Nach zwei Stunden und acht Minuten war SP-Nationalrätin Yvonne Feri im Ziel. «Die Kilometer 13 bis 16 waren besonders hart», sagt die leidenschaftliche Läuferin aus Wettingen nach dem 21,2 Kilometer langen Hallwilerseelauf. «Ich war letzte Woche nicht so fit und deshalb froh, dass ich das Rennen geschafft habe.»

Yvonne Feri am Hallwilerseelauf

Auch bei den Regierungsratswahlen hat Yvonne Feri einen Lauf. Ihre Wahlchancen sieht sie «bei 50:50». «Man darf nicht vergessen: Ich hatte nur wenige Wochen Zeit für den Wahlkampf und kaum Vorbereitungszeit.»

Tatsächlich hat sich Feri schon in der az-Umfrage im September im Kampf um den fünften Sitz zuvorderst eingereiht. Ihre politischen Gegner reiben sich die Augen. Sie haben offenbar Feris nationale Bekanntheit unterschätzt. Dass sie im Bundeshaus als Linksaussen eingestuft wurde, scheint ihr nicht zu schaden. Sogar rechte Wahlkämpfer auf der Strasse stellen fest: Auch bei Leuten, die sonst nicht links wählen, scheint Feri anzukommen. Kein Wunder, herrscht wenige Tage vor den Regierungsratswahlen Nervosität im bürgerlichen Lager.

DEMOSCOPE: Regierungsrat AG Stimmen

Der Tanz um den fünften Sitz

Zur Erinnerung: Alles dreht sich am nächsten Sonntag um den umstrittenen fünften Sitz, der durch den Rücktritt der Grünen Susanne Hochuli frei wird. Bleibt er links oder können die Bürgerlichen ihn zurückerobern? Für den fünften Sitz stehen derzeit Franziska Roth (SVP), Yvonne Feri (SP), Robert Obrist (Grüne), Ruth Jo. Scheier (glp) und Maya Bally (BDP) im Ring. Doch die Parteiführungen wälzen bereits jetzt Strategien für den zweiten Wahlgang, zu dem es am 27. November kommt, wenn niemand das absolute Mehr erreicht.

Einfach ist die Ausgangslage bei den Linken. Sie hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie zusammenstehen, wenn es darauf ankommt. Und so wird Obrist wohl zugunsten von Feri verzichten, weil die Grünen wissen: Nur mit Feri besteht die Chance, den Sitz im linken Lager zu halten.

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Kompliziert ist die Ausgangslage bei den Bürgerlichen: Sie laufen Gefahr, ihre Stimmen auf verschiedene Kandidaten zu verzetteln – und dann wäre Feri gewählt. Deshalb kam unter den Bürgerlichen eine neue Idee aufgetaucht: Nationalrat Thierry Burkart soll die Kastanien aus dem Feuer holen. Ihm wird zugetraut, die bürgerlichen Stimmen auf sich zu vereinen, da er parteiübergreifend akzeptiert ist. Burkart wurde sogar aus den Reihen der SVP angefragt. Diese wäre bei ihm – und nur bei ihm – bereit, auf eine eigene Kandidatur im zweiten Wahlgang zu verzichten, wie aus der Parteileitung zu vernehmen ist.

"Es braucht eine qualifzierte Frau"

Der Haken dabei: Thierry Burkart will nicht. Er nennt dafür drei Gründe: «Erstens, es braucht nach Möglichkeit eine qualifizierte Frau im Regierungsrat. Eine reine Männerregierung steht dem Aargau nicht gut an.» Zweitens sei er aus Baden. «Die Region wäre dann mit wahrscheinlich drei Regierungsräten übervertreten.» Als dritten Grund nennt Burkart seine Wahl vor einem Jahr in den Nationalrat: «Es wäre gegenüber meinen Wählern nicht korrekt, dieses Amt jetzt schon wieder abzugeben.» Darum macht Burkart gegenüber der az klar: «Ich stehe nicht für eine Kandidatur in einem allfälligen zweiten Wahlgang zur Verfügung.»

In einem Punkt stimmt Burkarts politische Gegnerin Yvonne Feri zu: "Ich hätte wenig Verständnis, wenn bei den Bürgerlichen plötzlich noch ein Mann antritt für den fünften Sitz."

Bringt die SVP eine neue Frau?

Die Situation für die Bürgerlichen bleibt deshalb vertrackt. Die SVP hat zu spät gemerkt, dass sie mit Franziska Roth auf eine Kandidatin gesetzt hat, die ausserhalb der eigenen Partei nicht ankommt. Nun kommt es auf ihr Resultat im ersten Wahlgang an: Fällt dieses passabel aus, geht die SVP auch mit ihr in den zweiten Wahlgang. Schifft sie ab, steht eine Auswechslung an. Im Vordergrund stehen die Aarburger Gemeinderätin Martina Bircher und Grossrätin Vreni Friker aus Oberentfelden.

Die FDP hat auf Dienstag nach dem Wahlsonntag einen Parteitag angesetzt und wird dort entscheiden, ob sie eine eigene Kandidatur lanciert. «Wenn Franziska Roth so schlecht abschneidet, wie es gemäss Umfrage aussieht und die SVP an ihr festhält, werden wir wohl selber antreten», kündigt FDP-Präsident und Nationalrat Matthias Jauslin an. Nach der Absage von Thierry Burkart stehen wie bereits bekannt die Grossrätinnen Sabina Freiermuth aus Zofingen und Renate Gautschy aus Gontenschwil im Vordergrund. Dass noch ein weiterer Kandidat ins Spiel kommt, ist nicht auszuschliessen. Zwischenzeitlich gehandelt wurde der frühere Grossrat und heutige CEO des Kantonsspitals Aarau, Robert Rhiner, er ist aber mittlerweile aus dem Rennen.

Yvonne Feri: «Auch eine linke Politikerin kann Politik machen, die CVP und FDP anspricht.»

CVP lässt sich alle Optionen offen

Für die CVP wird entscheidend sein, ob ihr Kandidat Markus Dieth im ersten Wahlgang gewählt wird. Dann könnte die CVP mit ihrer Nationalrätin Ruth Humbel eine zweite Kandidatur lancieren. Wichtig wird auch, wie gut die CVP bei den Grossratswahlen abschneidet. Büsst sie dort weiter ein, wird ihr die Lust auf eine zweite Kandidatur wohl vergehen. Und falls Dieth in den zweiten Wahlgang muss, wird sich die CVP so oder so darauf konzentrieren.

Die BDP wird mit Maya Bally nochmals kandidieren, wenn sie ein beachtliches Resultat macht und für den zweiten Wahlgang weitere Unterstützung erhält. Die Grünliberale Ruth Jo. Scheier hingegen wird kaum mehr antreten.

Der Schwarze Peter geht an...

Die bürgerlichen Parteispitzen wollen nach dem nächsten Sonntag allen Dissonanzen zum Trotz ihre Strategie abstimmen. Geht sie schief, ist auch schon klar, wo der Schwarze Peter landet. Die Verantwortung würde «klar bei der SVP liegen», so Jauslin. «Sie hat den Anspruch auf einen zweiten Sitz erhoben; sie hat sich dazu entschieden, Frau Roth zu nominieren. Für diesen Entscheid kann keine andere Partei die Verantwortung übernehmen.»

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