Erster Gesundheitsbericht
Die Aargauer sind zu dick – das kostet den Kanton Millionen

Der Aargau muss abspecken. Im wahrsten Sinn des Wortes: Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist zwar gut, aber bald jeder Zweite ist zu dick. Und mit dem Körpergewicht nehmen auch chronische Erkrankungen zu.

Urs Moser
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Auf dass die Pfunde purzeln: Die Aargauer machen durchschnittlich 3,9 Stunden Sport pro Woche. Symbolbild: Keystone

Auf dass die Pfunde purzeln: Die Aargauer machen durchschnittlich 3,9 Stunden Sport pro Woche. Symbolbild: Keystone

KEYSTONE

Patienten sind mobil und wollen umworben sein

In den Aargauer Spitälern behandeln über 1000 Ärzte um die 90 000 Patienten jährlich. Was die akutsomatische Versorgung betrifft, stellt der Aargau einen Exportkanton dar. Das heisst: Es lassen sich mehr aargauische Patientinnen und Patienten ausserkantonal behandeln als ausserkantonale in einem Aargauer Spital. Zwar bevorzugen über 80 Prozent der Aargauer Patienten ein heimisches Spital und ausserkantonale Spitalaufenthalte sind oft durch einen Notfall (zum Beispiel ein Unfall in den Ferien) oder spezialisierte Eingriffe begründet, dennoch ist die «Abwanderung» von Patienten im Auge zu behalten. Es sei eine zunehmende Bereitschaft der Patienten festzustellen, für geplante Spitalaufenthalte auch längere Distanzen in Kauf zu nehmen, hält der Strukturbericht Gesundheit fest. Und der Wanderungssaldo lässt Rückschlüsse auf die Attraktivität des Versorgungsangebots im Aargau zu.

In diesem Zusammenhang kommt der Qualitätssicherung in den Spitälern grosse Bedeutung zu, welche anhand der Patientenzufriedenheit gemäss ANQ-Fragebogen (ANQ: Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken) dargestellt wird. Die Bestnote erhält hier die Hirslanden Klinik Aarau mit einem Wert von 9,29. Ebenfalls über oder genau im nationalen Durchschnitt von 9,10 liegen die Villa im Park Rothrist (9,26), das Asana Spital Leuggern (9,25), das Spital Muri (9,20) und das Spital Zofingen (9,10). Darunter schneiden das Gesundheitszentrum Fricktal mit den Standorten Rheinfelden (9,00) und Laufenburg (8,96), das Asana Spital Menziken (8,96) wie auch die beiden Kantonsspitäler Baden (8,90) und Aarau (8.87) ab. (mou)

Weit über 400 Millionen für den staatlichen Kostenanteil bei Spitalaufenthalten, fast 70 Millionen für die Psychiatrie und gut 40 Millionen für die Rehabilitation: Der Kanton Aargau gibt eine stolze Summe für die medizinische Behandlung seiner Einwohner aus, Tendenz beängstigend steigend. Da interessiert es schon, wie es eigentlich um den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung bestellt ist. Und auch, was die Leute selber zur Erhaltung ihrer Gesundheit beitragen. Der erste «Strukturbericht Gesundheit» liegt seit einigen Tagen in der definitiv bereinigten Fassung vor und liefert neben der Übersicht über die Gesundheitsversorgung im Kanton auch dazu eine Fülle von Daten.

90 Prozent fühlen sich gesund

Das positive Fazit vorneweg: Die Mehrheit der Aargauer Bevölkerung befindet sich in einem guten Gesundheitszustand. Aber allein aufgrund der demografischen Entwicklung ist auch nicht schwer zu prophezeien: Der Anteil von Menschen mit physischen und psychischen Problemen an der Bevölkerung wird zunehmen. Damit werden auch die Gesundheitskosten weiter steigen.

Schon aus rein pekuniärem Interesse verschiebt sich das Augenmerk in der Gesundheitspolitik daher Richtung Prävention und Gesundheitsförderung. Und um hier ansetzen zu können, ist es eben wichtig, über möglichst umfassende Kenntnisse über den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung zu verfügen.

Heute schätzen über 86 Prozent der Aargauerinnen und Aargauer ihren Gesundheitszustand selber als gut bis sehr gut ein, womit der Kanton sogar etwas über dem Deutschschweizer Durchschnitt liegt. Das körperliche Befinden ist natürlich ein zentraler Faktor für die allgemeine Lebensqualität, die sogar über 90 Prozent der Aargauerinnen und Aargauer als gut bis sehr gut einstufen – übrigens über alle Altersstufen hinweg.

