Flurnamen-Serie

Die Biber bevorzugen Buchen und Eichen

Die Buhalde in Biberstein war früher auch Rebberg; bevor hier Reben wuchsen, war der Hang mit Buchen bewaldet Claudio Thoma

Die Buhalde in Biberstein war früher auch Rebberg; bevor hier Reben wuchsen, war der Hang mit Buchen bewaldet Claudio Thoma

Flurnamen Buhalde, Steimüri und Chälle interessieren bis nach Bournemouth.

Die Reichweite dieser Zeitung ist beachtlich. Der folgende Beitrag basiert auf der Frage von Helmut Hostettler aus Bournemouth, Südengland. Ein Urlaubsort, bekannt für seine viktorianische Architektur und Strände, direkt am Ärmelkanal. Von Bournemouth bis nach Biberstein sind es 813 km Luftlinie. Dort liegt die Buhalde. Südhang, heute überbaut, endlose Aussicht, früher ein Rebberg. Ebenfalls in einem Rebbaugebiet, in Tegerfelden, liegt die Flur Steimüri; südlich des langgezogenen Rebbergs erstreckt sich ein Tal namens Chälle. Beidseitig steil abfallende Waldhänge. Keine Aussicht, kein Meer, und doch interessiert sich Herr Hostettler für die drei Flurnamen Buhalde, Steimüri und Chälle.

Buchen suchen, Eichen weichen

«Buchen sollst du suchen, Eichen sollst du weichen.» Sich so bei Gewitter zu verhalten, rät einem der Volksmund, um nicht vom Blitz getroffen zu werden. Demnach hätte man sich in Biberstein besser in der Buhalde aufgehalten anstatt in der nur unweit östlich davon liegenden Flur Eichlene. Denn Buhalde ist nichts anderes als die verkürzte Form einer ursprünglichen Form Buchhalde mit der Bedeutung: Der mit Buchen bestandene Abhang. Während Eichlene folglich auf einen einstigen Eichenbestand hinweist. Eichlene ist eine Pluralform zu Eichel, der Frucht der Eiche. Der Plural zeigt sich in der «–ene»-Endung. Eine Verstärkung für etwas, das an einer bestimmten Stelle in grosser Anzahl vorkommt. Der Name ist als «der bedeutende, grosse Eichenbestand» zu deuten. Die weitverbreitete Baumart Buche fand Eingang in zahlreiche Flurnamen. Der Flurname Buhalde ist nicht nur im Aargau oft belegt. So verwundert es sich nicht, dass sich zahlreiche Personen nach der Bedeutung von Buhalde in ihrer jeweiligen Wohngemeinde erkundet haben, so wie Anna Hunziker aus Biberstein oder Victor Rüetschi aus Suhr. Eine Buhalde findet sich auch in Untererendingen, an der Grenze zu Tegerfelden. Buhalde ist an allen Orten gleich zu deuten.

Die Chälle in Biberstein ist ein Geländeeinschnitt in einem Wald, der steil ansteigt. Spontan erinnert das Wort Chälle einen an das Schöpfgeschirr Kelle. Aber das Gelände in Biberstein, ein tiefer Einschnitt, wie eine in den geschwungenen Hügelzug gehauene Axtscharte, spricht gegen diesen Deutungsansatz. Chälle ist auf das schweizerdeutsche Wort Chäle zurückzuführen, das so viel wie «Kehle oder Schlund» bedeutet.

Keine Burg am Petersbuck

Chäl(l)e-Namen verweisen auf natürliche, lang gestreckte Einschnitte im Gelände, oft steile und raue Rinnen und Klüfte. Der Name ist demzufolge als «der schlundartige Geländeeinschnitt, die Einkehlung» zu deuten.

Kommen wir zum dritten Namen. Helmut Hostettler vermutet bereits richtig, dass der Name Steimüri wohl auf eine ehemalige Steinmauer zurückgeht.

Der Name ist sprechend, diesem Ansatz ist nichts entgegenzusetzen. Die Frage, die sich hier stellt, forscht nach dem Zweck dieser Steinmauer. Thronte auf den Ausläufer des Petersbuck einst eine Burg, die vielleicht zerfallen als Ruine manche Steinmauern übrig liess, die markant in der Landschaft stehend der Flur den Namen gab? Oder entstand die Steinmauer doch erst im Zuge der Terrassierung des Südhangs zum Anbau von Reben? Letzteres ist anzunehmen, da weder eine Ruine sichtbar ist noch die archäologische Bodenforschung bisher entsprechende Funde dokumentieren konnte. Praktischerweise liegt oberhalb des Rebbergs im Wald ein markanter Steinbruch, der bereits auf der Michaeliskarte aus dem Jahr 1843 eingezeichnet ist. Hier ist Steimüri also einfach als «Steinmauer» zu deuten.

In Bournemouth ragen hölzerne Palisaden und steinerne Mauern ins Meer hinein und schützen den Strand vor Erosion. Woher aber diese Steine kommen – so weit reicht die Aargauer Namenforschung noch nicht.

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