SVP-Nationalrat Maximilian Reimann warnte vergangene Woche vor einer drohenden Badener Dominanz im Regierungsrat. Sollte sich erstens Yvonne Feri (SP, Wettingen) gegen Franziska Roth (SVP, Brugg) durchsetzen, zweitens Stephan Attiger (FDP, Baden) die Wiederwahl schaffen und drittens Markus Dieth (CVP, Wettingen) wie von vielen erwartet Nachfolger von Parteikollege Roland Brogli werden – dann würde die Region Baden drei von fünf Sitzen besetzen.

Zweifellos kam diese Aussage vor dem Hintergrund zustande, dass die SVP auf der Suche nach einem Argument war, weshalb Yvonne Feri nicht gewählt werden sollte und stattdessen die eigene Kandidaten Franziska Roth. Und doch sorgte die Aussage in der Region Baden für Gesprächsstoff. Denn in den vergangenen Jahrzehnten war der Bezirk Baden im Vergleich zum Bezirk Aarau im Regierungsrat deutlich schwächer vertreten.

Nur vier Badener Regierungsräte

In den vergangenen siebzig Jahren, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, haben nur gerade vier Politiker den Einzug in den Regierungsrat geschafft, die zum Zeitpunkt der Wahl im Bezirk Baden wohnten: Louis Lang (SP, 1969–1985), Victor Rickenbach (1985–1993, FDP), Peter Beyeler (2000–2013, FDP) und Stephan Attiger (seit 2013, FDP). Aus dem Bezirk Aarau hingegen wurden im selben Zeitraum neun Politiker – also mehr als doppelt so viele wie aus Baden – in die Kantonsregierung gewählt (siehe Tabelle rechts). Und dies, obwohl der Bezirk Aarau einwohnermässig nur rund halb so gross ist wie Baden.

Wie lassen sich diese Unterschiede – man könnte von einer Aarauer Dominanz sprechen – erklären? Der Badener Alt-Regierungsrat Peter Beyeler (FDP) zeigt sich auf Anfrage überrascht vom zahlenmässig deutlichen Unterschied. «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Es zählen: Kompetenz, Wahlchancen

Der ehemalige Regierungsrat und Politexperte Silvio Bircher (SP, Aarau) erklärt: «Wenn Parteien einen Kandidaten nominieren, dann kommt es kaum auf den Wohnort an, sondern auf die Kompetenz und seine Wahlchancen. Wichtiger als die Frage, woher ein Kandidat stammt, ist die Frage, wie gut man ihn im ganzen Kanton kennt.» Aktuelles Beispiel sei Markus Dieth, der sich als Nachfolger für Roland Brogli aufgrund seiner Bekanntheit aufgedrängt habe. «Darum vermute ich, dass die zahlenmässigen Unterschiede zwischen Aarau und Baden eher Zufall sind», erklärt Bircher weiter. «Dass genau diese beiden Bezirke aber am meisten Regierungsräte stellten, lässt sich auch so erklären: Das Potenzial der Parteien in den städtischen Zentren ist grösser als auf dem Land.»

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass spätestens nach der Wahl die Herkunft kaum mehr eine Rolle spiele im Entscheidungsprozess. «Die Themen werden aus einem übergeordneten Blickwinkel betrachtet.»

Rainer Hubers: "Vom Freisinn dominiert"

Rainer Huber (CVP), in Baden aufgewachsen und in Gontenschwil wohnhaft, sass von 2001 bis 2009 im Regierungsrat. Er kann über die Gründe für die Vielzahl von Aarauern in der Kantonsregierung in der Vergangenheit nur spekulieren, er vermutet eine Kombination von mehreren Faktoren. «Der Aargau war jahrzehntelang klar vom Freisinn dominiert, wobei Aarau dessen Zentrum war. Entsprechend standen viele potenzielle Kandidaten aus dieser Region zur Verfügung.»

Peter C. Beyeler, Baden Alt Regierungsrat (FDP): «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Peter C. Beyeler, Baden Alt Regierungsrat (FDP): «Möglicherweise galt früher eine Art ungeschriebenes Gesetz, wonach die Kantonshauptstadt im Regierungsrat vertreten sein sollte.»

Möglicherweise sei mit der Zeit ein Standortvorteil für Aarauer hinzugekommen, die in der Beamten- und Verwaltungsstadt verwurzelt waren und Bekanntheit erlangt hatten. «Vielleicht hätte es gleichzeitig fähige Kandidaten aus der Region Baden gegeben, die aber nicht zur Wahl antraten. Ein aktuelles Beispiel ist Pascale Bruderer (SP) aus Obersiggenthal, die sicher gute Wahlchancen hätte, sich aber auf die nationale Politik konzentriert.»

Das sagt die SVP

Was sagen SVP-Politiker aus der Region Baden zur Dominanz-Frage? Annerose Morach, Präsidentin der SVP des Bezirks Baden aus Obersiggenthal: «Schön und gut, wenn die Regierungsratsmitglieder aus verschiedenen Bezirken kommen und möglichst viele Regionen vertreten sind. Aber ich finde, der Wohnort eines Regierungsrats-Kandidaten hat heutzutage nicht mehr erste Priorität. Es gibt relevantere Kriterien, es geht darum, kompetente Kandidaten zu finden.» Und Luzi Stamm, SVP-Nationalrat aus Baden: «Ob Stadt und Land ausgewogen vertreten sind, ist wichtiger als die Frage, welche Region oder welcher Bezirk am meisten Vertreter hat. Es wäre wichtig, dass auch Politiker von kleinen Gemeinden in der Aargauer Regierung sässen.»