Das ist erfreulich, schafft aber nicht die Tatsache aus der Welt, dass 30 Prozent der Kantonsbevölkerung an einem chronischen Gesundheitsproblem leiden, also fast jeder dritte Einwohner. 12 Prozent der Kantonsbevölkerung sind wegen Bluthochdrucks, 5 Prozent wegen Arthrose, 3 Prozent wegen Migräne, 3 Prozent wegen Diabetes und 2 Prozent wegen Asthma in medizinischer Behandlung. Die Zahlen im Strukturbericht stammen aus unterschiedlichen statistischen Quellen und sind unterschiedlich aktuell, zeichnen aber ein klares Bild von Entwicklungen. Sie dienen auch als Grundlage für die gesundheitspolitische Gesamtplanung 2025, welche der Grosse Rat Ende Jahr beraten wird.

Innerhalb von 15 Minuten vor Ort

Im letzten Jahr leisteten die Rettungsdienste der Spitäler Aarau, Baden, Leuggern Menziken, Muri, Zofingen und des Gesundheitszentrums Fricktal sowie die privaten Rettungsdienste Intermedic (Berikon) und Neeser (Wohlen) über 12 600 Einsätze der obersten Dringlichkeitsstufe. Hier können Minuten unter Umständen über Leben und Tod entscheiden. Die Vorgabe lautet: Bei mindestens 80 Prozent der Einsätze muss die Ambulanz in weniger als 15 Minuten nach Alarmeingang am Einsatzort ein.
Die Zielvorgabe wurde von fast allen Rettungsdiensten im Aargau erfüllt, im gesamtkantonalen Durchschnitt sind die Rettungsdienste in 84 Prozent der Fälle innert der geforderten Frist vor Ort.

Intermedic und der Rettungsdienst des Asana-Spitals in Leuggern erfüllten die Vorgabe allerdings nicht, sie waren nur bei 69 bzw. 75 Prozent der Einsätze schnell genug vor Ort. Im Strukturbericht wird das damit begründet, dass der Rettungsdienst des Spitals Leuggern ein grosses, ländliches Gebiet abdeckt und jener von Intermedic häufig auch zu Einsätzen in benachbarten Einzugsgebieten aufgeboten werde. (mou)

Jeder Zweite ist zu dick

Falsche Ernährung, zu wenig Bewegung: Dies sind zwei massgebende Faktoren für die Verbreitung sogenannter Zivilisationskrankheiten. Die Entwicklung des Körpergewichts stellt einen zentralen Indikator für den Gesundheitszustand dar und trägt massgeblich zur Entstehung chronischer Beschwerden wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Und hier sieht es dann nicht mehr so gut aus. Während 1992 noch 64 Prozent der Kantonsbevölkerung normalgewichtig waren, sind es 2012 nur noch wenig mehr als die Hälfte – buchstäblich eine drastische Zunahme der Übergewichtigen innert nur zehn Jahren.

Das ist zwar keine spezifisch aargauische Entwicklung, aber hier ist sie sogar noch etwas deutlicher feststellbar als im landesweiten Durchschnitt: 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben nicht bloss etwas zu viel Speck auf den Hüften, sondern sind adipös, also krankhaft fettleibig. Im Kanton Aargau liegt dieser Wert mit 11,4 Prozent etwas höher. Zur Veranschaulichung: Von der untersten Adipositas-Stufe spricht man ab einem Bodymass-Index von 30, den erreicht ein 1,80 Meter grosser Mann erst bei über 97 Kilo und somit 16 Kilo Übergewicht.

Eine besondere gesundheitliche Gefährdung stellt Übergewicht im Kindes- und Jugendalter dar. Besorgniserregend: Im Aargau hat sich der Anteil übergewichtiger oder adipöser 14-jähriger Jungen zwischen 2002 und 2014 von 11,3 auf 21,6 Prozent fast verdoppelt. Er liegt damit recht deutlich über dem schweizerischen Durchschnitt von gut 16 Prozent.

