Pendlerkanton Aargau
Die Arbeitswege werden länger – und Aarau ist die Hochburg der Schweizer Pendler

Pendler brauchen heute für den Arbeitsweg länger als früher. Auch gehen immer weniger Leute zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit – doch das könnte sich wieder ändern.

Nicola Imfeld
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Dichtestress am Bahnhof Aarau: Keine andere Stadt weist einen solch hohen Pendlersaldo aus wie Aarau. Mario Heller

Dichtestress am Bahnhof Aarau: Keine andere Stadt weist einen solch hohen Pendlersaldo aus wie Aarau. Mario Heller

Mario Heller

Immer mehr Erwerbstätige in der Schweiz arbeiten ausserhalb ihrer Wohngemeinde. Rund 70 Prozent gehen ihrem Job in einem anderen Dorf oder in einer anderen Stadt nach, wie aus einer Mitteilung des Bundesamtes für Statistik hervorgeht.

Aarau ist dabei die Pendlerhochburg der Nation: Keine andere Schweizer Stadt weist einen solch hohen Pendlersaldo (+160 Prozent) aus wie die Hauptstadt des Kantons Aargau. Das bedeutet, dass nach Aarau verhältnismässig mehr Erwerbstätige pendeln als in die grossen Städte wie Zürich, Bern oder Basel. Auch Baden (+141 Prozent) mischt ganz oben mit.

160 Prozent...

... beträgt der Pendlersaldo der Stadt Aarau. Keine andere Schweizer Stadt weist einen anteilsmässig so grossen Pendlerstrom auf wie die Hauptstadt des Kantons Aargau.

Die Pendler-Hotspots Aarau und Baden sind gute Beispiele für den Pendlerkanton Aargau. Die aktuellen Zahlen der Pendlerstatistik des Kantons Aargau gewähren einen Durchblick in die wirren Pendlerströme: 115 240 Erwerbstätige aus dem Aargau reisen täglich in einen anderen Kanton, um ihrer Arbeit nachzugehen – ein nationaler Spitzenwert.

Wenig überraschend zieht es rund 80 Prozent der interkantonalen Pendler in die umliegenden Kantone Zürich, Baselland und Basel-Stadt. Die meisten Arbeitnehmer, die täglich in den Aargau kommen, stammen aus dem Kanton Zürich. «Schon seit Aufzeichnung der Pendlerdaten im Jahr 1970 hat der Aargau einen überdurchschnittlich hohen Pendlerstrom zu verzeichnen», sagt Andri Gieré, Autor der Pendlerstatistik. Das liege einerseits an der Nähe zu grossen Städten mit vielen Arbeitsplätzen und andererseits am anteilmässig starken Industriesektor.

8,3 Prozent...

... der Erwerbstätigen im Aargau pendeln mehr als zwei Stunden am Tag. Im Jahr 1970 sah dies noch ganz anders aus: Damals galten nur 2,5 Prozent als Langzeitpendler.

Ein Blick in die Aargauer Regionen zeigt, dass es einige signifikante Unterschiede zwischen den Bezirken gibt. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen aus dem Bezirk Rheinfelden (49,6 Prozent) arbeiten in einem anderen Kanton. In den Bezirken Lenzburg, Aarau und Brugg ist dieser Anteil nicht einmal halb so gross.

Zeitaufwand nimmt zu

Durch das Pendeln zum Arbeitsort und wieder zurück wird die Freizeit eingeschränkt. Die meisten Aargauer brauchen weniger als eine Stunde am Tag zu ihrem Arbeitsplatz. Jeder vierte ist länger als 60 Minuten unterwegs und jeder zwölfte wendet sogar mehr als zwei Stunden am Tag für den Arbeitsweg auf.

21,1 Prozent ...

... der Aargauer Pendler benutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. Es gibt im Kanton aber grosse Unterschiede: Nur jeder zehnte aus dem Bezirk Muri benutzt den Zug oder den Bus für den Arbeitsweg, in Baden ist es fast jeder Dritte.

Seit 1970 hat sich der Anteil der Langzeitpendler stetig erhöht. Auch der Anteil derjenigen, die weniger als eine halbe Stunde haben, nahm ab. Vor 47 Jahren war es noch jeder Zweite, heute kommt nur noch jeder Dritte in den Genuss eines kurzen Weges. «Das ist keine gute Entwicklung, weil längere Arbeitswege noch mehr Verkehr verursachen», sagt der Geschäftsführer des Verkehrs-Club Aargau (VCS), Fabio Gassmann. Er würde es begrüssen, wenn mehr Menschen in Gemeinschaftsbüros oder sogar von zu Hause aus arbeiten würden. «Nur unterstützen dies leider noch nicht viele Arbeitgeber», sagt er.

