Unfall auf A1

Der Verkehrs-Infarkt brachte die ultimative Geduldsprobe für alle Autofahrer

Die Autobahn A1 ist gesperrt - und der Aargau steht still. Ein Augenschein am Ort, der zum Bypass für die während Stunden gesperrte A1 wurde. Fazit: Die Autofahrer haben Nerven bewiesen und das Chaos mit Fassung ertragen.

Im «Weissen Kreuz» bestellt der erste Gast des Tages ein Einerli Birmenstorfer. Es ist kurz nach 16 Uhr. Draussen rollt der Verkehr der A1 vorbei – Lastwagen um Lastwagen, mitten durch Mellingen.

Drinnen im Restaurant werweissen Wirtin Maja Gasser und ihr erster Gast, welche Brücke nun genau gerammt wurde – «weisst du, kurz bevor du über die Reussbrücke-Autobahn fährst ...» – Gasser unterbricht den Gast: «Sag mal, wie geht es dem Lastwagenfahrer?» Der Gast beruhigt sie. Der Fahrer sei unverletzt – zum Glück. Maja Gasser blickt wieder hinaus auf die Strasse. Auto, Lastwagen, Lastwagen, Lastwagen. Und mehr zu sich selber als zum Gegenüber sagt sie: «Wahnsinn, wenn man das sieht, wird einem bewusst, was da täglich auf der Autobahn fährt.»

Durchs Nadelöhr

Was sonst auf der A1 zwischen Mägenwil und Baden durch den Aargau rollt, musste gestern alles durchs Städtchen.

Früher am Nachmittag, um 14.30 Uhr steht Daniel Ulrich in Mägenwil im Stau – seit 2½ Stunden. Er hört Musik mit Ohrstöpseln, isst einen Salat. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: Es wird nochmals eine Stunde und 10 Minuten dauern, bis er nur vor den Toren von Mellingen steht – eine Strecke, die sonst in zwei Minuten gefahren ist.

1 Kilometer = 30 Minuten

«Es bitzeli eng» sei es manchmal, sagt ein Mellinger Feuerwehrmann, der den Verkehr regelt, und blickt einem Lastwagen nach, der ganz langsam unter dem Torbogen hindurchrollt. Aber auch wenns knapp war: Zumindest in Mellingen schaffte es gestern jeder Lastwagen unten durch.

Auf der Kreuzung bei der reformierten Kirche steht Emanuele Prati von der Feuerwehr Mellingen. Er weiss nicht, warum sich alles staut. Denn, als er das Aufgebot bekam, war seine einzige Sorge, möglichst schnell von seinem Arbeitsort Lenzburg nach Mellingen zu kommen. Der Feuerwehrmann schafft es in 50 Minuten – dank Schleichwegen.

Als er erfährt, was zum Stau geführt hat, verwirft er die Hände. Als er dann noch ein Foto der kaputten Brücke auf dem iPhone gezeigt bekommt, verwirft er seine Hände nochmals, lacht laut und winkt den nächsten Lastwagen über die Kreuzung. Oben bei der Coop-Tankstelle am Bahnhof Mellingen ist das begehrteste Gut der WC-Schlüssel. Und Red Bull ist der meistverkaufte Artikel, wie die Verkäuferin erzählt.

Nicht gut läuft das Geschäft von Taxifahrer Carlo Deflorin. Einen Gast fuhr er vom Bahnhof ins Städtchen. Fahrzeit: 30 Minuten. Gekostet hätte die einen Kilometer lange Strecke 50 Franken. Deflorin stellte den Zähler aber ab – «das bringt nichts.»

Rauchen und Telefonieren

Die Stimmung bei den Autofahrern war unterschiedlich: Wer raucht, rauchte viel gestern. Telefonieren war auch beliebt, oder mit den Händen auf dem Lenkrad trommeln. «Es gibt schon solche, die seltsame Grimassen ziehen», sagt Feuerwehrmann Prati. Und es gab auch solche, die in ihrem Auto sassen, wild gestikulierten und – es ist anzunehmen – lauthals fluchten. Ganz ruhig blieben Daniela und Jan Cerny. Das Ehepaar überbrückte die Wartezeiten mit Lesen und hoffte, irgendwann zu Hause in Lupfig anzukommen.

Etwas weiter vorne geht eine alte Frau an den Autokolonnen vorbei. Sie ist nicht mehr die Schnellste. Aber heute schlägt die alte Frau jeden Sportwagen. «Schön zum Anschauen, wie die Autos still dastehen», sagt sie und lacht ein kleines bisschen schadenfreudig.

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