Regierungsratswahlen
Die Aarauer Dominanz in der Kantonsregierung stellt Politprofis vor ein Rätsel

Baden könnte bei den Regierungsratswahlen vom Oktober drei der fünf Sitze gewinnen. Das schreckt auf. Jedoch: Seit dem Weltkrieg dominierte stets Aarau. Eine Erklärung.

Pirmin Kramer
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Silvio Bircher, Aarau Alt Regierungsrat (SP): «Wenn Parteien einen Kandidaten nominieren, dann kommt es kaum auf den Wohnort an, sondern auf die Kompetenz.»

Silvio Bircher, Aarau Alt Regierungsrat (SP): «Wenn Parteien einen Kandidaten nominieren, dann kommt es kaum auf den Wohnort an, sondern auf die Kompetenz.»

Jiri Reiner

SVP-Nationalrat Maximilian Reimann warnte vergangene Woche vor einer drohenden Badener Dominanz im Regierungsrat. Sollte sich erstens Yvonne Feri (SP, Wettingen) gegen Franziska Roth (SVP, Brugg) durchsetzen, zweitens Stephan Attiger (FDP, Baden) die Wiederwahl schaffen und drittens Markus Dieth (CVP, Wettingen) wie von vielen erwartet Nachfolger von Parteikollege Roland Brogli werden – dann würde die Region Baden drei von fünf Sitzen besetzen.

Zweifellos kam diese Aussage vor dem Hintergrund zustande, dass die SVP auf der Suche nach einem Argument war, weshalb Yvonne Feri nicht gewählt werden sollte und stattdessen die eigene Kandidaten Franziska Roth. Und doch sorgte die Aussage in der Region Baden für Gesprächsstoff. Denn in den vergangenen Jahrzehnten war der Bezirk Baden im Vergleich zum Bezirk Aarau im Regierungsrat deutlich schwächer vertreten.

Nur vier Badener Regierungsräte

In den vergangenen siebzig Jahren, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, haben nur gerade vier Politiker den Einzug in den Regierungsrat geschafft, die zum Zeitpunkt der Wahl im Bezirk Baden wohnten: Louis Lang (SP, 1969–1985), Victor Rickenbach (1985–1993, FDP), Peter Beyeler (2000–2013, FDP) und Stephan Attiger (seit 2013, FDP). Aus dem Bezirk Aarau hingegen wurden im selben Zeitraum neun Politiker – also mehr als doppelt so viele wie aus Baden – in die Kantonsregierung gewählt (siehe Tabelle rechts). Und dies, obwohl der Bezirk Aarau einwohnermässig nur rund halb so gross ist wie Baden.

Franziska Roth (SVP)
22 Bilder
Regierungsratskandidatin Franziska Roth im Fokus Was bedeutet die Nomination der Brugger Bezirksgerichtspräsidentin und wie wird sie versuchen, ihren Bekanntheitsgrad zu verbessern? (April 2016)
Yvonne Feri (SP)
Die 50-jährige Nationalrätin kämpft um einen zweiten SP-Sitz in der Aargauer Regierung. Feri ist noch bis Ende Jahr Gemeinderätin von Wettingen und unter anderem Präsidentin von "Kinderschutz Schweiz" sowie des "Vereins für Soziale Gerechtigkeit".
Die Aargauer Regierungsratskandidaten 2016 Markus Dieth (CVP)
Der 49-jährige Wettinger sitzt seit 2009 im Grossrat und präsidierte diesen im Jahr 2015. 2006 wurde er in den Gemeinderat von Wettingen gewählt, wo er seit 2008 das Amt des Gemeindeammanns ausübt.
Alex Hürzeler (SVP)
Der 51-Jährige sitzt seit 2009 im Aargauer Regierungsrat und hat dort das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) inne. Der Fricktaler stellt sich diesen Oktober für eine weitere Amtsperiode zur Wahl.
Maya Bally: «Die Chancen stehen gut für eine Frauenkandidatur aus der Mitte» (8.8.2016)
Die 55-jährige Hendschikerin ist seit 2012 Mitglied der kantonalen Parteileitung und Präsidentin der Bezirkspartei Lenzburg. Im Oktober 2012 wurde sie in den Grossen Rat gewählt, seit 2013 ist sie Präsidentin der Fraktion. Als Schulpflegepräsidentin liegen ihre politischen Schwerpunkte in der Bildung aber auch bei Wirtschaft und Finanzen.
Stephan Attiger (FDP)
Der 49-Jährige steht im Regierungsrat seit 2013 dem Departement für Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) vor. Am 23. Oktober kandidiert er für seine Wiederwahl.
Urs Hofmann (SP)
Der 59-jährige Aarauer leitet im Regierungsrat seit 2009 das Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI). Im Oktober will er den SP-Sitz in der Aargauer Regierung verteidigen.
Mia Jenni, Ariane Müller und Mia Gujer: Dieses Trio zieht für die Juso in den Regierungsrats-Wahlkampf. Mia Jenni (21) ist Vorstandsmitglied der Juso Aargau und studiert Germanistik und Kunstgeschichte. Ariane Müller (23) studiert zurzeit Geschichte und Geologie und ist Präsidentin der Juso Freiamt. Mia Gujer (22) ist Präsidentin der JUSO Aargau und arbeitet als Kampagnen-Mitarbeiterin.
Robert Obrist (Grüne)
Der 58-jährige Schinznacher sitzt seit Januar 2014 im Grossen Rat. Als Agronom und Departementsleiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FiBL) sind Umwelt und Bildung die Themen, die Obrist am meisten umtreiben.
Ruth Jo. Scheier (GLP)
Die 40-Jährige wohnt seit 2005 in Wettingen. Sie ist alleinerziehende Mutter einer 17-jährigen Tochter. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte in einer Schmuck-Grosshandelsfirma. Die Grossrätin ist auch Vize-Präsidentin der GLP Aargau.
Die transsexuelle Jil Lüscher kandidiert als Parteilose.
Pius Lischer (IG-Grundeinkommen)
Der 53-jährige Pius Lischer wohnt in Oberrüti und ist schon bei mehreren Wahlen angetreten – jeweils ohne Erfolg.

