Nummer 144

Die Ambulanz rückt heute drei Mal häufiger aus als noch vor 15 Jahren

Heute wird eher die Notfall-Nummer gewählt. (Archiv)

Heute wird eher die Notfall-Nummer gewählt. (Archiv)

Die Zahl der Notfallfahrten nimmt im Aargau von Jahr zu Jahr zu. Seit 1999 hat sie sich verdreifacht. Patienten greifen heute früher zum Telefon und wählen die Nummer 144. Das Gesundheitswesen wird dadurch zusätzlich verteuert.

Die Zahl der in der Einsatzleitstelle 144 im Kantonsspital Aarau (KSA) eingehenden Notrufe und Ambulanzeinsätze hat sich seit 1999 auf 32 000 erhöht (die az berichtete). Noch viel schneller stieg die Zahl der sofortigen Ambulanzfahrten mit Blaulicht und Martinshorn aufgrund vermuteter Beeinträchtigung von Vitalfunktionen eines Patienten. Sie hat sich im selben Zeitraum sogar von 4300 auf 14 000 verdreifacht. Allein seit 2010 nahmen sie um 40 Prozent zu.

Woran liegt das? Hans Leuenberger, CEO des KSA, sieht als mögliche Erklärungen: Die Änderung der Bevölkerungsstruktur, also mehr und mehr ältere Einwohner, mehr altersbedingte Krankheiten und: «Die Hemmschwelle, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, sinkt. Die Anspruchshaltung steigt, weniger Leute haben einen Hausarzt, Notfallärzte sind weniger verfügbar.»

144-Propagierung wirkte

Kantonsarzt Martin Roth verweist auf eine seinerzeitige Kampagne für den Notruf 144. Die habe offensichtlich gewirkt: «Man greift heute mehr zum Telefonhörer.» Immer mehr Menschen haben zudem keinen eigenen Hausarzt mehr. Diese melden sich dann im Spital. Viele Migranten kommen aus Ländern, die das Hausarztsystem nicht kennen.

Auch sie greifen im Notfall eher zum Telefon. Roth beobachtet weiter, dass die Menschen bei einem medizinischen Problem in der Nacht früher eher bis zum Morgen zugewartet haben und dann notfallmässig zum Hausarzt gegangen sind. Zudem seien die Patienten heute wahrscheinlich sensibler und anspruchsvoller «und beanspruchen eher einen Rettungswagen, während früher eher auf ein Taxi, das eigene Auto oder dasjenige des Nachbarn zurückgegriffen wurde».

Eine Möglichkeit, die Zahl der Notrufe zu steuern, sieht Roth nicht. Deutschland hat unlängst eine Hausarzt-Notfalltaxe eingeführt, diese inzwischen aber wegen fehlender Praktikabilität wieder fallen gelassen.

80-Prozent-Regel wird eingehalten

Die von der Politik vorgegebene Zielvorgabe, wonach die Ambulanz in 80 Prozent aller Fälle innerhalb von 15 Minuten vor Ort sein muss, wird eingehalten, betont Hans Leuenberger. Braucht es gleichwohl mehr Ambulanzfahrzeuge? Leuenberger: «Die Kapazitäten werden laufend angepasst und müssen mit den Einsatzzahlen vereinbar sein. Eine Vorhalteleistung für alle möglichen Notfälle ist nicht bezahlbar.» Wartezeiten habe es immer gegeben und werde es immer geben.

Ist jetzt die Politik gefordert? Laut Leuenberger kann diese in jedem Bereich mehr leisten, «aber keine Wunder bewirken». Man habe ein gutes Verhältnis zur Politik, in der Stossrichtung sei man sich einig. Verschiedene Faktoren behinderten im Moment aber eine optimale Anpassung des Rettungswesens an die Nachfrage, nämlich «die Finanzen, der knappe Personalmarkt sowie die zeitliche Dynamik der medizinischen Entwicklung und der Einsatzzahlen.»

«Unkontrollierbare Verteuerung»

Für die Gesundheitspolitikerin und Grossrätin Martina Sigg (FDP) stellen sich beim Betrachten der Notruf-Kurve immer mehr Fragen, etwa: Welcher Einsatzbereich hat zugenommen: sind es Unfälle oder Privateinsätze (Herzinfarkt, Schlaganfall etc.)? Sigg vermutet einen Zusammenhang mit der Zunahme der Notfälle allgemein: «Man geht nicht mehr regelmässig und früh genug zum Hausarzt, sondern wartet zu und nutzt dann Notfallstrukturen.»

Diese Entwicklung müsse man bremsen, «denn sie verteuert unser Gesundheitswesen unkontrollierbar». Um entscheiden zu können, ob im Rettungswesen mehr Ressourcen nötig sind, will Sigg erst Antworten auf ihre Fragen haben. Eine mögliche Interpellation im Grossen Rat ist damit ja schon fast geschrieben . . .

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