Er hat radikale Ideen und spricht öffentlich darüber, wie er sich eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus vorstellt: Kevin Kühnert, 29 Jahre alt, Chef der deutschen Jungsozialisten (Jusos). Anfang Mai schloss er in einem Interview mit der «Zeit» die Vergesellschaftung von Unternehmen wie zum Beispiel BMW nicht aus. Die Verteilung der Profite müsse demokratisch kontrolliert werden, sagte er. «Das schliesst aus, dass es einen kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt. Ohne Kollektivierung ist eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar», so Kühnert in der «Zeit». Mit seinen Äusserungen hat der Jungpolitiker in Deutschland eine Debatte über Eigentum und Sozialismus entfacht.

Im Sommer kommt Kevin Kühnert in den Aargau. Eingeladen haben ihn die SP Aargau, die Aargauer Juso, der Aargauische Gewerkschaftsbund und die Naturfreunde Aargau. Sie organisieren dieses Jahr zum zweiten Mal das Fest der Solidarität im Arbeiterstrandbad Tennwil. SP-Nationalrat Cédric Wermuth ist Teil des Organisationskomitees. Kevin Kühnert sei nicht nur wegen seiner jüngsten Äusserungen in den Aargau eingeladen worden. «Er stand schon nach dem letzten Solidaritätsfest hoch oben auf der Liste der potenziellen Redner», sagt Wermuth, weil sich Kühnert nach seiner Wahl zum Juso-Bundesvorsitzenden gegen die Bildung einer erneuten Grossen Koalition im Bundestag aussprach. Definitiv zugesagt habe Kühnert aber erst in diesen Tagen, so Wermuth.

Vielfalt der linken Politik zeigen

Der SP-Nationalrat kennt den deutschen Juso-Chef nicht persönlich. Kühnert wurde erst Chef der Juso, nachdem Wermuth sein Amt als Präsident der Juso Schweiz schon abgegeben hatte. Dennoch macht der SP-Nationalrat keinen Hehl daraus, dass er Sympathien für die Ideen des deutschen Jungpolitikers hat. Auf Twitter schreibt er unter #teamkevin, die Debatte zeige vor allem zwei Dinge: «Wie krass in eine ganz enge Ecke neoliberaler Nuancen sich der wirtschaftspolitische Diskurs manövriert hat und dass der Kapitalismus eben doch eine Religion ist.» Die Autoindustrie in Deutschland sei längst «ein geschützter und gehätschelter Staat im Staat», findet Wermuth. Kühnert habe nur gefragt, ob es dann vielleicht nicht ein paar Regeln geben sollte, die auch für diese Konzerne gelten.

Erwartungsgemäss sind nicht alle im Team Kevin. Der deutsche Juso-Chef muss für seine Sozialismus-Thesen viel Kritik einstecken – auch aus der SPD. Er hat damit gerechnet. «Meine Antworten provozieren Widerspruch und Streit, genau das sollten sie auch», schrieb er in einem Gastbeitrag im deutschen «Handelsblatt». Streit sei produktiv, «wenn er das Ringen um den richtigen Weg in den Mittelpunkt stellt.»

Auch in den Reihen der Aargauer Sozialdemokraten gibt es kritische Stimmen. SP-Nationalrätin Yvonne Feri gehört zu den Vertretern der reformorientierten Plattform innerhalb der Partei. Sie setzt sich für pragmatische Ansätze im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft ein. Die Überwindung des Kapitalismus ist als solches für sie kein erstrebenswertes Ziel. Selbstverständlich müsse es den Arbeitnehmenden gut gehen. «Sie brauchen faire Arbeitsbedingungen, gerechte Gehälter und eine soziale Absicherung.» Genau dafür brauche es «eine funktionierende, wenn immer möglich ethisch faire, Wirtschaft», betont Feri. Dabei müsse der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen setzen. Dennoch gefällt es Yvonne Feri, dass Kühnert am 17. August in Tennwil ein Referat hält. «Das ist als Gedankenanregung wertvoll, auch wenn ich seine Meinung nicht unbedingt teile.»

Für Cédric Wermuth soll es am Fest der Solidarität genau für diese Breite innerhalb der SP Platz haben. Deshalb habe man nicht nur Kevin Kühnert, sondern auch die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr als Rednerin eingeladen. «Eine demokratische Bewegung wie SP und Gewerkschaften zeichnet aus, dass es Platz für alle hat und alle braucht.» Politikerinnen wie Fehr, die in einem Gremium Kompromisse erarbeiten und Politiker wie Kühnert, die Visionen zur Diskussion stellen.

Das Fest wird im «neuen» Strandbad stattfinden. Über den Winter ist auf dem Areal eine neue Piazza entstanden, die Haupt- und Nebengebäude miteinander verbindet. Das Bad soll am 1. Juni plangemäss den Betrieb aufnehmen. Die Neueröffnung wird dann am 7. Juni gefeiert.