Wochenkommentar
Die Badenfahrt, Kitt für die Gesellschaft

In diesen Titel hat sich kein Fehler eingeschlichen. Die az-Redaktion weiss, dass die zehntägige Badener Party offiziell «Stadtfest» getauft wurde, weil die Badenfahrt nur alle zehn Jahre stattfindet - 2007, 2017, etc.

Christian Dorer
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Zwischen Urbanität und Lokalkolorit: Feststimmung rund um den Stadtturm an der Badenfahrt 2007. Alex Spichale

Zwischen Urbanität und Lokalkolorit: Feststimmung rund um den Stadtturm an der Badenfahrt 2007. Alex Spichale

Was eine verpasste Chance ist: Das aktuelle Fest in der Mitte der Dekade steht einer Badenfahrt in nichts nach - also bitte keine falsche Bescheidenheit. Nennen wir das Stadtfest doch ab sofort Badenfahrt oder zumindest «kleine Badenfahrt» - so, wie der Volksmund sagt. Jedes Städtchen hat ein Stadtfest, aber nur Baden hat eine Badenfahrt. Warum das Einzigartige verleugnen?

Was die Badenfahrt 2012 bietet, ist schlicht gigantisch: Die Stadt ist zum Festgelände mutiert, eindrückliche temporäre Holzbauten laden zum Besteigen und Verweilen ein, es gibt 70 Festbeizen und 1000 kulturelle Veranstaltungen. Nachts reist der halbe Aargau an: Man trifft spontan Freunde an, den Regierungsrat im legeren Tenü, den Nachbarn beim Bier, den Migros-Konzernchef auf der Ruine Stein, den ehemaligen Schulkollegen, den CEO der NAB am Bierzapfen, Polo Hofer beim Drink nach dem Auftritt, und so weiter.

Baden wächst über sich hinaus. Und demonstriert, zu was ein Städtchen und seine Region fähig sind. Die Badenfahrt ist nicht irgendeine Chilbi mit Schiessbuden und Festbänken, keine Messe der Behörden, der Wirtschaft, der Armee oder sonst einer Institution. Die Badenfahrt ist eine Messe der Zivilgesellschaft: Quartier- und Sportvereine, die Pfadi, Feuerwehrleute und Ad-Hoc-Clubs haben sich in wochenlanger Arbeit gegenseitig mit noch liebevolleren, noch originelleren, noch spektakuläreren Bauten übertrumpft.

Die az schätzt, dass rund 5000 Freiwillige an den Beizen gezimmert und gewerkelt haben. Und das alles in der Freizeit und natürlich unentgeltlich. «Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller schrieb in seiner Hommage an die Stadt zu Recht: «Baden ist seit je her ein Kraftort der Eigeninitiative, des Unternehmergeistes und des Wettbewerbs. (...) Der Spass war hier schon immer privat organisiert.»

Die Menschen gehen an die Badenfahrt, um Freunde zu treffen, Spass zu haben, abzutanzen, gut zu essen und zu trinken. Die Polizei verzeichnete am vergangenen Wochenende mit rund 220 000 Besuchern weniger Vorfälle als an einem gewöhnlichen Wochenende - «weil die soziale Kontrolle besser ist», wie die Polizei mitteilte.

Dabei dürfte wesentlich mitspielen, dass alle Generationen vereint sind. In einem solchen Mix, der heutzutage leider nicht mehr allzu oft zusammen feiert, entsteht automatisch weniger Aggressivität als wenn, wie üblich, die nächtliche Stadt weitgehend der Jugend überlassen wird.

Viel wird gejammert über die Anonymisierung der Gesellschaft, schwindenden Zusammenhalt und den Rückzug ins Private. Die Badenfahrt beweist zehn Tage lang das Gegenteil - und wird zum Kitt für die Gesellschaft. Danke, liebe Badener!