Wir stehen mitten im «Himelrich», hoch über dem Dorf, mit prächtiger Sicht in die Aargauer Landschaft. Doch Landwirt Manfred Streit zeigt auf das Schloss Wildenstein, das direkt zu Füssen des «Himelrichs» auf dem Felsvorsprung thront. Unmittelbar neben dem Schloss, nur durch eine schmale Strasse getrennt, befindet sich der ehemalige Gutshof, der seit 1898 von der Familie Streit bewirtschaftet wird und seit 17 Jahren Manfred Streit gehört.

Der Bauernhof von Streit ist mit rund 60 Hektaren einer der grösseren Betriebe in der Gegend; neben dem Schloss stehen die Ställe für die 55 Kühe, dazu die mächtige, denkmalgeschützte Scheune und zwei Wohnhäuser. Vom «Himelrich» aus sieht man sofort, dass Schloss und Schlossgut einst zusammengehörten; doch das ist Vergangenheit. Zwar besteht die räumliche Nähe nach wie vor. Doch die Vorstellungen von Schlossbesitzer Samuel Wehrli und Gutsbesitzer Manfred Streit über die Zukunft von Schloss und Bauernhof sind höchst gegensätzlich.

Diese Meinungsverschiedenheit ist dermassen gravierend, dass sie nicht nur Samuel Wehrlis Idee vom «öffentlichen Schloss» infrage stellt, sondern auch das Dorf in zwei Lager spaltet.

Am Anfang war der Haarschneider

Vor sieben Jahren ersteigerte der Suhrer Unternehmer Samuel Wehrli das marode Schloss Wildenstein für 2,6 Millionen Franken. Seither investierte er einen zweistelligen Millionenbetrag in die sorgfältige und aufwendige Renovation.

Der 74-jährige Wehrli ist eine markante, im Aargau bestens vernetzte Persönlichkeit, er ist Ehrenpräsident des aargauischen Gewerbeverbandes, er ist Initiant der Soliday-Stiftung und er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Als ein Coiffeur 1963 dem damals noch nicht 20-jährigen Wehrli das neue Haarschneidegerät zeigte, das er entwickelt hatte, erkannte Wehrli sofort das Poten-zial, das in der kleinen Maschine steckte. Er brachte das Gerät unter dem Namen «Dobi» auf den Markt, verzichtete darauf, wie vorgesehen Notar zu werden, sondern wurde stattdessen Unternehmer. Das zahlte sich aus: Der «Dobi»-Haarschneider setzte sich durch. Aus dem Unternehmen mit einem einzigen Produkt ist der grösste Beauty-Fachhandel der Schweiz entstanden. Und Gründer und Besitzer Samuel Wehrli kann sich nicht nur ein Schloss leisten; er besitzt auch die wohl grösste private Sammlung an barocken Möbeln in der Schweiz.

Als Wehrli 2010 gefragt wurde, warum er ein verlottertes Schloss kaufe, erklärte er, es sei schon lange ein Wunsch von ihm, auf einem Schloss zu leben und seine Möbel in passender Umgebung auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und er sprach davon, dass er kein privates Schloss möchte, sondern Schloss Wildenstein sollte für alle zugänglich sein, als Museum, als kultureller Ort für Feste, Konzerte und Theater samt Restaurant.

Geschäftsführerin Ruth Wettstein hofft, dass Schloss Wildenstein sein Tor bald für alle interessierten Besucherinnen und Besucher öffnen darf.

Geschäftsführerin Ruth Wettstein hofft, dass Schloss Wildenstein sein Tor bald für alle interessierten Besucherinnen und Besucher öffnen darf.

Freie Sicht auf den Berner Bär

Zweifellos ein schönes Projekt. Aber ob es auch realisiert werden kann, entscheidet letztlich nicht allein Schlossherr Samuel Wehrli, sondern die Stimmberechtigten von Veltheim haben das letzte Wort. Denn die rund 1,5 Kilometer vom Dorfzentrum entfernte Schlossanlage Wildenstein liegt gemäss der rechtskräftigen Nutzungsplanung in der Landwirtschaftszone. Was Wehrli mit dem Schloss vorhat, ist bisher nicht zonenkonform und deshalb nicht erlaubt. Deshalb hat der Kanton verlangt, dass die Schlossanlage zwingend umgezont und einer Spezialzone «Schloss» zugeteilt werden muss, falls Wehrli seine Pläne umsetzen möchte.

