Zwei Pfarrer würde man nicht unbedingt erwarten in den schwarzen Mänteln, Röhrenjeans, Turnschuhen. Zwillinge schon: Dass die zusammengehören, steht ihnen ins Gesicht geschrieben. «Vier Fäuste für ein Halleluja», hatte der «Blick» über sie getitelt. Beim Shooting vor der reformierten Kirche in Baden muss der Fotograf nicht ums Lachen bitten, das tun sie sowieso. Sebastian und Florian Rückel sind gut aufgelegt. Sie freuen sich, einander zu sehen, und auf das Gespräch. Nach einer Beruhigungszigarette setzen wir uns in die «Zwinglistube», und der Reporter fragt, ob er das Gespräch aufnehmen dürfe ...

Sebastian: ... ah, ein Aufnahmegerät, und dann kann man es sich abtippen lassen!

az-Reporter: … leider nein, das muss man selber machen. Aber für etwas hat man ja mal eine KV-Ausbildung gemacht …

Sebastian: … du kannst, nicht wie ich, nur sechs Finger verwenden, sondern zehn!

az-Reporter: Genau. Dafür habt ihr vermutlich eine andere Gabe. Ihr könnt sicher die Gedanken des Bruders lesen?

Florian: Das nicht gerade. Aber wenn er jetzt ein Problem hätte, wüsste ich, wie er es vermutlich lösen würde.

Sebastian: Wir gingen einmal mit zwei Einkaufskörben in den Coop. Jeder drehte seine Runde. Am Schluss hatten wir ohne Absprache alles, was wir brauchten, und praktisch nichts doppelt. Das war schon erstaunlich.

Wie seid ihr eigentlich aufgewachsen?

Sebastian: Auf dem Dorf, in Oberscheinfeld bei Bamberg, Freistaat Bayern. Mit 16 entschlossen wir uns, die Matura noch machen zu wollen. Wir gingen dann die zusätzlichen 5 Jahre in die Klosterschule. Eine grossartige Zeit. Weit entfernt von dem, was man als klassische strenge Klosterschule versteht.

Florian: Das war sehr weltoffen, beim Karmelitenorden. In den langen Sommerferien gingen wir dann an Partnerschulen in den USA. Nach der Matur folgte der Zivildienst, Sebastian ging nach Bolivien, ich nach Brasilien. Da waren wir zum ersten Mal wirklich getrennt. Einige tausend Kilometer.

Habt ihr euch besucht?

Florian: Natürlich! Und nach Dienstende fuhren wir im Bus mit unseren Rucksäcken gemeinsam um den Kontinent.

Sebastian, du wohnst jetzt in Bremgarten, und Florian, du in Baden. Ist das jetzt zusammen oder getrennt?

Florian: Getrennt! Das sind 18 Kilometer! Aber wir sehen uns so einmal die Woche.

Oberscheinfeld ist ein katholisches Dorf. Und die Rückels eine ökumenische Familie: Vater katholisch, Mutter evangelisch-lutherisch. Im Zivildienst finden die Zwillinge heraus, dass sie katholische Theologie und Politikwissenschaften studieren wollen. In einem Erasmus-Jahr kommen sie erstmals in die Schweiz. Nach dem Abschluss folgen Praktika, Sebastian arbeitet auf der deutschen Botschaft in Brasilia, Florian bei der UNO in New York. Nach der Rückkehr finden sie gleichzeitig eine Stelle in einer Schweizer Pfarrei.

Und wie wurden die katholischen Zwillinge zu reformierten?

Florian: Ich wollte nach dem Studium als Pastoralassistent in dem Bereich arbeiten, für den ich ausgebildet wurde. Ich hatte eine sehr gute Zusammenarbeit mit der reformierten Kollegin. Mir wurde klar: Der Beruf des Pfarrers soll es sein, aber der des reformierten. Da fing die innere Prüfung an.

Welche Art von Prüfung?

Florian: Welche Strukturen und Inhalte ich künftig vertreten will und kann. Uns war klar: Wenn du diese Entscheidung fällst, gibt es kein Zurück. Es muss dir klar sein, dass du etwas machst, bei dem du noch nicht abschätzen kannst, wie es wird. Es war ein Aufbruch mit vielen Fragezeichen.

Habe ihr den Wechsel je bereut?

Florian: Kein Stückchen. Als reformierter Pfarrer ist man genauso getaufter Christ wie jeder andere, man wird demokratisch in ein Amt gewählt, und man verspricht auch nicht irgendeinem Bischof bedingungslosen Gehorsam oder lebenslange Ehelosigkeit.

Sebastian: Dennoch muss ich sagen: Wir machten viele, viele gute Erfahrungen in der katholischen Kirche. Und wenn sie nicht gut waren, dann waren sie wichtig.

Was macht diesen Beruf für euch aus?