In den Aargauer Regionen ist der Nichtpendleranteil im Bezirk Muri mit 35 Prozent am höchsten. Demgegenüber gibt es in den Bezirken Aarau und Brugg deutlich weniger Menschen, die in ihrer Wohngemeinde arbeiten.

Joelle Voramwald, Unterkulm «Wenn ich einen Sitzplatz finde, zeichne ich Comics oder höre Musik. Aber leider sind die Züge oft überfüllt. Ich verstehe nicht, warum es in den Stosszeiten keine zusätzlichen Waggons gibt.»
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Michaela Burger, Langenthal «Ich pendle zwei Stunden pro Tag, da können die anderen Fahrgäste schon nerven. Während der Fahrt checke ich Instagram, so geht die Zeit am schnellsten vorbei.»
Victor Fischer, Walterswil SO «Was mich am meisten stört, sind die teuren Fahrpreise. Ausserdem habe ich schlechte Verbindungen, mit dem Auto würde ich pro Weg eine halbe Stunde Zeit sparen.»
Fabienne Trümpy, Wohlen «Ich pendle gerne, es ist doch auch einmal schön, einfach nichts zu tun zu haben. Während der Zugfahrt höre ich Musik oder unterhalte mich mit Freunden.»
Rolf Iseli, Langenthal «Als Rentner bin ich selten während der Stosszeiten unterwegs. Das Zugfahren zählt zu meinen Hobbys. Alleine zu reisen ist einfacher, weil man so immer einen Sitzplatz findet.»

Joelle Voramwald, Unterkulm «Wenn ich einen Sitzplatz finde, zeichne ich Comics oder höre Musik. Aber leider sind die Züge oft überfüllt. Ich verstehe nicht, warum es in den Stosszeiten keine zusätzlichen Waggons gibt.»

Nicola Imfeld

In den vergangenen Jahrzehnten veränderten sich aber nicht nur der Zeitaufwand und die Pendlerströme, sondern auch die Fortbewegungsart. 1970 ist nur jeder vierte Aargauer mit dem Auto zur Arbeit gefahren, heute sind es über die Hälfte (52,4 Prozent).

Gleichzeitig ist auch der Anteil des öffentlichen Verkehrs von 13,8 Prozent auf 21,1 Prozent angestiegen. Den Aargauer FDP-Nationalrat und Präsidenten des TCS Aargau, Thierry Burkart, überrascht dieser Anstieg nicht: «Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum führen zu mehr Mobilität.» Es sei wichtig, dass man weiterhin die Strassen und das öV-Netzwerk optimiere, denn es «braucht Investitionen, um die zunehmenden Pendlerströme bewältigen zu können».

Ein Gegentrend ist beim Langsamverkehr festzustellen: Immer weniger Aargauer gehen zu Fuss, mit dem Velo oder dem Motorrad zur Arbeit. Gassmann beunruhigt dies, er hat aber Hoffnung auf Besserung: «Dank des technologischen Fortschritts kann man heutzutage das E-Bike nehmen und so auch längere Strecken bewältigen.»

Aargauer öV-Graben

Auch in der Fortbewegungsart unterscheiden sich die Aargauer Regionen teilweise stark. In den eher ländlichen Bezirken ist der Anteil des öffentlichen Verkehrs tiefer als in den Zentren mit ihren ausgebauten Verkehrssystemen.

Der Vergleich zwischen den Bezirken Muri und Baden verdeutlicht diesen «öV-Graben»: Im Bezirk Muri gehen 11,2 Prozent mit dem Zug oder Bus zur Arbeit, in Baden sind es 29,3 Prozent. Gassmann fordert von der Politik, dass man die regionalen Bahnhöfe modernisiert und beispielsweise mit Veloplätzen ausstattet: «Dann würden die Pendler aus ländlichen Bezirken schneller zum Bahnhof gelangen und somit eher den Zug nehmen.» Burkart ergänzt, dass es auch genügend Parkplätze für Zweiräder und Autos brauche.

Der Kanton Aargau spielt für viele Pendler eine wichtige Rolle. Doch wie wird es in Zukunft aussehen? Eine Regionalstudie der Neuen Aargauer Bank kam 2013 zum Schluss, dass das Verkehrsaufkommen im Aargau nur eine Richtung kennt: «Nach oben». Fabio Gassmann befürchtet, dass dies so bleiben wird. «Deshalb ist es umso wichtiger, jetzt in Velowege und den öV zu investieren.» Solche Investitionen würden langfristig Sinn machen und eine umweltfreundlichere Mobilität ermöglichen, führt Gassmann weiter aus. Thierry Burkart entgegnet darauf: «Der Kanton Aargau hat bereits über 900 Kilometer Velowege.» Es sei wichtig, dass Erweiterungen für den einen Pendler nicht zulasten eines anderen gehen. «Wir brauchen sämtliche Verkehrsträger, um die Mobilitätsherausforderungen der Zukunft zu lösen.»

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