Aarau
«Der Wald ist unser Leben»: Urwald-Bewohnerin kämpft gegen die Rodung ihres Zuhauses

Jachuka Reté lebt im argentinischen Urwald. Auf ihrer Reise durch Europa macht sie im Aargau bei ihrem Freund Johannes Jenny halt. Ihre Mission: für den Wald sensibilisieren.

Stefania Telesca
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Naturschützer Johannes Jenny und Jachuka Reté.

Naturschützer Johannes Jenny und Jachuka Reté.

Stefania Telesca

Der Wald ist ihr Zuhause, ihr Supermarkt, ihre Apotheke: Jachuka Reté ist Teil der Mbya Guaranì, ein indigenes Volk, das im Urwald im Nordosten Argentiniens lebt. Als sie über die Wichtigkeit des Waldes für ihr Volk spricht, steht sie im Park hinter dem Grossratsgebäude in Aarau. Weit weg von ihrer natürlichen Umgebung. Die Mbya sind eines der letzten Völker in Südamerika, die im engen Kontakt zur Natur leben. Sie sehen sich selbst als Teil des Waldes.

Empfangen hat Jachuka Reté ihr langjähriger Freund und Aargauer Naturschützer Johannes Jenny. Im Park übersetzt er jedes Wort, das die kleine, grazile Frau auf Spanisch sagt. «Wenn der Wald kaputt ist, sind wir traurig», sagt sie. Reté ist hier, um auf ein Projekt aufmerksam zu machen, das Johannes Jenny vor über 15 Jahren mitinitiiert hat: vor Ort in Argentinien Land von privaten Besitzern zurückzukaufen, um es den Mbya zurückzugeben. Seit Jahrzehnten verkauft die argentinische Regierung flächenweise Wald an Grossgrundbesitzer, die die Fläche dann roden und für die Landwirtschaft nutzen. Die Mbya wurden auf diese Weise oftmals vertrieben. Oder leben in stetiger Sorge, dass sie noch vertrieben werden könnten.

Reise zum Wohl ihres Volkes

«Als ich das erste Mal dort war und Land zurückkaufen wollte, wurde ich angeschaut, als wäre ich ein Marsmensch», sagt Jenny. Viele Jahre später ist es ihm noch immer ein Anliegen, den Mbya zu helfen. Die Mbya wüssten, wie man mit der Natur zusammenlebt, ohne sie zu zerstören.

Die Reise nach Europa sei für sie eine grosse Anstrengung, sagt Jachuka Reté. Für die Mbya ist der Wald ein «grosses Haus», wie sie immer wieder betont. Dieses zu verlassen, in ein Flugzeug zu steigen und andere Länder zu besuchen, mache sie zum Wohle ihres Volkes. Und um eine Art Entwicklungshilfe zu leisten: «Der Wald ist ein grosses Haus, nicht nur der Urwald, in dem wir leben, sondern der Wald auf der ganzen Welt.» Deshalb sei es ihr ein Anliegen, auch Europa zu sensibilisieren.

Die ganze Welt schaut aktuell nach Brasilien

Mit ihrem Besuch trifft Jachuka Reté unfreiwillig die Tage, in denen die ganze Welt auf die brennenden Wälder Brasiliens schaut. Zehntausende Waldbrände wüten momentan im Amazonas. «Die Brände machen mich natürlich traurig, aber das Problem hat lange Zeit vorher begonnen. Man kann nicht einfach dem brasilianischen Staat die Schuld geben, wir sind alle dafür verantwortlich.» Die indigenen Völker hätten schon lange darauf aufmerksam gemacht, aber niemand habe zugehört. «Die Menschen brauchen halt die Sensation, damit überhaupt etwas passiert.»

In Brasilien wüten derzeit die schwersten Waldbrände seit Jahren.
26 Bilder
Seit Januar nahm die Zahl der Feuer und Brandrodungen im grössten Land Südamerikas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nach Angaben der brasilianischen Weltraumagentur INPE vom Sonntag um 82 Prozent zu.
Eine Schlange flüchtet vor dem Feuer.
Andere Artgenossen waren nicht schnell genug.
Insgesamt wurden mehr als 79'000 Brände registriert.
Proteste gegen die Brände und Präsident Bolsonaro: Die brasilianische Schauspielerin Sonia Braga hat sich ihre Hände blutrot angemalt.
Ein totes Rind inmitten der toten Erde.
Wo einst prächtige Bäume standen, finden sich heute nur noch Ruinen.
Nun helfen auch Soldaten bei den Löscharbeiten: insgesamt mehr als 43'000 stehen im Einsatz.
Von der blühenden Vegetation ist vielerorts nicht mehr viel übrig.
Nach Einschätzung von Naturschützern werden die meisten Brände von Farmern gelegt, um neue Weideflächen für ihr Vieh zu schaffen.
Da es momentan in der Region ungewöhnlich trocken ist, greifen die Brände immer wieder auch auf intakte Waldflächen über.
SOS Amazonia: Eine Brasilianerin macht sich bei Protesten für den Amazonas stark.
Feuerwehrleute bekämpfen die Flammen.
Die Löscharbeiten gestalten sich schwierig.
Feuerwehrleute im Kampf gegen das Feuer.
Über 72'000 Waldbrände gab es dieses Jahr bereits.
Immer wieder verursachen Rodungen Waldbrände.
Das Wasser kann nur wenig gegen die Brände ausrichten.
Mit jeder Minute verbrennt Wald in der grösse eines Fussballfeldes.
Der Amazonas brennt.
Vom Urwald ist hier nichts mehr übrig.
Wo einst prächtige Bäume standen, finden sich heute nur noch Ruinen.
Auch vom Satelit aus ist der Rauch gut zu sehen.
Auch das ist ein Satelitenbild, dass das Feuer zeigt.
Rauch am Himmel von Rio Branco.

In Brasilien wüten derzeit die schwersten Waldbrände seit Jahren.

Victor Moriyama / Greenpeace Bra

Empfang im Keller des Grossen Rates

Bei einer kurzen Zusammenkunft im Grossratskeller begrüsst die Grossratspräsidentin Renata Siegrist die Vertreterin der Mbya. «Es ist mir eine grosse Ehre, eine so starke, mutige Frau kennen zu lernen», sagt sie. Nicht viele Grossrätinnen und Grossräte sind zum Austausch erschienen. Was man tun könne, will ein Grossrat wissen. Man könne den Mbya helfen, indem man Wald kaufe, entgegnet Jenny.

Ihre Reise führt Reté weiter nach Deutschland, Schottland, England, in den Aargau, nach Bern und zur UNO-Menschenrechtskonvention nach Genf.

«YPY – Anfang. Eine Zukunft für die Mbyá, den Jaguar und uns alle!» Ein Film von Maya Baur, in dem auch Jachuká Reté und Johannes Jenny vorkommen: