Häusliche Gewalt
Die Aargauer Polizei rückt jeden Tag fünfmal wegen häuslicher Gewalt aus

Zwei Wochen lang thematisierte der Kanton häusliche Gewalt mit einer Sonderausstellung in Aarau. Was sonst verschwiegen und überschminkt wird, erhielt so ein Gesicht und eine Stimme. Die az hörte hin: bei Betreuenden, Polizisten und einer Betroffenen.

Mario Fuchs
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Die Adventszeit ist nicht in jedem Haushalt gleich besinnlich: Im Schnitt rückt die Polizei im Aargau fünfmal täglich wegen Hinweisen auf häusliche Gewalt aus. (Symbolbild)

Die Adventszeit ist nicht in jedem Haushalt gleich besinnlich: Im Schnitt rückt die Polizei im Aargau fünfmal täglich wegen Hinweisen auf häusliche Gewalt aus. (Symbolbild)

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Gewalt in den eigenen vier Wänden: Was für viele unvorstellbar ist, ist für viele andere tragischer Alltag. Häusliche Gewalt ist ein heikles Thema – und doch hat sich der Kanton Aargau dessen angenommen. Die Wanderausstellung «Willkommen zu Hause» gastiert seit dem 22. November und noch bis heute Freitag in der Aula der Berufsschule Aarau.

Sie zeige auf, «dass häusliche Gewalt kein privates Problem ist», hiess es in der Mitteilung zur Eröffnung. So erzählen etwa betroffene Jugendliche in Videos, wie sie vom Vater gequält wurden, wie sie sich in Sicherheit zu bringen versuchten, wie sie die Gewalt geprägt hat.

Diese Stimmen lösten viel aus. Allein das Echo im Berufsschulhaus war «riesig», wie Rektor Paul Knoblauch schon nach dem ersten Tag bestätigte: «Es sind mehr aus der Schülerschaft betroffen, als wir erwartet hatten.» Über 1100 Schülerinnen und Schüler haben die Ausstellung inzwischen besucht.

Pro Klasse habe durchschnittlich eine Schülerin unmittelbar reagiert, berichtet Organisatorin Mirjam von Felten. Es seien immer zwei Fachpersonen anwesend gewesen, um direkt ins Gespräch zu kommen. Viele hätten sich etwa den Polizisten, die auch Führungen leiteten, anvertraut. Bei Opfern braucht es viel, bis sie sich outen.

Hilfe ist nicht immer Erlösung

Zur Ausstellung gehörten auch zahlreiche Begleitveranstaltungen. So trafen sich unter anderem rund 100 Expertinnen und Experten von Opferhilfeorganisationen, Polizei, Migrationsamt und Obergericht zu einem «World Café». Das Ziel: alle Akteure noch enger miteinander zu vernetzen – um ein noch besseres Hilfsangebot für Betroffene zu erreichen. Über Mittag, bei Sandwich und Eistee, nahmen die Teilnehmenden an acht Tischen in der Aula der Berufsschule Platz. Pro Tisch informierte eine Fachperson über ihre Organisation. Die Vertreterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn – aus Sicherheitsgründen darf ihr Name nicht in der Zeitung stehen – erklärte, wie Frauen Schutz finden: Anruf genügt.

Darauf folgen eine Abklärung der Notlage und die Aufnahme oder die Vermittlung an die Anlaufstelle Häusliche Gewalt. Die Entscheidung sei schwierig in Fällen, in denen es noch keine Tat, aber Drohungen gab. Man habe leider nicht unbeschränkt viele Plätze. Korina Stoltenberg von der Opferhilfe erzählt, wie sie zuerst das Vertrauen aufbauen müsse, bevor sich jemand helfen lasse. Und wie man Hilfe nicht in jedem Fall mit sofortiger Erlösung gleichsetzen könne. Einer ausländischen Frau habe sie erklären müssen, dass sie die Schweiz verlassen müsse, wenn sie sich jetzt scheiden lasse. «Ihr half es aber, zu wissen, nur noch ein Jahr durchhalten zu müssen.»

Vor der Eskalation hinausgehen

Patrick Frey, bei der Kantonspolizei als Dienstchef Sonderbelange für den Bereich häusliche Gewalt zuständig, erklärt mit Playmobil-Figuren, wie eine Intervention abläuft. «Wenn wir einen Anruf erhalten, gehen wir immer vor Ort, immer in die Wohnung, befragen immer beide getrennt.» Kinder hätten «absolute Priorität»: «Sie bekommen es immer mit, wenn ihre Eltern streiten. Aber sie haben Strategien, unter dem Radar durchzukommen.»

Nebenan diskutieren Teilnehmer angeregt. Einer sagt: «Es kann nicht sein, dass die Frau Freiwild wird für den Mann, nur weil sie ihn geheiratet hat.» Und appelliert an den gewaltbereiten Mann kurz vor der Eskalation: «Nimm die Kritik an, dass du nicht bereit seist, über ein Problem zu reden. Aber es ist viel besser, aus der Situation hinauszugehen und später in Ruhe darüber zu reden.» Leider würden viele diese Technik noch nicht kennen.

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