30. Geburtstag
Die Auto-Partei: Aufstieg und Fall eines politischen Unikums

Die Schweizer Auto-Partei setzt sich seit 30 Jahren für sechs A1-Spuren und eine zweite Gotthardröhre ein. Heute feiert sie Geburtstag, organisiert vom Aargauer Präsidenten Frank Karli. «Unsere Forderungen sind immer noch zeitgemäss», sagt er. Die alte Grösse werde man aber nie mehr erlangen.

Mario Fuchs
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Frank Karli – hier auf der Kartbahn Roggwil – gründete 1987 die Auto-Partei Aargau und hat zu Hause selbst vier Autos: Peugeot 307, Honda jazz , Hyundai Matrix, Fiat Ducato.

Frank Karli – hier auf der Kartbahn Roggwil – gründete 1987 die Auto-Partei Aargau und hat zu Hause selbst vier Autos: Peugeot 307, Honda jazz , Hyundai Matrix, Fiat Ducato.

Sandra Ardizzone

Es gibt zwei Sorten Pensionäre: Die einen sagen, sie seien «ja jetzt pensioniert». Und die anderen sagen, sie «wären ja eigentlich pensioniert». Natürlich zählt Frank Karli, 1949, Murgenthal, zur zweiten Sorte.

Karli war sein Leben lang Bezirksschullehrer: in Brugg, Wohlen, Muri, Wettingen, Aarau, Buchs. Und: Sein halbes Leben lang ist er Politiker. Die Geschichte des Politikers Frank Karli ist einige Kapitel weit auch die Geschichte der Schweizer Auto-Partei. Einer Partei, welcher der «Blick»-Chefredaktor einen «Senkrechtstart» prophezeite – und die Jahre später genauso senkrecht wieder abstürzte.

Die aus Unmut und einem legendären Slogan hervorging – und deren Hauptforderungen bis heute auf einen einzigen Sticker passen. Die einst 8 Sitze im Nationalrat und 19 Sitze im Aargauer Grossen Rat hielt – und deren landesweit letzte Mandatsträgerin 2013 als Überzählige ausschied: Christine Weiss, 1946, Sozialbehörde Regensdorf ZH.

Der Protest

Frank Karli erzählt wie ein guter Lehrer: Langfädig, aber nicht langweilig, dafür nachfragend, wenn er sich nicht sicher ist, ob man noch mitkommt. Aufgewachsen ist er in Langenthal BE, später Alte Kantonsschule in Aarau, dann Studium der Geschichte und Geografie. «Von Haus aus», erzählt er, wäre er «eigentlich freisinnig gewesen.»

Mit diesem Klebern warb die Auto-Partei in den 80er- und 90er-Jahren um Mitglieder – er wurde 1985 am Autosalon in Genf verteilt.

Mit diesem Klebern warb die Auto-Partei in den 80er- und 90er-Jahren um Mitglieder – er wurde 1985 am Autosalon in Genf verteilt.

ZVG

Die Eltern waren «unpolitisch», fasziniert haben den jungen Frank der Schwager der Mutter, Generalkonsul in Düsseldorf, und der Bruder des Vaters, Generalkonsul auf Madagaskar. Zunächst sympathisierte er mit dem Landesring der Unabhängigen, auch ein wenig mit der FDP, «aber dann kam dieser Öko-Mode-Schub und erfasste alle». 1979 wird der VCS gegründet, der «Verkehrs-Club der SP», wie Karli sagt, und als Gegenbewegung der Transportunternehmer die ASV, die Aktionsgemeinschaft Strassenverkehr. «Die Transpörtler» hatten guten Zulauf, wollten aber mehr erreichen.

Die grosse Debatte zu jener Zeit: Waldsterben. Tannen und Fichten lichteten sich, heisst es, wegen zu hoher Luftverschmutzung. Der Bundesrat lässt sich alarmieren und legt 1984 ein Massnahmenpaket vor. Unter anderem: die Einführung von bleifreiem Benzin und Temporeduktionen auf der Autobahn (auf 100 km/h) und ausserorts (80).

Mit diesem Klebern warb die Auto-Partei in den 80er- und 90er-Jahren um Mitglieder.