Die Umzonung verlangt eine adäquate Erschliessung mit Parkplatz. Dies wiederum bedingt, dass die schmale Strasse, die zum Schloss führt, erweitert wird, damit am Ende der Strasse der Parkplatz für 50 Autos erstellt werden kann. Es hätte verkehrstechnisch günstigere Standorte gegeben, etwa unterhalb des Schlosses an der Kantonsstrasse. Doch die Denkmalpflege wollte nicht, dass der Blick auf das renovierte Schloss mit dem stolzen Berner Bär auf der Fassade durch einen profanen Parkplatz beeinträchtigt würde. Zusammen mit Manfred Streit stellen sich auch verschiedene Anwohner gegen die Umzonung, weil sie zusätzliche Immissionen durch die Schlossbesucher befürchten. Zwar will es niemand bestätigen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass sich ein Teil der Opposition im Dorf auch gegen den zuweilen etwas forsch auftretenden Schlossherrn Wehrli richtet.

Gemeindeammann Ulrich Salm wagt keine Prognose, wie die Abstimmung an der Gmeind ausgehen wird.

Gemeindeammann Ulrich Salm wagt keine Prognose, wie die Abstimmung an der Gmeind ausgehen wird.

Belastende Situation

Ruth Wettstein empfängt uns im Schlosshof. Sie ist die Tochter von Samuel Wehrli und Geschäftsführerin von Schloss Wildenstein. Anstelle ihres erkrankten Vaters führt sie uns durch das Schloss. Fünf Jahre lang wurde umgebaut, renoviert und restauriert, stets begleitet und beraten von der Denkmalpflege. Doch jetzt, kurz vor der Fertigstellung, ruhen die Bauarbeiten. Sie werden frühestens nach der «Gmeind» vom 9. Juni wieder aufgenommen. Falls alles gut kommt.

Ruth Wettstein zeigt das verwinkelte Schloss mit den über 50 Räumen und erklärt leidenschaftlich, was in der und rund um die Anlage geplant ist: Im privaten Wohnteil wohnt bereits Besitzer Samuel Wehrli mit seiner Frau. Der grösste Teil des Schlosses soll öffentlich werden, soll ein Ort werden der Begegnung. Das Schloss soll Platz bieten für Kultur und Kunst, Weiterbildung, Geschichte, Abenteuer, Spiel und Genuss. So steht es in der Broschüre, welche die Schlossbesitzer an die Einwohnerinnen und Einwohner von Veltheim verschickt haben.

Ruth Wettstein zeigt die fertigen, aber noch leeren Ausstellungsräume des Museums für barocke Wohnkultur. Sie führt durch die Kunstgalerie, die bereits mit Bildern bestückt ist; wir steigen hoch in die fertig eingerichtete Hochzeitssuite im Turmzimmer, geniessen auf dem Turm die herrliche Rundsicht. Wir bestaunen den repräsentativen Gerichtssaal mit den modernen Leuchten und die bereit stehenden Seminarräume; schliesslich gelangen wir in den Saal, der auf die kleinen Museumsbesucher wartet. Hier hat es auch Platz für die geplante Spielgruppe für Kinder aus dem Dorf. Im Antiquitätenshop lagern erste Möbel. Noch fehlt die Küche für Schlossrestaurant und Schlossschenke. «Wir bauen die Küche erst ein, wenn wir wissen, wie es weitergeht», sagt Ruth Wettstein. Via Schlosshof, der mit den alten Steinen neu gepflästert wurde, betreten wir die grosse Terrasse, die in den Garten führt. Hier soll das Gartenrestaurant seinen Platz finden. Der Schlossgarten soll in Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara hergerichtet werden, naturnah, mit artgerechter Kleintierhaltung und publikumsfreundlich dazu; was an Früchten heranwächst, darf konsumiert werden. Rund 1000 Erdbeerstauden sind bereits gepflanzt.

Die Situation sei belastend, sagt Ruth Wettstein. Denn noch ist nicht klar, ob das Schloss Wildenstein überhaupt jemals öffentlich werden wird oder ob die Investitionen vergeblich waren.

Aber warum kommt die Umzonung erst jetzt, wo schon fast alles fertig ist?

«Mein Vater hat nicht damit gerechnet, dass es gegen die Umzonung des Schlosses von der Landwirtschafts- in die Schlosszone Opposition gibt. Vielleicht war das etwas zu optimistisch und gutgläubig. Denn es gab Einsprachen, die zu Verzögerungen führten. Die Klärung von Einzelheiten – wie etwa die Parkplatzfrage – brauchte viel Zeit. So musste die Behandlung der Umzonung an der Gmeind mehrmals verschoben werden», erklärt Wettstein.

Was geschieht, wenn die Gemeindeversammlung die Umzonung ablehnt?

«Dann müssen wir uns überlegen, wie es weitergeht. Unterschriften sammeln für ein Referendum ist eine Möglichkeit.»

Und eine andere Möglichkeit? Ruth Wettstein zögert, dann sagt sie: «Mein Vater möchte das Schloss Wildenstein als Kulturerbe erhalten und mit der Bevölkerung teilen. Wenn das die Menschen im Dorf gar nicht wollen, dann müssen wir schweren Herzens auch einen Verkauf in Betracht ziehen.»

