Die sinkende Kurve zeigt den Trend eindrücklich auf: Der reformierten Kirche laufen im Aargau die Mitglieder davon. Innerhalb der letzten zehn Jahre sank die Zahl um mehr als 16 000 Personen – von über 190 000 auf knapp 175 000. Das ist ein Verlust von rund 9 Prozent.

2014 hat sich die Lage gegenüber dem Vorjahr nochmals zugespitzt, wie die Zahlen im aktuellen Jahresbericht zeigen. Über 3000 Mitglieder haben die Kirche verlassen – ein neuer Negativrekord.

Dazu kommt: Letztes Jahr sind so wenige Personen beigetreten wie nie in den letzten zehn Jahren. Nur gerade 241 Eintritte vermelden die Aargauer Reformierten.

So viele Mitglieder verloren die Reformierten in zehn Jahren.

So viele Mitglieder verloren die Reformierten in zehn Jahren.

«Ein Rezept hat niemand»

«2014 war ein aussergewöhnliches Jahr», sagt Landeskirche-Sprecher Frank Worbs. «Die Situation ist aber nicht besorgniserregend.» Besondere Gründe für die hohe Zahl im letzten Jahr seien ihm nicht bekannt.

Seit Jahren hält der Mitgliederschwund an, stoppen lässt er sich bislang nicht. Bei der Reformierten Landeskirche rechnet man nicht damit, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird. Worbs: «Der grosse Trend lässt sich kaum umkehren. Ein Rezept hat niemand.»

Die grosse Mehrheit der Austritte erfolgt ohne Begründung. 80 bis 90 Prozent dieser Mitglieder wollen austreten, aber nicht angerufen werden, um darüber zu sprechen. Konkrete Gründe seien sehr selten, sagt Worbs.

Die Austrittswelle erklärt er sich mit einer Entfremdung von der Kirche. «Die Leute können mit dieser Tradition nichts mehr anfangen.»

Vier von fünf Kirchenaustritten werden im Dezember eingereicht. Der Grund: Es ist der letztmögliche Zeitpunkt, um die Kirchensteuern zu umgehen. Worbs sagt: «Die Ablösung erfolgt über Jahre, die Steuern sind dann einfach der letzte Auslöser.»

In Panik verfällt man bei der Landeskirche deswegen allerdings nicht. «Wir sind noch weit weg vom heiklen Bereich, der für die Kirchgemeinden existenzbedrohlich ist.»

Bis zur kritischen Grenze blieben noch mindestens zwanzig Jahre, schätzt Worbs. Noch immer ist über ein Viertel der Aargauer Bevölkerung Mitglied der reformierten Kirche. «Das ist doch fantastisch.»

«Mehr Wertschätzung zeigen»

Dennoch sieht Frank Worbs nun die Mitarbeitenden der Kirche in der Pflicht: «Wir müssen uns mehr bemühen, die christlichen Werte zu vermitteln und noch mehr auf jene Menschen zugehen, die nicht mehr in den Gottesdienst kommen.»

Einerseits gelte es, ein anderes Bild zu vermitteln – etwa mithilfe des Blogs. Andererseits müsste die Beziehung zu jenen Mitgliedern gepflegt werden, die Kirchensteuern zahlen, aber kaum einmal eine kirchliche Dienstleistung beanspruchen. «Ihnen gegenüber müssen wir mehr Wertschätzung zeigen.»