Strommarkt
Die AEW sucht neue Geschäftsmodelle

Versorgen sich die heutigen Stromkäufer künftig selbst? Und wann kommt die Strommarktöffnung? Marc Ritter, Leiter Energie bei der AEW Energie AG spricht im Interview über das neue Kundenportal und die zunehmenden Trends von Smartmeters und Photovoltaikanlagen.

Peter Brühwiler
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Dank Batterie im Keller könnte der Eigenversorgungsgrad mit Photovoltaikanlagen bis zu 60 Prozent betragen. ho

Dank Batterie im Keller könnte der Eigenversorgungsgrad mit Photovoltaikanlagen bis zu 60 Prozent betragen. ho

Als Leiter der Energiesparte des grössten Aargauer Stromversorgers steht Marc Ritter vor turbulenten Zeiten. Ob wegen der Strommarktöffnung oder der dezentralen Stromproduktion: Der Kampf um Kunden wird wohl härter werden.

Marc Ritter, seit einer gefühlten Ewigkeit wird von der Strommarktöffnung für Kleinkunden gesprochen. Kommt die überhaupt noch?

Marc Ritter: Der Zeitpunkt ist schwierig abzuschätzen. Wir gehen davon aus, dass sie kommt, aber nicht vor 2020. Und wir bereiten uns darauf vor.

Unter anderem mit dem neuen Kundenportal, das diese Woche aufgeschaltet wurde?

Genau. Wir entwickeln unsere Produkte und Dienstleistungen konsequent in Richtung Marktöffnung. Und das Kundenportal ist ein wichtiges Puzzleteil.

Ohne die bevorstehende Marktöffnung würde man den Kunden diesen Service nicht bieten?

Kunden wollen die Art der Kommunikation zu ihrem Anbieter frei wählen. Das heisst, die Portallösung ist bereits heute richtig und wichtig, bietet aber natürlich die Voraussetzung für mehr, wenn die Strommarktöffnung da ist.

Marc Ritter, Leiter Energie, AEW: «Wir entwickeln unsere Produkte und Dienstleistungen konsequent in Richtung Marktöffnung.»

Marc Ritter, Leiter Energie, AEW: «Wir entwickeln unsere Produkte und Dienstleistungen konsequent in Richtung Marktöffnung.»

AZ

Im Moment sind die Anwendungsmöglichkeiten noch bescheiden.

Das Portal bietet aktuell die klassischen Self-Services, man kann seine Rechnungen einsehen oder auch den Stromverbrauch der letzten drei Jahre. Wir bieten das gleiche Portal auch für Geschäftskunden an; sie beobachten darauf vor allem ihr Bezugsverhalten.

Dem Kleinkunden fehlt dazu ohne Smartmeter, der den Energieverbrauch in Realzeit aufzeigt, auch die technische Voraussetzung.

Die Entwicklung fängt gerade erst an. Die Kostendeckung für Smartmeter ist jedoch eine Herausforderung, die noch gelöst werden muss. Dann steht einer flächendeckenden Einführung nichts mehr im Weg.

So richtig interessant wird ein Smartmeter bei flexiblen Stromtarifen. Sind die Zeiten des Hoch- und Niedertarifs bald vorbei?

Es gibt bereits Pilotprojekte, in denen flexible Tarife getestet werden. Der Kunde muss auf die Preissignale reagieren können – und auch wollen. Passt er sein Stromverbrauchsverhalten an, spart er vielleicht zehn Prozent der Stromkosten, bei einer Stromrechnung von 800 Franken also 80 Franken im Jahr. Die Frage ist deshalb: Nimmt er den Aufwand dafür auf sich? Es gibt vor allem technologie-affine Kunden, die dies heute bereits machen, aber das sind erst sehr wenige.

Erneut billiger: Tiefere Preise und mehr Sonnenenergie im Naturstrom

Die AEW Energie AG, der grösste Aargauer Energieversorger mit rund 90 000 Endkunden, senkt ihre Strompreise auf das kommende Jahr hin um durchschnittlich drei Prozent. Dies trotz höheren gesetzlichen Abgaben, wie Marc Ritter, Leiter der AEW-Energiesparte, gestern Donnerstag vor den Medien erklärte.

Die Abgaben steigen wegen der Erhöhung der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) von 0,2 Rappen pro Kilowattstunden um knapp 10 Prozent. Gleichzeitig sinken aber die Tarife der beiden ande-ren Strompreiskomponenten: Die Energie kostet 2017 in der Grundversorgung rund 5 Prozent weniger als heute und der Netznutzungspreis sinkt um 3,5 Prozent.

Ein Musterhaushalt in einer 5-ZimmerWohnung spart so gegenüber der diesjährigen Stromrechnung rund 22 Franken, wie Ritter vorrechnete.

Weiter wolle die AEW der zunehmend dezentralen Produktion von Sonnenenergie Rechnung tragen, so Ritter. So werden Bezüger von Naturstromprodukten in ihrem Energiemix nächstes Jahr einen höheren Solarstrom-Anteil haben – 8 Prozent statt wie bisher 2 beim «naturstrom» und 25 Prozent statt wie bisher 4 beim «naturstrom+». Die Preise dieser Produkte sinken auf das nächste Jahr hin ebenfalls um durchschnittlich drei Prozent.

Sind flexible Preise in der Grundversorgung heute noch nicht möglich?

Die Preise in der Grundversorgung unterliegen regulatorischen Bestimmungen, unter anderem, ab welcher Grösse der Kundengruppe eine separate Preisgestaltung möglich ist. Die Gruppe von Kunden mit einer Photovoltaikanlage und einem elektrischen Speicher für die Eigenversorgung etwa entspricht heute noch nicht der geforderten Grösse.

Wie entwickelt sich die Zahl der Photovoltaik-Anlagen am AEW-Netz?

Derzeit sind es rund 1000 Anlagen und jährlich kommen 150 bis 170 neue dazu.

Und wie viele davon produzieren für den Eigenbedarf?

In Deutschland wird heute zirka jede dritte Photovoltaik-Anlage mit einem Batteriespeicher ausgeliefert, in der Schweiz sind wir aber noch nicht so weit. Wir sammeln derzeit Erfahrungen mit Pilotprojekten und gehen davon aus, dass mit einer Speicherlösung ein Eigenversorgungsgrad bis zu rund 60 Prozent erreicht werden kann.

Das heisst: Der AEW als Stromlieferant bricht bei diesen Kunden 60 Prozent des Umsatzes weg?

Der Trend hin zur Eigenversorgung wird stattfinden. Wir werden vielleicht bei der Energielieferung eine Umsatzeinbusse hinnehmen müssen, versuchen aber, diese mit anderen Geschäftsmodellen zu kompensieren. Der Besitzer einer Photovoltaik-Anlage will zum Beispiel wissen, was auf dem Dach passiert. Hier können wir zukünftig Dienstleistungen anbieten, genauso wie Photovoltaik-Anlagen mit Speicherlösungen.