Der Aargau liegt also sicher nicht falsch, wenn er zwei Schwerpunktprogramme der Gesundheitsförderung den Themen «Gesundes Körpergewicht» und «Gesundheitsfördernde Schulen» widmet. Für Prävention und Gesundheitsförderung wendet der Kanton übrigens knapp 7 Millionen auf – ein stolzer Betrag, gemessen an den gesamten Gesundheitskosten aber ein Klacks.

3,9 Stunden Sport pro Woche

Auch wenn sie an Gewicht zulegen: Ein mangelndes Gesundheitsbewusstsein müssen sich die Aargauerinnen und Aargauer eigentlich nicht vorwerfen lassen. So geben fast 70 Prozent der Kantonsbevölkerung an, dass gesundheitliche Überlegungen sehr wohl ihren Lebensstil beeinflussen, wobei Frauen über 65 das stärkste und Männer unter 35 Jahren das geringste Gesundheitsbewusstsein an den Tag legen. Rund drei Viertel der Kantonsbevölkerung achten auch durchaus auf die Ernährung, und der durchschnittliche Aargauer betreibt immerhin fast vier Stunden Sport pro Woche. Der Anteil der gänzlich sportabstinenten Bevölkerung liegt bei rund 40 Prozent, Tendenz leicht sinkend.

Durchzogen präsentiert sich die kantonale Erfolgsbilanz bei der Tabakprävention. Der Raucheranteil ist in den letzten zehn Jahren in etwa stabil geblieben und liegt bei 28 Prozent, das ist schweizerischer Durchschnitt. Dass Jugendliche sogar wieder vermehrt zur Zigarette greifen, ist wenn auch ein besorgniserregender, so ebenfalls kein spezifisch aargauischer Trend. Aber er ist im Aargau tatsächlich besonders ausgeprägt: Während zu Beginn der 1990er-Jahre in der Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen noch 34 Prozent rauchten, sind es heute im Kanton Aargau 40 Prozent, schweizweit immerhin «nur» 36,1 Prozent.

Neuer Kostenschub in der Pflege

Der Regierungsrat erhöht den Stundenansatz für das Pflegepersonal. Das kostet die Gemeinden Millionen.

Was im Fachjargon nach wenig klingt, hat sich zu einem der grössten Kostentreiber für die Gemeindehaushalte entwickelt: die Restkosten der Pflegefinanzierung. Die Beiträge der Krankenkassen für die stationäre Pflege und der Selbstbehalt für Heimbewohner sind auf 108 bzw. Fr. 21.60 pro Tag limitiert. Was darüber hinaus geht, dafür hat die öffentliche Hand aufzukommen, im Aargau die Gemeinden. Nächstes Jahr wird sie das bereits über 75 Millionen Franken kosten.

Der Stundenansatz für die stationäre Pflege, den die Heime verrechnen dürfen, wird auf das kommende Jahr um gut 3 Prozent von Fr. 61.40 auf Fr. 63.30 erhöht. Er sei zum Schluss gekommen, dass die vom Spital- und Heimverband Vaka beantragte Erhöhung begründet sei, teilte der Regierungsrat gestern mit. Die höheren Kosten im stationären Pflegebereich seien in erster Linie auf die steigenden Personalkosten, dann aber auch auf die zunehmend komplexen Pflegesituationen zurückzuführen. Auch mit der nun beschlossenen Erhöhung verfügt der Aargau im interkantonalen Bereich immer noch über einen der tiefsten Stundenansätze. Und das wird zumindest in den kommenden zwei Jahren so bleiben, weil der neue Stundenansatz auch für 2018 gilt.

Das ist ein schwacher Trost für die Gemeinden, denn mit dem neuen Stundenansatz werden die Restkosten 2017 um 9 Prozent höher ausfallen als für das laufende Jahr budgetiert. Man rechnet beim Kanton mit 71,14 Millionen Franken, inklusive Demenz und Gerontologiezuschlag mit 75,56 Millionen Franken. Beim Start der neuen Pflegefinanzierung 2011 war man noch von weniger als 50 Millionen ausgegangen.

Durch die Plafonierung der Bei-träge von Krankenkassen und Heimbewohnern in der Bundesgesetzgebung geht die Kostenentwicklung in der Langzeitpflege praktisch vollständig zulasten der Gemeinden. Der Regierungsrat betont, dass er sich schon lange erfolglos für eine Lösung einsetze, die eine gleichmässigere Beteiligung an den Mehrkosten ermöglichen würde. (mou)