Urs Winzenried erobert die Herzen nicht im Sturm. Nein, er erarbeitet sie sich – Stück für Stück, dafür nachhaltig. Winzenried, der Unnahbare, der nach 35 Jahren als Kripo-Chef in Pension geht, ein ruhiger und zurückhaltender Typ, der selten in der Polizeikantine isst. Über den Mittag lieber joggt oder schwimmt, zum Zmittag den Getreideriegel einer Portion Spaghetti vorzieht.

Selbst enge Vertraute innerhalb des Korps würden nicht von sich behaupten, dass sie den Kripo-Chef wirklich kennen. «Ich bin nicht sicher, ob überhaupt jemand den Menschen Urs Winzenried wirklich kennt», sagt einer. Was umso mehr erstaunt: Jeden, den man fragt, mag Winzenried, sehr sogar. Einer sagt: «Ich gewinne ihn mit jedem Jahr, das ich ihn länger kenne, lieber.»

Könnte man in Winzenrieds Kopf hinein, sich die Bilder anschauen, die sich dort während seines Berufsleben eingebrannt haben, es wäre ein schlimmer Anblick. Dieser Mann hat schauerliche Sachen gesehen – die Kinder, die Werner Ferrari tötete, die Opfer der Uzi-Killer, der Dreifachmord von Wohlen und viele mehr.

Urs Winzenried hilft Frauen in den Mantel, lässt anderen Kunden auch einmal den Vortritt an der Coop-Kasse und ist stets tadellos und elegant gekleidet, wenn auch nicht immer nach dem neusten Modetrend. In den letzten 35 Jahren hat er über 95 Prozent aller Kapitalverbrechen im Aargau aufgeklärt. «Nicht ich, sondern mein Team», korrigiert Winzenried.

Leute, die lange mit ihm zusammengearbeitet haben, sagen, dass er nie laut werde. Niemals. «Das wäre ein Zeichen von Schwäche», sagt Winzenried. Ein grosser Fan der modernen Technik ist der Kripo-Chef nicht unbedingt – er zieht Folie und Hellraumprojektor der Powerpoint-Präsentation vor. Als er vor 15 Jahren einen neuen Dienstwagen erhielt, hat er lediglich den Wunsch geäussert, dass der Wagen wieder rot sein soll. Die Marke war ihm egal. Den roten Volvo fährt er noch heute.

Rot sind auch die Stecknadelköpfe, die die ungeklärten Tötungsdelikte auf einer Aargauer Karte in seinem Büro markieren. Neun sind es. Einer davon ist eine männliche Leiche in zwei Plastiksäcken, gefunden im Wald auf dem Bözberg. Demgegenüber stehen über 150 aufgeklärte Tötungsdelikte.

Urs Winzenried hat nicht nur die Opfer gesehen. Er kennt auch viele Täter. Hass habe er nie empfunden, Mitleid auch nicht. «Hass ist den Angehörigen vorenthalten.» Mitleid hat er auch nicht mit Tätern, die eine schwere Kindheit hatten. Das Wissen darum helfe aber, das Unfassbare besser zu verstehen. «Überschreiten Menschen Grenzen, müssen sie die Folgen tragen.»

Mehrmals sagt der Kripo-Chef, dass er kein Eisblock sei. Wenig Gefühlsregungen zu zeigen, das ist, was Winzenried oft vorgehalten wurde. Er sagt dazu: «Ich habe meine Gefühle im Griff, das heisst aber nicht, dass ich keine Gefühle habe.

Den Schrecken des Schrecklichen sieht man ihm nie an. Schon gar nicht, wenn er vor die Kameras tritt. Und das tat er oft in den vergangenen 35 Jahren. An der Medienkonferenz zum Fall des getöteten Au-pairs Lucie sagte er Dinge wie: «Ohne vorgängigen Streit holte Daniel H. ein Schlagwerkzeug in der Wohnung und schlug mehrfach auf das Mädchen ein.» Winzenrieds Gesicht bewegte sich kaum, während er diese 18 Worte sagte, die aneinandergereiht unvorstellbar grausam sind.

