Gedichte sind zäh wie Unkraut, zart wie Mohnblüten und zuverlässig aufmunternde Begleiter wie der Vogelgesang am Morgen. Lyrik, denken wir an sie? Selten. Schreiben wir darüber? Nicht oft. Aber sie wird geschrieben. Auch gedruckt, gelesen und – wie es Tradition hat – manchmal gar vertont.

Ein musikalischer Blumenstrauss wird am Samstag für Christian Haller zu seinem 75. Geburtstag überreicht. Acht Komponistinnen und Komponisten haben Gedichte aus verschiedenen Schaffensperioden des Laufenburger Autors vertont, zur CD-Taufe werden die dreizehn Lieder vorgetragen. Gefragt, welches Gedicht er als Hinweis gerne abgedruckt hätte, entschied sich Haller für «Heute am Ufer». Auch weil diese – typisch knappen Hallerschen – Verse gleich von zwei Komponisten ausgewählt wurden.

Haller ist durch seine Romane bekannt geworden, die sich vordergründig mit seiner Familiengeschichte beschäftigen, hintergründig ein Gesellschaftsbild der jeweiligen Zeit sowie ein vorsichtig ausgelotetes Psychogramm der Hauptfiguren malen. Immer aber schrieb er auch Gedichte. Knapp eben, verdichtet. Das scheint seit Klaus Merz’ Erfolgen mit seinen lakonisch kurzen Weltbildern eine Aargauer Spezialität geworden. Bei Haller sind die Gedichte klare Gegenstücke zur langen Prosa und mehr aus dem eigenen Innern als von äusseren Ereignissen angetrieben:

Heute am Ufer
warf ich die Blätter ab

blickte kahl in den Fluss
liess auch die Äste verströmen

fühlte im Grund die Wurzel
den Halt verlieren

Ein weiterer Autor, der gerne in der knappsten Variante der literarischen Form schreibt, ist Markus Bundi (1969*).

Beobachtungen, kleine Weisheiten und Gedanken notiert er. Was oft leichtfüssig erscheint, ist aber sprachliche Grundlagenarbeit. Wie er Begriffe spielerisch auslotet oder ihrer Bedeutung und ihren Varianten auf den Grund geht, verrät den Sprach-Enthusiasten. Der Inhalt aber ist gefärbt von Verlust, ungestillter Sehnsucht, dem Älterwerden … Dazwischen streut er ironische Aperçus ein («Im Anfang war der Gummibär») oder sarkastische Beobachtungen zum omnipräsenten Smartphone («Das Leben hängt an einer Steckdose, an einem Kabel»):

Kerngedanke
Nimm Enttäuschung
als Ende der Täuschung
als Entdeckung –
enttarnt bist du
noch lange nicht.

Markus Bundi, Deutschlehrer an der Alten Kantonsschule Aarau, verdanken wir aber nicht nur eigene Werke, sondern als Herausgeber auch «Die Reihe» im Wolfbach-Verlag, die Lyrikern seit Jahren eine Plattform bietet. Vielen übrigens aus dem Aargau.

Mit Nummer 51 ist diesen Sommer «Der Sommer ist ein schneller Vogelschatten» von Jäel Lohri (*1979) aus Biberstein erschienen. Alltägliches, Sehnsucht und Sinnsuche einer jungen Frau bringt Jäel Lohri aufs Papier. Oft spielt sie mit Zeilensprüngen und Gegensatzpaaren; Liebe und Verlangen grundieren die meist kurzen Verse voller verheissungsvoller Key-Wörter:

Unterwegs

Hingestreute Möwen
Auf der Limmat
Brotreste und Papier
Am Rande der Unterführung
Wo niemand hintritt bei Ebbe
Nur wenn ein Zug hält
Kommt die Flut.

Schliessen wir den Blick ins aktuelle Aargauer Lyrik-Schaffen mit einem Rückblick und wieder mit Gedichten in Liedform. Dafür steht im Aargau seit Jahrzehnten ein Name:  (1848–1942). Und ihr bekanntestes Lied: «Jo eusi zwöi Chätzli». Mit dem Band «Mis Chindli», einem Liederkranz für junge Mütter, hatte die Lenzburger Doktersfrau 1896 erfolgreich debütiert. Sie nur auf die populären Kinderlieder zu reduzieren, wäre allerdings unangemessen. Sie gilt zu Recht als eine der wichtigsten Mundartautorinnen, schrieb, als ihre Kinder älter wurden, primär Erwachsenenliteratur wie das autobiografische Zeitbild «Mis Aargäu – Land und Lüt us miner Läbesgschicht» (1938).

Auch über gesellschaftliche Themen, etwa die Rolle der Frau, publizierte sie mutig in Gedichtform wie in «D Frau deheim und dusse». Dieses Jahr feiert man in und um Lenzburg den 150. Geburtstag der Dichterin, mit gutem Echo. Für die literarischen Spaziergänge müssen gar Zusatzdaten angeboten werden:

Was e Frau im Hus sell gälte,
Chunnt s meischt uf si sälber a,
Ma und Frau sind Doppelwälte:
D Liebi mues si zämeha.
D Frau im Bruef – i säbem Stückli
Gits en trurig faltsche Ton.
Uf em i fehlt immer s Tüpfli:
Ganzi Arbet, halbe Lohn.
D Frau im Staat: di flöttischt Büri
Gilt nid, was der underscht Chnächt:
As si schaffi, schwigi, stüri,
Das isch ihres Bürgerrächt.
Und wenns Chrieg git aller Ände:
D Söhn und d Manne müemmer lo,
Müend mit zämebundne Hände
D Wält lo zunderobsi goh.
Tüend ech d Sunne nid verhänke:
S Schwizerland brucht Ma und Frau.
Lönd is rote, hälfe, dänke –
Und lo stimme lönd is au!

Und zum Schluss: Auszüge aus «Zletscht am Änd» von Reinhold Bruder

Unter den Neuerscheinungen an Aargauer Lyrik ist Reinhold Bruder, Jahrgang 1941, die grösste Überraschung. Will man für sein Werk «Zletscht am Änd» Vorbilder nennen, findet man sie in der Antike, bei den Versepen von Homer und Ovid, in der Schweizer Literatur vor allem bei Carl Spitteler. Doch Bruders Form, der Hexameter (der Sechsfüsser, der sich so eingängig liest) dient dem Autor als Form für ein überaus aktuelles Thema: Er beschreibt in epischer Breite das Leben im Altersheim, schildert Umgebung und Alltag zwischen Warten und Hoffen, Vergnügen und Schmerz, Demenz und Trost, Esstisch und Rollator mit scharfem Beobachterblick und viel Empathie.

Reinhold Bruder.

Reinhold Bruder.

Sprachlich gekonnt bringt er die Aarauer Mundart ins Versmass und serviert auf der Gegenseite des Buches die Übersetzung in Standard-Deutsch – selbstredend auch in Versform. Wie die zwei kurzen Auszüge oben zeigen: Beides liest sich grossartig.