Bei den Nationalratswahlen im Oktober kam es zum Rechtsrutsch. Besonders stark fiel dieser im Aargau aus: Die SVP holte den 16. Sitz, welcher dem Kanton wegen des Bevölkerungswachstums zustand, die FDP gewann einen Sitz dazu, während die SP ein Mandat verlor. Zu den Verlierern gehörte auch die CVP, sie verpasste einen zweiten Sitz klar und stürzte beim Wähleranteil auf weniger als zehn Prozent ab.

Nun geht der Blick nach vorn, auf die Grossratswahlen am 23. Oktober. SVP-Präsident Thomas Burgherr sagte am Parteitag in Holziken: «Beim Wähleranteil sollten wir uns am Ergebnis der Nationalratswahlen orientieren.» Gesamtkantonal kam die SVP im Herbst auf 38 Prozent, bei den letzten Grossratswahlen waren es 32 Prozent. «Wir haben also bei den Grossratswahlen noch Luft nach oben, dieses Potenzial wollen wir ausschöpfen», kündigte Burgherr an.

Prognose Grossratswahlen AG 2016

Sitze Grosser Rat AG 2016 Prognose

Auch die Freisinnigen verfolgen im Herbst hohe Ziele, wie Präsident Matthias Jauslin am Parteitag in Wohlen verkündete. Die FDP will in allen Bezirken zulegen, 17 Prozent Wähleranteil erreichen, zur zweitgrössten Partei werden und die Grossratsdelegation von
22 auf 24 Mitglieder vergrössern.

CVP und SP geben sich kämpferisch

Die neue CVP-Präsidentin Marianne Binder kündigte im Interview mit der az einen engagierten Wahlkampf an, nannte aber keinen konkreten Wähleranteil als Ziel. «Wir werden unsere Grossratssitze verteidigen und für eine starke CVP-Fraktion kämpfen», sagte Binder. Sie räumte aber nach den Verlusten auf nationaler Ebene ein, ihre Partei habe «nicht gerade den grossen Wahlsieg» hinter sich.

Heikel ist die Situation für die Sozialdemokraten. Im aktuellen «Links AG», der Mitgliederzeitung der SP, hält Co-Präsident Cédric Wermuth fest: «Dieser Wahlkampf wird für die SP matchentscheidend, gemeinsam müssen wir nun das Ruder herumreissen.» Oft folge der Trend bei kantonalen Wahlen dem auf nationaler Ebene, hatte Wermuth schon am Parteitag in Bremgarten gesagt. «Wir sind aber wild entschlossen, dies zu ändern.»

Trend bestätigt sich nicht immer

Doch gibt es diesen Trend tatsächlich und lassen sich die nationalen Wahlresultate einfach auf den Kanton übertragen? Die az hat die Resultate der Wahlen im Aargau seit 2003 ausgewertet. Dabei zeigt sich: Tendenziell stimmt die Aussage, dass eine Partei, die bei den Nationalratswahlen gewinnt, auch bei den nächsten Grossratswahlen zulegt, während eine Partei, die auf nationaler Ebene verliert, auch im kantonalen Parlament Sitze einbüsst.

Es gibt aber Ausnahmen, so schnitt die SVP bei den Nationalratswahlen 2011 rund 1,5 Prozent schlechter ab als vier Jahre zuvor, dennoch legte sie bei den den Grossratswahlen 2012 um 0,1 Prozentpunkte zu. Auch der umgekehrte Fall kommt vor: Die SP gewann 2011 bei den Nationalratswahlen mit 0,1 Prozent minim an Wähleranteil, bei den darauf folgenden Grossratswahlen 2012 büsste sie hingegen 0,5 Prozentpunkte ein.

Wer ist stärker in Bern, wer in Aarau?

Eine weitere Erkenntnis: Die beiden Polparteien, also SVP und SP, schneiden bei nationalen Wahlen grundsätzlich besser ab als auf kantonaler Ebene. Bei der SVP beträgt die Differenz beim Wähleranteil im Schnitt seit 2003 rund 4,1 Prozentpunkte, bei der SP sind es 2,1. Zu den Parteien, die auf kantonaler Ebene schwächer sind als auf nationaler, gehören auch GLP (–0,2 Prozentpunkte) und BDP (–1,7). Beide nahmen 2009 zum ersten Mal an Grossratswahlen teil, die Datenbasis ist deshalb dünn. Genau umgekehrt ist es bei den drei anderen Regierungsparteien im Aargau: FDP (+2,1 Prozentpunkte), CVP (+2,1) und Grüne (+0,7) holen bei den Grossratswahlen einen höheren Wähleranteil als bei den Nationalratswahlen. Dasselbe gilt auch für EVP (+0,6 Prozentpunkte) und EDU (+0,5).

Prognose sieht rechtsbürgerlich vorn

Für die Prognose (siehe Grafiken) nimmt die az die Resultate der letzten Nationalratswahlen als Grundlage und verrechnet diese mit der durchschnittlichen Abweichung zu den kantonalen Wahlergebnissen seit 2003. Am Beispiel der FDP: 15,1 Prozent Wähler-
anteil bei den Nationalratswahlen 2015, bei kantonalen Wahlen im Schnitt 2,1 Prozentpunkte stärker, das ergibt eine Prognose von 17,2 Prozent für die Grossratswahlen 2016. Für einen Sitz im Kantonsparlament braucht es einen Wähleranteil von 0,7 Prozent, damit resultiert für die FDP eine Prognose von 25 Sitzen, drei mehr als bisher.

Nicht bei allen Parteien entspricht die Sitzprognose der az genau dieser Berechnung. Aufgrund der Flüchtlingsfrage, die auch im Herbst noch aktuell sein und das Wahlverhalten der Bevölkerung beeinflussen dürfte, fällt die Prognose für die SVP höher aus. Bei der BDP wurde die massive Abweichung von 1,7 Prozentpunkten, die nur auf einem Wahlvergleich beruht, für die Prognose halbiert. Und für die CVP, die rechnerisch vier Sitze verlieren würde, nimmt die az einen Verlust von nur drei Mandaten an – die neue Präsidentin Marianne Binder gilt, anders als ihr Vorgänger, als ausgewiesene Wahlkämpferin.