Bremgarten

Die bloggende Pfarrerin: «Eine schöne Adventszeit ist doch wie guter Sex»

Der «Star» unter den bloggenden Pfarrern bei «ungeniert reformiert»: Corinne Dobler (38) in Bremgarten, wo sie der reformierten Kirchgemeinde vorsteht.

Der «Star» unter den bloggenden Pfarrern bei «ungeniert reformiert»: Corinne Dobler (38) in Bremgarten, wo sie der reformierten Kirchgemeinde vorsteht.

Pfarrerin Corinne Dobler schreibt im Blog der Reformierten Landeskirche über Geschichten aus ihrem Leben. Tabu-Themen gibt es keine. Ihr Antrieb ist die Lust am Schreiben – und ein wenig auch die Lust an der Provokation.

 Der Vergleich ist gewagt – besonders, wenn er von einer Pfarrerin kommt. Und dann ausgerechnet noch während der besinnlichsten Zeit des Jahres: Weihnachten.

«Eine schöne Adventszeit ist doch wie guter Sex. Der beginnt auch nicht gleich mit dem Orgasmus. Genauso braucht auch Weihnachten ein Vorspiel in der Adventszeit, den leisen Anfang mit einer Steigerung bis zum Schluss.»

Die Autorin dieser Passage: Corinne Dobler, 37 Jahre alt, zweifache Mutter, reformierte Pfarrerin in Bremgarten – und Bloggerin. Die Lust am Schreiben und ein wenig auch die Lust an der Provokation treiben sie an, regelmässig Beiträge zu schreiben und ins Internet zu stellen.

Die schweizweite Premiere

«Unsere Star-Bloggerin», nennt sie Landeskirche-Sprecher Frank Worbs. Dobler ist Teil des 16-köpfigen Autorenteams, das für den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau im Einsatz steht.

«Ungeniert reformiert» heisst dieser; online ist er seit letztem Jahr. Eine schweizweite Premiere. Zwar bloggten hierzulande bereits vorher Kirchenvertreter, doch taten sie dies als Einzelpersonen.

Neu daran ist, dass jetzt eine ganze Gruppe bloggender Pfarrerinnen, Pfarrer, Katechetinnen und Sozialdiakone Erlebnisse aus ihrem Alltag mit der Öffentlichkeit teilt.

Die Zwischenbilanz von Frank Worbs fällt positiv aus. «Wir bieten kleine Geschichten aus dem Leben einer Kirche. Das kommt sehr schön zum Ausdruck.» Auch mit den Klickzahlen zeigt er sich zufrieden. Durchschnittlich 4000 Aufrufe pro Monat – doppelt so viele wie im Vorjahr.

Keine Aussagen sind allerdings darüber möglich, wer den Blog liest. Über das Publikum ist wenig bekannt. Neues Medium, neue Mitglieder – so einfach ist die Rechnung aber nicht.

Worbs betont, der Blog könne nicht dazu dienen, den Mitgliederschwund zu stoppen. Stattdessen soll «das altertümliche Bild der Kirche» korrigiert, die Institution näher zu den Menschen gebracht werden.

Das ist auch Corinne Doblers Ziel. «Viele Leute halten die Kirche für weltfremd, die Pfarrpersonen für abgehoben.» Gegen diese Klischees schreibt sie an. «Wir sind normale Menschen, nicht heiliger als andere, aber mit der Fähigkeit, das Göttliche im Alltag zu sehen.»

Diese Botschaft soll bei den Lesern ankommen – verbreitet nicht von der Kanzel, sondern vom Küchentisch aus, wo sie die meisten Beiträge verfasst.

Der Mut der Blogger

Bei der Imagekorrektur helfen soll die Themenwahl. Die Blogger zeigen sich von ihrer privaten Seite. Wer sich durch die Einträge klickt, erfährt einiges über ihr Leben.

Da gibt es die Pfarrerin, die auf einen neuen Musikgeschmack ihres Sohnes hofft (Lieblingsstil Death Metal). Ihre Berufskollegin, die um den verstorbenen Kater Willibald trauert (Leibspeise Panettone). Oder den jungen Pfarrer, der häufig die Frage zu hören bekommt: «Ist Ihr Vater, der Herr Pfarrer, zu Hause?»

Und auch Corinne Dobler gewährt der Leserschaft private Einblicke. Sie schreibt über die Meinung ihres Tätowierers zu ihrer Tattoo-Idee («Es sieht dann einfach Scheisse aus»), ihren grössten Kindheitshelden («Knight Rider») oder ihren grössten Lottogewinn («9.50 Fr.»).

Sie sagt: «Der Blog ist dann interessant, wenn die Autoren etwas über sich preisgeben. Sonst wird es langweilig.» Das sei schliesslich das Mutige am Bloggen.

Ihre Themen stammen oft aus Gesprächen. Hilfreich ist dabei ihre Tätigkeit als Gastroseelsorgerin. Dobler geht dazu in die Beizen, spricht dort mit Wirten und Servicepersonal.

Dabei entstehen Ideen – so auch jene für den Sex-Vergleich. Der Wirt erzählte ihr, wie er seiner Angestellten erklären musste, dass die Weihnachtsdekoration Woche für Woche gesteigert werden müsse. Er habe dies mit den Worten getan: «Du chasch doch nöd grad mit em Orgasmus afange.»

Daraus entstand der Beitrag, der ihr Lob, aber auch Kritik einbrachte. «Wow, bin immer noch sprachlos», schrieb eine Leserin. Das war nicht positiv gemeint.

Die Diskussionen mit den Kritikern scheut Dobler nicht. Sie sagt, sie habe mit Reaktionen auf ihren Beitrag gerechnet. Dennoch war ihr dieses Thema ein Anliegen, da ihr die Kirche oft zu wenig lustvoll ist. Tabu-Themen, sagt sie, gebe es für sie nicht.

Die Sorge vor dem «Shitstorm»

Alle Autoren seien frei, ihre Meinung zu äussern, auch Kritik an der eigenen Kirche sei erlaubt, sagt Worbs. Ein gewisser Stil werde jedoch erwartet. Seitenhiebe gegen andere Bevölkerungsgruppen beispielsweise gelte es zu vermeiden.

«Die Einträge können sehr schnell als Meinungsäusserung der Kirche wahrgenommen werden.» Eine unbedachte Bemerkung könne rasch in einem «Shitstorm» münden.

Sorgen bereitet das Corinne Dobler nicht. Sie will auch künftig über ihr Leben bloggen – persönlich und manchmal ein wenig provokativ.

Lesen Sie den Kommentar zum Thema hier. 

Stöbern Sie im Blog «Ungeniert reformiert» nach weiteren Beiträgen von Pfarrerin Corinne Dubler und ihren Kollegen.  

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