Wildtiere

Der Wolf spaziert durch den Aargau – warum hat der Kanton es geheim gehalten?

Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei: «Der Wolf ist ein eher scheues Tier, das Menschen meidet.»

Das erste Bild, das von einem Wolf im Aargau geschossen wurde.

Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei: «Der Wolf ist ein eher scheues Tier, das Menschen meidet.»

Am helllichten Tag spazierte im Februar ein Wolf durch ein Waldstück im Aargau und wurde dabei fotografiert. Der Kanton hat das Foto Anfang März bekommen und dieses verifizieren lassen. Aktiv kommuniziert hat er die Sichtung aber nicht. Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei, erklärt warum.

Über seine Präsenz im Kanton Aargau wurde seit längerem spekuliert, nun bestätigt ein Foto die Vermutungen: Wie «Schweiz Aktuell» am Dienstag berichtete, tappte ein Wolf Ende Februar in einem Waldstück oberhalb von Erlinsbach in eine private Fotofalle der lokalen Jäger. Diese meldeten die ungewöhnliche Aufnahme dem Kanton. Das Foto zeigt das Tier ganz deutlich. Das sei nicht selbstverständlich, erklärt Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei des Kantons: «Manchmal entstehen die Fotos der Wildtiere im Dunkeln und man erkennt die Tiere nicht so schön wie auf diesem Foto.»

Fünfte Sichtung eines Wolfes

In den letzten paar Jahren hatte es vier Meldungen zu Sichtungen von Wölfen im Aargau oder an der Kantonsgrenze gegeben. Einer davon war im Jahr 2014 in Schlieren im Kanton Zürich unter die S-Bahn geraten und dabei gestorben. Kurz davor war er bei Oberwil-Lieli gesichtet worden. Die anderen drei Meldungen (zwei davon im unteren Fricktal) registrierte der Kanton anhand von plausiblen Beschreibungen, konnte diese aber nicht überprüfen, erklärt Thomas Stucki. Dieses Foto ist der erste fotografische Beweis dafür, dass der Wolf den Weg in den Kanton Aargau gefunden hat.

Eine Dauerpräsenz im Kanton Aargau ist aufgrund des Lebensraumes, der Siedlungsdichte und der Verkehrsachsen aktuell im Kanton Aargau wenig wahrscheinlich: «Der Wolf sucht grosse und weite Gebiete, in denen er sich zurückziehen kann und genügend Beutetiere findet. Der Wolf ist ein eher scheues Tier, das Menschen meidet», erklärt Thomas Stucki. Trotz genügend Beutetiere hätte der Aargau aber zu viele Verkehrsachsen und überbaute Siedlungsgebiete, in denen der Wolf nach einem ruhigen Ort suchen müsste.

Das letzte Mal, als man in Kanton Aargau glaubte, einen Wolf gesichtet zu haben, handelte es sich in Wirklichkeit um einen ausgebüxten tschechischen Wolfshund. Der Rüde «Nixon» lief im Jahr 2014 mehrere Wochen frei in Aarau herum. Dies, nachdem er bei einer Hundeausstellung im Aarauer Schachen entlaufen war. Zahlreiche Versuche, ihn mit Fleischködern einzufangen, scheiterten. Sechs Wochen später konnte er eingefangen und seiner Besitzerin in Deutschland übergeben werden. Auch besondere Verhütungsmassnahmen für Tierhalter seien nicht nötig, sei der Wolf im Aargau doch primär auf der Durchreise: «Im Gegensatz zu den alpinen und voralpinen Regionen ist die Nutztierhaltung im Aargau in den meisten Fällen siedlungsnah und die Tiere sind umzäunt», so Stucki.

Über den Jura in den Aargau

Woher der Wolf nach Erlinsbach gekommen ist, kann man nicht feststellen. Es ist bekannt, dass der tote Wolf in Schlieren aus dem Calanda-Wolfsrudel stammte. «Bei diesem Tier geht man aber davon aus, dass es dem Jurabogen entlang gezogen ist. Dort findet er grössere Wildräume», sagt Stucki. «Je mehr er in Richtung Osten zu uns gezogen ist, desto mehr ist er auf Räume gestossen, die von Menschen stark beeinflusst sind.»

Der Leiter Sektion Jagd des Kantons ist erfreut über den Fotobeweis: «Es ist schön, dieses Foto zu sehen, weil wir bisher nur Vermutungen über temporäre Wolfspräsenzen hatten.» Schön sei auch die Feststellung, dass der Wolf in einem so dicht genutzten Teil der Schweiz war, ohne dass ihn jemand bemerkt hat. «Das zeigt, dass das Konfliktpotenzial klein ist», so Thomas Stucki.

Keine aktive Kommunikation

Der Kanton hat die Wolfssichtung in Erlinsbach nicht aktiv kommuniziert. Das Foto hat die Sektion Jagd und Fischerei bereits Anfang März erhalten. «Wir haben es zur Sicherheit noch Fachleuten der Kora zur Verifizierung geschickt», sagt Thomas Stucki. Die Kora ist eine Stiftung, die die Entwicklung der Raubtierpopulation in der Schweiz überwacht. Da es in Vergangenheit bereits mehrere Sichtungen von Wölfen gegeben hatte, stehe eine aktive Kommunikation von Einzelbeobachtungen nicht im Zentrum, sagt Stucki.

Die Sektion Jagd und Fischerei des Kantons hält den Umgang mit Grossraubtieren wie Wölfen und Luchsen in einem internen Papier fest. Grundlage dafür seien die nationalen Konzepte. Dieses Papier behandelt auch die Frage, wie man in Konfliktsituationen umgeht, sprich dann, wenn beispielsweise Nutztiere durch einen Wolf gerissen würden. «Bei einer Dauerpräsenz eines Wolfes und mehreren Rissen in einem Gebiet, spricht der Kanton die betroffenen Nutztierhalter direkt an», so Thomas Stucki.

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