Mit diesem Klebern warb die Auto-Partei in den 80er- und 90er-Jahren um Mitglieder.

ZVG

Die Debatte endet vorläufig mit einem schweizerischen Kompromiss: 120 und 80. Zwar stellen sich die «apokalyptischen Prognosen» (NZZ) später als «voreilig» heraus – doch die Autofreunde sind jetzt ebenso alarmiert, fühlen sich ihrer Freiheit beraubt, in ihren Grundrechten beschnitten. Ein Jahr später, am Autosalon in Genf, sammelt ein junger Schaffhauser Politiker namens Michael Dreher Unterschriften für einen «Gegenpol zur Grünen Partei».

Der Boom

Der Spruch «Auto-Partei – Ich bin dabei!» schlägt ein, am 25. Februar 1985 gründet Dreher in Zürich seine Partei. 1985 ist auch für Karli ein Glücksjahr: Er heiratet. Zwei Jahre später fragt ihn jemand: «Wollt ihr nicht auch eine Sektion gründen?» Karli, Bezirksschullehrer, sagt zwar Ja. Aber er weiss auch, dass er es nicht zu laut sagen sollte. Denn speziell unter Lehrern gabs einen Linksrutsch.

Kollege Karli steht quer in der politischen Landschaft. «Unser Schuldirektor war ein SP-Mann. Im Lehrerzimmer lagen VCS-Formulare auf», erinnert er sich. Trotzdem gründet er mit Mitstreitern am 17. Januar 1987 in Wettingen die Auto-Partei Aargau. Ehefrau Sonja schreibt für ihn die Pressemitteilung – dem Bez-Lehrer ist die Sache noch «zu heiss».

1987 ist auch ein eidgenössisches Wahljahr. Nur rund 480 Wähler mit einer vollen Liste fehlen für einen ersten Sitz. 1991 gibt es dafür gleich acht Nationalratssitze, davon zwei für die Aargauer: «Das war eine Sensation für uns als Oppositionspartei.»

Der Fall

Ihre Ideen kommen gut an. So gut, dass sie kopiert werden: von der SVP. Die Auto-Partei fährt sich zudem selbst gegen die Leitplanke: Gründer Mike Dreher sagt, man solle «Linke und Grüne an die Wand nageln und mit dem Flammenwerfer drüber». Wichtige Exponenten wie Ueli Giezendanner wollen sich abgrenzen und laufen zur Konkurrenz über (siehe Text rechts). Bei den nächsten Wahlen folgen national und kantonal nur noch Verluste, 2007 erfolgt die letzte Kandidatur auf eidgenössischer Ebene.

Heute sagt Frank Karli: «Die SVP hat uns in vielem kopiert. Sie war aber nicht erfolgreicher, weil sie braver war, sondern weil sie mehr Geld hatte.» Heute hat die «auto-partei.ch», wie sie sich inzwischen nennt, «weniger als 2500 Mitglieder», die genauen Zahlen würden nicht mehr kommuniziert, sagt Karli mit einem Schmunzeln. Eine neuerliche Kandidatur sei nicht geplant. «Alleine haben wir keine Chance, wir bräuchten eine Listenverbindung.»

Alle, die flüssigen Verkehr wollten, seien aber nach wie vor willkommen. Die Forderungen – sechs A1-Spuren und eine zweite Gotthardröhre – sind die gleichen geblieben. Einen Grund, sie zu ändern oder zu erweitern, sieht Karli nicht. «Sie sind noch nicht erfüllt, also immer noch zeitgemäss!»

Einsetzen will sich die Partei vorerst für die «Milchkuhinitiative» für eine «faire Verkehrsfinanzierung». Der Ständerat hat sie vor einer Woche abgelehnt, der Nationalrat wird sie noch behandeln. Immerhin: Die Idee stammt ursprünglich von der Auto-Partei. Sie brachte aber vor zwei Jahren die nötigen Unterschriften nicht zusammen.

Es gibt also noch viel Arbeit. Doch zuerst wird Geburtstag gefeiert, mit Ansprachen, einem Mittagessen und einem Kartrennen. Wer «eigentlich pensioniert wäre», kann noch lange.

Lesen Sie den Kommentar dazu hier.