Wildenstein als Chance

Ulrich Salm ist Ortsbürger und Gemeindeammann von Veltheim. Wir treffen ihn auf der Gemeindeverwaltung im Sitzungszimmer des Gemeinderates.

Die Zonenplanänderung, wie sie der Gemeinderat vorschlägt, sei für das Dorf die beste Lösung, sagt er. «Nur so kann das Schloss Wildenstein zum Wahrzeichen werden, das einerseits dem ganzen Dorf guttut, aber auch in den ganzen Kanton ausstrahlt »

Die zusätzlichen Immissionen, die zu erwarten sind, erachtet Salm als verkraftbar; man rechnet mit rund 60 Fahrzeugen pro Tag. Die Ausbaukosten der Strasse zu Schloss und Parkplatz übernimmt Samuel Wehrli, die Gemeinde hat lediglich jenen Anteil zu tragen, den eine reine Sanierung kosten würde.

Salm betont, dass für Landwirt Streit nicht nur eine, sondern gleich zwei Lösungen vorbereitet seien: Samuel Wehrli hat der Familie Streit ein Angebot auf Aussiedlung unterbreitet. Sollte sich die Familie Streit zur Umsiedlung entschliessen, würden die bestehenden Landwirtschaftsgebäude ins Schlossareal und den Schlossbetrieb integriert.

Kommt es nicht zur Aussiedlung, sei mit der heutigen Planung sichergestellt, dass der Landwirtschaftsbetrieb dauerhaft am heutigen Standort verbleiben und weiter betrieben werden könne.

Gemeindeammann Salm erwartet eine emotionale Diskussion an der «Gmeind» vom nächsten Freitag. Er erinnert sich an die Informationsveranstaltung im Januar 2017, als in einer aufgeladenen Stimmung gehässige Voten fielen.

«Vielleicht hätte ich da früher und konsequenter eingreifen müssen», sagt er selbstkritisch. Konstruktiv und fair soll diesmal die Diskussion verlaufen. Und damit die Vältner frei und unbeeinflusst abstimmen können, soll die Abstimmung geheim durchgeführt werden. «Ich hoffe sehr, dass die Vältner die Chance nutzen und der Umzonung zustimmen», sagt Salm. Eine Prognose aber wagt er nicht.

Entscheidung am 9. Juni

Landwirt Streit bestätigt, dass er bei Annahme der Umzonung zwei Optionen hat: Er kann bleiben oder er kann aussiedeln. Aber keine der beiden behagt ihm.

Wenn er bleibt, ist er mit zusätzlichen Immissionen konfrontiert. Er befürchtet, dass er in seiner täglichen Arbeit durch Besucher und Verkehr gestört wird. Für den Vorschlag, er solle sich doch den Besucherstrom zunutze machen und einen Hofladen eröffnen, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. «Wir sind ein Milchwirtschaftsbetrieb», sagt er, «was soll ich da mit einem Hofladen?»

Die Umzonung habe auch zur Folge, dass eine Erweiterung des Hofes beim Schloss nicht mehr möglich sei, sagt Streit. Aber diese Option ist ihm wichtig. Denn der Hof soll auch in der fünften Generation in der Familie Streit bleiben: Bereits ist klar, dass sein Sohn in einigen Jahren den Hof übernehmen wird.

Die von Samuel Wehrli angeregte und vorbereitete Aussiedlung komme nicht infrage, weil da die Finanzierung noch keineswegs gesichert sei – und das sei schon seit Beginn der Verhandlungen im Jahre 2011 so. Aber das Verhandeln erweist sich als schwierig. Anwälte sind an der Arbeit, auch ein Mediator hat alles versucht. Doch Wehrli und Streit sind sich dadurch nicht näher gekommen.

Trotz allem stellt Streit klar: «Ich begrüsse eine öffentliche Nutzung des Schlosses und habe gegen den Schlossbetrieb an sich keinerlei Einwände.» Aber Streit will eine für alle Beteiligten bessere Lösung – und die beginnt für ihn mit einem Parkplatz an der Kantonsstrasse.

Die Stiftung Schloss Wildenstein und weitere Befürworter der Umzonung haben sich mit einer Broschüre an die Einwohner des Dorfes gewandt. Die Gegner um Manfred Streit haben entsprechend mit einer «Gegendarstellung» in alle Haushaltungen des Dorfes reagiert.

Gestern Abend waren die Anwohner zu Gast auf dem Schloss, heute ist die ganze Bevölkerung von Veltheim zum Tag des offenen Schlosses eingeladen und kann sich am Ort des Geschehens ein Bild davon machen, was auf dem Schloss schon fertig ist, was geplant ist; ob die Umzonung gut wäre für das Dorf und welches allenfalls die Nachteile wären.

Das sind doch gute Voraussetzungen, damit die Vältner am nächsten Freitag besser entscheiden können, ob das Dorf an einem offenen Schloss teilhaben möchte oder doch lieber nicht.