Vor fünf Jahren präsentierte der damalige Innendirektor Kurt Wernli der Öffentlichkeit die regierungsrätlichen Vorstellungen einer Gemeindereform (Gerag): Der Kanton wolle Gemeindezusammenschlüsse unterstützen, mitfinanzieren und notfalls durch Grossratsbeschluss auch aktiv herbeiführen. Diese letzte Bestimmung erwies sich als Sargnagel für die Reform, ein «Zwangsparagraf», ein Schuss zu viel «Top-down-Prinzip»: Im September 2009 lehnte das Volk Gerag an der Urne ab.

Die Vorlage hatte zwei Zielrichtungen. Erstens: Gemeindefusionen sollen generell unterstützt werden, auch auf dem Land, wenn sich Kleingemeinden zu einer grösseren Kommune zusammenschliessen. Zweitens: Die Zentrumsstädte Aarau und Baden sollen durch Fusionen mit den Vorortsgemeinden wachsen, damit sie mehr Kraft und Bedeutung erhalten. Davon könnte der gesamte Aargau profitieren. Heute nimmt kaum jemand wahr, dass er zu den grössten Kantonen des Landes gehört.

Zwei Anläufe, nun die grosse Ruhe

Teil 1 ist am Laufen, auch ohne Zwang von oben. Als jüngstes Beispiel besiegelten am 11. März die vier Bözberg-Gemeinden ihre Fusion. Die Totalzahl aargauischer Kommunen sinkt von ursprünglich über 230 langsam gegen 200.

In Teil 2 hingegen, die Bildung starker Zentren in Aarau und Baden, ist nach zwei Anläufen Ruhe eingekehrt. Die beiden Anläufe:

Seit Anfang 2010 ist die ehemalige Vorortsgemeinde Rohr ein Stadtquartier von Aarau. Mit den gut 17000 Menschen, die Aarau in die Ehe einbrachte, und den gut 3000 von Rohr ist Aarau Rohr nun die erste aargauische Stadt, die es auf über 20000 Einwohner bringt (diese Marke knackte bisher erst das «Dorf» Wettingen).

Im Sommer 2010 scheiterte der zweite Versuch, diesmal im Osten: Mit grossem Mehr entschied sich Neuenhof für die Fusion mit Baden. Doch mit einem Mehr von 47 Stimmen zeigten die Städter den Dörflern die kalte Schulter. Mit diesem Misserfolg scheint die ganze Idee «Regionalstadt» fürs Erste besiegt. Die letzte Eingemeindung liegt genau 50 Jahre zurück, ihr gedenkt man Anfang Mai: Dättwil samt Rütihof und Münzlishausen stiessen 1962 zu Baden.

Denkanstösse – und die Taten?

«Trotz der Beschwörung der regionalen und der Gemeindeautonomie hat der Aargau statt starker Regionen lauter wegen ihrer geringen Grösse schwache Gemeinden, entsprechend wenig Gewicht hat der Kanton», schrieben die Autoren Nik Brändli, Judith Jean-Richard und Alexander Henz bereits 2003 in ihrer Broschüre «Aarau morgen – Denkanstösse». Und: «Grösse allein garantiert noch keine urbanen Qualitäten, aber ohne eine gewisse Grösse bleibt jede Stadt in ihrer Bedeutung beschränkt.»

Neun Jahre später geht es hier wieder um «Denkanstösse». Ob die Zeit heute reif(er) ist, ob den «Anstössen» diesmal Taten folgen? Unsere «grössten» Städte kann man heute ohne Mühe umgehen. «Bundesstrafgericht kommt nach Aarau», verkündete der Bundesrat 2001. Heute sitzt das Gericht in Bellinzona.

Es gibt Beispiele und Vorbilder

Heute belegen Aarau, Wettingen und Baden auf der Grössenrangliste der Schweizer Städte Plätze zwischen 35 und 50, abgeschlagen zum Beispiel hinter Vernier, Uster, Lancy, Kriens oder Dübendorf. Die Behauptung «Grösse bringt Bedeutung» ist nicht graue Theorie, wie Beispiele aus dem Schweizerland zeigen.

Die grösste Schweizer Stadt, Zürich, erhielt ihre Grösse und Bedeutung erst durch zwei Eingemeindungswellen: Ein Dutzend Vororte stiess 1893 zur Stadt, weitere 8 kamen 1934 dazu. Auch Winterthur, wegen der Maschinenindustrie oft mit Baden verglichen, hat die Hunderttausender-Marke überschritten – das wäre ohne Oberwinterthur, Wülflingen, Töss, Seen etc. nie möglich gewesen. Schrittmacherdienste leistete im letzten Jahrzehnt auch Lugano: 8 Vorortsgemeinden stiessen 2004 zur Stadt, 4 weitere 2007. Heute liegt Lugano mit knapp 60000 Einwohnern landesweit auf Rang 9.

Agglomerationen: weit vorne

Nimmt man indessen die Agglomerationen ins Visier, sieht es plötzlich anders aus: Baden liegt mit über 110000 Menschen in den Top Ten der Schweizer Ballungsräume, Aarau mit über 80000 in den Top 15. Die Regierung ging in ihren Vorschlägen von 2007 allerdings nicht von Fusionen sämtlicher Agglomerationsgemeinden aus: Sie rechnete für Gross-Baden mit rund 60000, für Gross-Aarau mit rund 50000 Einwohnern.