Franziska Roth (SVP)

Alex Spichale

Wie lassen sich diese Unterschiede – man könnte von einer Aarauer Dominanz sprechen – erklären? Der Badener Alt-Regierungsrat Peter Beyeler (FDP) zeigt sich auf Anfrage überrascht vom zahlenmässig deutlichen Unterschied. «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Es zählen: Kompetenz, Wahlchancen

Der ehemalige Regierungsrat und Politexperte Silvio Bircher (SP, Aarau) erklärt: «Wenn Parteien einen Kandidaten nominieren, dann kommt es kaum auf den Wohnort an, sondern auf die Kompetenz und seine Wahlchancen. Wichtiger als die Frage, woher ein Kandidat stammt, ist die Frage, wie gut man ihn im ganzen Kanton kennt.» Aktuelles Beispiel sei Markus Dieth, der sich als Nachfolger für Roland Brogli aufgrund seiner Bekanntheit aufgedrängt habe. «Darum vermute ich, dass die zahlenmässigen Unterschiede zwischen Aarau und Baden eher Zufall sind», erklärt Bircher weiter. «Dass genau diese beiden Bezirke aber am meisten Regierungsräte stellten, lässt sich auch so erklären: Das Potenzial der Parteien in den städtischen Zentren ist grösser als auf dem Land.»

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass spätestens nach der Wahl die Herkunft kaum mehr eine Rolle spiele im Entscheidungsprozess. «Die Themen werden aus einem übergeordneten Blickwinkel betrachtet.»

Rainer Hubers: "Vom Freisinn dominiert"

Rainer Huber (CVP), in Baden aufgewachsen und in Gontenschwil wohnhaft, sass von 2001 bis 2009 im Regierungsrat. Er kann über die Gründe für die Vielzahl von Aarauern in der Kantonsregierung in der Vergangenheit nur spekulieren, er vermutet eine Kombination von mehreren Faktoren. «Der Aargau war jahrzehntelang klar vom Freisinn dominiert, wobei Aarau dessen Zentrum war. Entsprechend standen viele potenzielle Kandidaten aus dieser Region zur Verfügung.»

Peter C. Beyeler, Baden Alt Regierungsrat (FDP): «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Peter C. Beyeler, Baden Alt Regierungsrat (FDP): «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Alex Spichale

Möglicherweise sei mit der Zeit ein Standortvorteil für Aarauer hinzugekommen, die in der Beamten- und Verwaltungsstadt verwurzelt waren und Bekanntheit erlangt hatten. «Vielleicht hätte es gleichzeitig fähige Kandidaten aus der Region Baden gegeben, die aber nicht zur Wahl antraten. Ein aktuelles Beispiel ist Pascale Bruderer (SP) aus Obersiggenthal, die sicher gute Wahlchancen hätte, sich aber auf die nationale Politik konzentriert.»

Das sagt die SVP

Was sagen SVP-Politiker aus der Region Baden zur Dominanz-Frage? Annerose Morach, Präsidentin der SVP des Bezirks Baden aus Obersiggenthal: «Schön und gut, wenn die Regierungsratsmitglieder aus verschiedenen Bezirken kommen und möglichst viele Regionen vertreten sind. Aber ich finde, der Wohnort eines Regierungsrats-Kandidaten hat heutzutage nicht mehr erste Priorität. Es gibt relevantere Kriterien, es geht darum, kompetente Kandidaten zu finden.» Und Luzi Stamm, SVP-Nationalrat aus Baden: «Ob Stadt und Land ausgewogen vertreten sind, ist wichtiger als die Frage, welche Region oder welcher Bezirk am meisten Vertreter hat. Es wäre wichtig, dass auch Politiker von kleinen Gemeinden in der Aargauer Regierung sässen.»

Regierungsräte seit 1945 nach Bezirken Wohnort bei der Wahl

Aarau (9): Ernst Bachmann (FDP), Kurt Kim (FDP), Adolf Richner (SP), Arthur Schmid (SP), Bruno Hunziker (FDP), Kurt Lareida (FDP), Thomas Pfisterer (FDP), Silvio Bircher (SP) und Urs Hofmann (SP).

Baden(4): Louis Lang (SP) Victor Rickenbach (FDP), Peter Beyeler (FDP) und Stephan Attiger (FDP).

Bremgarten (3): Paul Hausherr (katholisch-konservativ), Peter Wertli (CVP), Rainer Huber (CVP)

Brugg (2): Ernst Schwarz (BGB), Kurt Wernli (parteilos).

Rheinfelden (2): Stephanie Mörikofer-Zwez (FDP), Roland Brogli (CVP)

Zofingen (2): Ernst Hasler (SVP), Susanne Hochuli (Grüne)

Zurzach (2): Jörg Ursprung (SVP), Hans-Jörg Huber (CVP)

Laufenburg (1): Alex Hürzeler (SVP)

Lenzburg (1): Ulrich Siegrist (SVP)

Muri (1): Leo Weber (CVP)