Sebastian: Es ist ein absolut geiler Job! Eine solche Bandbreite zu haben, als Lehrer, Seelsorger, Liturg, Redenschreiber...

Florian: ... Wedding-Planner!

Sebastian: ... die Beschäftigung mit Menschenrechten …

Florian: Der Beruf erlaubt noch einen wahnsinnigen Idealismus. Man kann sich für Dinge einsetzen, die man anderswo aus wirtschaftlichen Gründen nicht einmal ansprechen darf. Der Christ nimmt sich die Freiheit und ein Stück weit auch die Frechheit heraus, solches zu thematisieren. Als Pfarrer darf und muss ich von Gnade sprechen. Das Wort wäre sonst wohl schon aus dem Wörterbuch verschwunden.

Kannst du noch ein Beispiel geben?

Sebastian: Natürlich sind Asyl- und Flüchtlingspolitik Aufgabe des Staates. Aber es ist doch schön, dass es daneben noch ein zweites, weiches System gibt. Nennen wir es mal Mutter Kirche neben Vater Staat.

Deutsche werden in der Schweiz nicht immer so herzlich empfangen. Habt ihr das auch zu spüren bekommen?

Florian: Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ist ein unglaubliches Bedürfnis da, der Alleingelassenheit und Einsamkeit, die wir immer stärker haben, etwas Menschliches entgegenzusetzen. Da spielt es doch keine Rolle, welche Nationalität in deinem Pass steht. Wir reden immer vom Fest der Liebe, alle sind glücklich zu Hause mit ihrer Familie ... dabei gibt es so viele Leute, die keine Liebsten haben. Auf ihnen lastet ein unglaublicher Druck. Sie halten sich still, denn es soll ja nicht zum Tragen kommen, dass sie so anders sind als der glückliche Stereotyp der Zweisamkeit, der in Hochglanzbroschüren verteilt wird …

Sebastian: «Coming home for christmas.» Das mag für manche eine Erfüllung sein, und für andere ist es …

Florian: … der grösste Albtraum!

Sebastian: Weil niemand auf einen wartet. Und das ist eher die Regel. Da merkst du, dass du gebraucht wirst. Und da bekommst du Feedback: Schön dass es das noch gibt, dass jemand da ist, der einfach mal da ist.

Und dann spielt es auch keine Rolle, ob man Schweizer oder Deutscher ist?

Florian: Ist doch völlig gleichgültig.

Sebastian: Das Christentum ist seit je eine grenzüberschreitende Angelegenheit. Das ist eine unserer grossen Stärken.

Apropos zu Hause: Ihr lebt nun seit 2011 in der Schweiz. Wo ist euer Daheim?

Florian: Ich fühle mich überall wohl, wo ich länger gelebt habe. Irgendwo hinzukommen und zu wissen, dass man dort Leute hat, die einem wichtig und wertvoll sind. Das macht Heimat für mich aus. Ich erwarte von mir, dass ich mich nie versteife und sage: Das ist jetzt meine einzige Insel der Glückseligkeit. Ich möchte jederzeit weitergehen und neue Heimatstücke erobern können.

Sebastian: Wir streichen das Wort erobern. Das hört sich aus deutschem Munde politisch nicht sehr korrekt an.

Florian: (Lacht) Nein, es geht ja nicht ums Territorium. Es geht um das Gefühl des Geborgenseins. Und das hab ich hier in Baden.

Was macht dieses Geborgensein aus?

Florian: Angenommensein, so wie man ist. Baden ist eine wahnsinnige junge, dynamische Stadt. Mit Leuten aus unterschiedlichsten Kontexten. Ich hoffe, was ich als Pfarrer bringe, fällt hier auf fruchtbaren Boden.

Ist das in Bremgarten auch so?

Sebastian: Ja, ich fühle mich absolut wohl. Ich musste einzig mit Entsetzen feststellen, dass nicht Bier gemeint ist, wenn man mich in der WG bittet, den «Anker» aus dem Kühlschrank zu holen. Wer kann wissen, dass das die Butter ist! Das sind die feinen Unterschiede, die mit dem nötigen Humor das Leben schön machen. Apropos Unterschiede: Mein Schwerpunkt liegt ja beruflich auf dem Mutschellen. Und der ist stark ins Limmattal orientiert. Schon fast Agglo Zürich, was man aber im Aargau niemals sagen darf!

Florian: Niemals, um Gottes Willen! Und Baden ist kein Vorort! Zürich-orientiert, aber man darf es niemals sagen. Und das ist gut so.

Wie erlebt ihr die Aargauer Kirche?

Florian: Demokratisch durchstrukturiert.

Sebastian: Die Stimme eines Pfarrers ist nicht mehr wert als die Stimme eines über 16-jährigen Kirchenmitglieds. Und es ist so durchsichtig, was mit Kirchensteuern gemacht wird!

Florian: Wenn jemand nicht einverstanden ist, kann er jederzeit etwas verändern. Grossartig!

