wald» bezeichnet. Der Name weist somit auf eine bestimmte Abteilung des grossen Waldgebiets hin, das beim Sumpfgebiet liegt, in dem Egel vorkommen.

In der Nachbarsgemeinde Mellingen hat sich der Name «Ägelmoos» in seiner schweizerdeutschen Variante durchsetzen können. Moos kommt des Weitern in zahlreichen Schreibungen und Varianten in vielen Orts- und Flurnamen vor. Etwa im Ortsnamen Moosleerau, das sich unbescheiden als Tor zum Aargau positioniert. Der Begriff Moos ist also eng mit dem Aargau verbunden, sozusagen ein natürlicher Teil davon.