Flüchtlinge
Die 1960er-Jahre: Als Tibeter in der Schweiz noch willkommen waren

In den 60er-Jahren war die Schweiz das erste europäische Land, das tibetische Flüchtlinge aufnahm. Heute haben es Tibeter in der Schweiz schwerer.

Noemi Lea Landolt
Drucken
Teilen
Tibetische Flüchtlinge besuchen 1964 das Rütli.

Tibetische Flüchtlinge besuchen 1964 das Rütli.

Keystone

«In einem Charterflugzeug des IKRK, das Medikamente nach Nepal gebracht hatte, landeten am Mittwochabend 22 tibetische Flüchtlinge in Kloten, die in der Schweiz angesiedelt werden sollen, eine malerische Gruppe von Frauen in ihren Trachten, Männern und Kindern.» Das schrieb die «NZZ» in der Ausgabe vom 26. Oktober 1961 unter das Foto, das vier tibetische Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in der Schweiz zeigt.

1961 war die Schweiz das erste europäische Land, das tibetische Flüchtlinge aufnahm. Zwei Jahre später, Ende März 1963, bewilligte der Bundesrat die Aufnahme von tausend tibetischen Flüchtlingen. Das Schweizerische Rote Kreuz (IKRK) und der Verein Tibeter Heimstätten kümmerten sich um die Tibeterinnen und Tibeter.

Tibetische Flüchtlinge auf dem Rütli 1964.

Tibetische Flüchtlinge auf dem Rütli 1964.

Keystone

Ein Stück Heimat im Tösstal

In Rikon im Tösstal errichtete die Metallfabrik Kuhn Rikon damals gerade eine Arbeitersiedlung. Sie brauchten dringend Arbeiter. So kam es zur Idee, den tibetischen Arbeitern Arbeitsplätze und Firmenwohnungen zur Verfügung zu stellen.

Bis heute sind die Tibeter in der Schweiz eng mit Rikon verbunden. Die Familie Kuhn gründete zusammen mit Freunden das Tibet-Institut im Dorf. Das Kloster wurde 1968 eingeweiht. Ein paar Jahre nach der Ankunft der ersten Tibeter in der Schweiz stellte man nämlich fest, dass die Erfahrungen «im allgemeinen erfreulich seien» (NZZ vom 18. August 1967), aber die «Pflege des religiösen und kulturellen Lebens» auf der Strecke blieb. Das Tibet-Institut wurde gebaut, «um diesem Mangel zu begegnen». Die Verbindung mit der Kultur und Tradition wurde als «notwendig» erachtet, wenn «nach der Versetzung der Tibeter in unsere westliche Zivilisation das Abgleiten in innere Haltlosigkeit verhindert werden soll».

Tibetische Flüchtlinge auf dem Rütli 1964.

Tibetische Flüchtlinge auf dem Rütli 1964.

Keystone

Sie landen in der Nothilfe

Heute sind die Behörden gegenüber Tibetern strenger geworden. Ein Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2014 hält fest, dass Asylgesuche von Tibetern abgewiesen werden, wenn sie nicht beweisen können, dass sie direkt aus Tibet stammen. Viele tibetische Flüchtlinge reisen über Indien oder Nepal in die Schweiz ein. Sollten sie in diesen Ländern längere Zeit gelebt haben, anerkennen die Schweizer Behörden ihren Flüchtlingsstatus nicht.

Ein negativer Asylentscheid ist die Folge. Aber weil Tibeter als Staatenlose nicht ausreisen können, bleibt vielen nur noch die Nothilfe. Und das Warten, bis sie nach fünf Jahren ein Härtefallgesuch stellen können.

Aktuelle Nachrichten