Sebastian: Ich darf zwar noch nicht abstimmen in der Schweiz. Aber ich möchte aufrufen: Nicht nörgeln, mitbestimmen. Aber das ist jetzt Kirchenpolitik, und darum soll es kurz vor Weihnachten nicht unbedingt gehen.

Mich würde es aber schon interessieren, ob ihr etwa auch über leere Kirchen redet?

Florian: Wenn ich sage, die Kirche ist so was von gestern und mich abwende, überlasse ich sie ja genau den Leuten, die gegen Erneuerung ankämpfen. Wenn ich sehe, wie mein Kalender voll ist, wie viel von Haupt- und Ehrenamtlichen, aber auch Freiwilligen geleistet wird, dann sehe ich eine lebendige Kirche. Da gibt es Sichtbares, aber auch weniger Sichtbares, etwa in der Begleitung von Kranken oder Angehörigen von Verstorbenen. Das ist alles andere als überflüssig.

Sebastian: Natürlich wird die Kirche schnell totgesagt. Oder totgemacht, würde ich eher sagen. Nicht selten haben gerade jene Leute Angst vor der sogenannten «Islamisierung des christlichen Abendlandes», die keine religiöse Beheimatung haben. Das geht für mich schwer zusammen.

Wie man mit Islamismus umgeht, habt ihr vermutlich im Studium noch nicht gelernt?

Florian: Kann man das einfach so lernen? Der interreligiöse Dialog spielte schon eine Rolle. Das Religiöse ist im Zentrum der Öffentlichkeit angekommen. Nicht nur durch das Gute, sondern durch Gewalt. Man sollte tunlichst versuchen, darauf Antworten zu finden. Wir sollten diesen Dialog führen.

Sebastian: Meinen Konfirmanden die Konfirmation gratis und franko zu geben, wäre wie jemandem den Führerschein zu geben ohne eine einzige Fahrstunde. Manchmal kann ein Führerausweis etwas ganz Nettes sein. Aber er kann auch eine Waffe werden. (Anm. d. Red.: Das Gespräch wurde wegen Terminkollisionen am 16. Dezember – vor dem Anschlag in Berlin – geführt). Und anders ist es nicht in der Religion. Dabei sind die Inhalte, die jede Religion bietet, im Grunde zutiefst pazifistisch.

Florian: Leider reicht es heute nicht mehr zu sagen: ‹Wir sind gegen Gewalt›. Man muss zeigen, was man konkret für den Frieden tut. Daran müssen wir uns messen lassen. Dafür muss man nicht in die grosse Weltpolitik. Es sind alltägliche Sachen. Sich Zeit nehmen für jemanden, der am Rad dreht. Der dem Arbeitsdruck nicht mehr standhält. Darf eine Familie auseinanderbrechen, oder muss sie wie ein Dampfkochtopf alles aushalten? Solches zu sehen und den Druck rauszunehmen, das kann jeder und jede Einzelne. Hinschauen und handeln oder es zumindest versuchen.

Woran denkt ihr bei Weihnachten?

Sebastian: An den Gottesdienst an Heiligabend. Ich suche noch eine schliffig-griffige Formulierung für den Titel meiner Predigt. Ich tendiere zu: «Dass die Engel einfach Flügel haben, hilft uns nicht. Aber du bist ein guter Engel, wenn du deine Hände einsetzt.» Ich versuche, die Engel, ihre Flügel und die menschlichen Hände zusammenzubringen, damit wir nicht abheben.

Florian: Türen aktiv aufzustossen und nicht darauf zu warten, dass Türen aufgehen. Das ist für mich Weihnachten. Über seine Möglichkeiten hinauswachsen. Mit anderen Augen für sich Menschsein entdecken. Sich Zeit nehmen, zur Ruhe kommen, um dann ein ganzes Jahr lang Mensch zu werden.

Was macht ihr am 24. Dezember?

Sebastian: Meine Sigristin hat mich zum Fondue Chinoise eingeladen. Sonst wäre ich alleine in der WG, das wäre blöd. Dann machen wir für alle, die nicht home comen wollen for Christmas, einen Punschabend. Meine «Stille Nacht» singe ich nach 23 Uhr, dann gibts noch einen Punsch, und dann ist die Nacht wirklich still.

Florian: Alle, die allein sind oder allein wären, können bei uns in der Kirchgemeinde Weihnachten feiern und anschliessend zusammen in den Gottesdienst gehen. Ich bin auch Single, also geh ich da sehr überzeugt hin. Am 25. habe ich dann selber Gottesdienst.

Sebastian: Und danach fahren wir nach Hause, nach Bamberg.

Florian: Genau. Wir müssen ja noch Geschenke verteilen. Oh, die muss ich ja noch kaufen.

«TalkTäglich» mit den Gebrüdern Rückel am Dienstag, 27. 12., um 18.30 Uhr auf Tele M1