Im direkten Gespräch ist Urs Winzenried anders. Oft zuckt sein Mund, als ob sich der grosse Mann nicht entscheiden kann, ob er lächeln soll – oder lieber doch nicht. Er wirkt in diesen Momenten verschmitzt wie ein Bub und vielleicht auch ein bisschen unsicher.

Seinen Leuten Sicherheit zu geben, das sei eine Stärke von Winzenried gewesen, sagt der langjährige pensionierte Polizeisprecher Ruedi Woodtli. Sei der Kripo-Chef am Tatort eingetroffen, beruhigte sich die Situation sofort. Winzenried ist kein Polizist, er ist Anwalt. Seine Aufgabe war zu koordinieren und gemeinsam mit seinen Spezialisten darüber zu brüten, wie sie dem Täter auf die Spur kommen könnten.

An einem eckigen Tisch im Säli in der «Burestube» in Buchs jasst Winzenried seit vielen Jahren regelmässig mit drei Arbeitskollegen. Wirtin Doris Kaspar sagt: «Die vier haben es richtig gut miteinander.» Manchmal setzte sie sich dazu, Urs Winzenried lässt sich dann von der Wirtin in die Karten blicken. Einer der vier Jasser ist Winzenrieds ehemaliger Stellvertreter Peter Hasler (78). Er sagt: «Urs ist ein enger Freund. Es gibt keinen Menschen, dem ich so sehr vertraue wie ihm.»

Urs Winzenried wohnt in den Telli-
Hochhäusern in Aarau. Ein paar Schritte vom Polizeikommando entfernt. Kommt er nach einem langen Arbeitstag nach Hause, spielt er Fagott. Wäre er nicht Kripo-Chef, er wäre Musiker geworden, sagt er.

Winzenried hat einen Sohn aus erster Ehe. Seit über 20 Jahren ist er nun mit einer Rumänin verheiratet – eine Geigerin. Verliebt haben sich die beiden während der Operette Bremgarten. Sie trafen sich in diesem Orchester zum ersten Mal. Als der Vorhang nach 30 Aufführungen zum letzten Mal gezogen wurde, waren sie schon fast ein Paar. Es war nicht nur das schöne Spiel der Musiklehrerin – auch ihr schönes Aussehen, sagt der Kripo-Chef, verliert diesmal den Kampf gegen seinen Mund und lächelt.

Kochen könne er nicht. Dafür trägt er den Abfallsack hinunter. Aber das Haushalten, wer weiss, das werde er vielleicht noch ein wenig lernen als Pensionär. Er weiss auch nicht, ob es ihm schwerfallen wird, nicht mehr in der Öffentlichkeit zu stehen nach seiner Pensionierung. Das Ansehen, das ein Amt mit sich bringt, das schmeichle einem schon. Und so freut es ihn auch, dass er bis Ende Jahr das Amt des Direktors der interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch übernehmen wird.

Das ist schon fast ein Muster: Zieht ein Gewitter auf, übernimmt Winzenried. Das war 2012 so, als Kommandant Reinhardt nach einem Skandal den Sessel räumte und es ist heute so, wo die Polizeischule nach einem Krach ohne Führung dasteht. Stets wird Winzenried angefragt die Lücke zu füllen, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Der Kripo-Chef betont immer wieder, dass sein Berufsalltag wenig mit einem Fernsehkrimi zu tun habe. Man muss ihm das glauben. Aber er selber, er, der Fagott spielende Winzenried in seinem roten Volvo, der keinen zu nah an sich ranlässt, den Müll hinunterträgt und mit seinem Team fast alle Mordfälle löst, er wäre im Kriminalroman ein perfekter Kommissar.