Grosses Interview
Der neue Landammann Urs Hofmann: «Wir Regierungsräte verschanzen uns nicht im Büro»

Urs Hofmann über den Industriestandort Aargau, Terror an Weihnachten, den FC Aarau, warum die SP besser dasteht als in Deutschland und wie er in Kontakt mit den Menschen bleibt.

Mathias Küng
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Urs Hofmann: «Es darf und wird bei uns nicht geschehen, dass die Politikerinnen und Politiker weit weg sind vom Alltag der Menschen.»

Urs Hofmann: «Es darf und wird bei uns nicht geschehen, dass die Politikerinnen und Politiker weit weg sind vom Alltag der Menschen.»

Chris Iseli

Bei unserem Gespräch im Departementsbüro von Landammann Urs Hofmann riecht es überall nach Weihnachten. Auf einem niedrigen Tischchen, umgeben von einem Sofa und zwei schwarzen Sesseln, leuchten brennende Kerzen. Auf dem Fenstersims und neben seinem Bürotisch brennen weitere Kerzen. Und eine Auswahl von verschiedenen Teesorten, die Urs Hofmann gern seinen Gästen kredenzt, nimmt im Bücherregal in seinem Büro einen grossen Teil des Platzes ein.

Herr Hofmann, Sie haben die Weihnachtstage im Goms verbracht. Konnten Sie sie geniessen?

Landammann Urs Hofmann: Ja, sehr. Ich freue mich jedes Jahr auf diese Tage mit der Familie. Weg zu sein vom Büro, ist wichtig. Deshalb schaue ich auch unter dem Jahr, Raum für meine Familie und meinen Freundeskreis zu bewahren.

Wie?

Indem ich Lücken im Terminplan freihalte. Bisher ist es mir sogar gelungen, pro Quartal für meine beiden Jassrunden je einen Abend zu reservieren! Genügend Musse oder auch spontane Theater-, Kino- oder Konzertbesuche kommen aber leider zu kurz.

Können Sie angesichts Ihrer vielen Geschäfte überhaupt abschalten?

In den Ferien gelingt mir das zum Glück einigermassen. Da komme ich auch zum Lesen.

Was haben Sie über Weihnachten gelesen?

«Zletscht am Änd», eine wunderschöne Geschichte in Hexametern auf Mundart und Schriftdeutsch, die ich vom Autor Reinhold Bruder aus Küttigen zu Weihnachten erhalten habe. «Im Meer schwimmen Krokodile» von Fabio Geda, erzählt von einem afghanischen Flüchtlingsbuben; das bewegende Buch hat mir mein unbekannter Wichtel im Departement geschenkt. Ebenso lesenswert war «Leere Herzen» von Juli Zeh. Gefreut hat mich, dass ich nach vielen Jahren wieder einmal dazu kam, «Die Kirschen der Freiheit» von Alfred Andersch zu lesen.

Zur Person

Urs Hofmann (1956, SP) wohnt in Aarau und ist seit 2009 Regierungsrat. Er leitet das Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI) und ist 2019 bereits zum dritten Mal Landammann. Er hat damit die Funktion des «Primus inter pares» im Regierungskollegium.

Hofmann ist Rechtsanwalt und Notar und seit 1982 in der Politik. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Ab 1982 war er Einwohnerrat in Aarau, von 1986 bis 1996 Stadtrat, ab 1990 Vizeammann. 1997 bis 1999 war er Grossrat, 1999 Grossratspräsident. 1999 wurde er in den Nationalrat gewählt, dem er bis zur Wahl in den Regierungsrat angehörte. Er war Präsident der Finanzdelegation der eidgenössischen Räte (2003/2007), Präsident von Pro Infirmis Aargau (1993–2002), Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbunds (1995–2009) und Präsident der Parlamentarischen Gruppe für Arbeit (2004–2009).

Er macht wieder einen Landammannstammtisch, zum ersten Mal am 22. Januar von 19 bis 22 Uhr im Landgasthof Löwen in Sins.

Vor einigen Jahren hatten Sie einen Bandscheibenvorfall. Blieben Sie 2018 gesundheitlich verschont?

Zum Glück! Doch mein Rücken meldet sich immer wieder. Ich bin froh, dass es mir gelingt, regelmässig für eine Stunde in die Physiotherapie oder mein Rückentraining zu gehen. Auch die Jogging-Runden im Gönhardwald am Wochenende sind wichtig, um den Kopf zu verlüften.

Kurz vor Weihnachten geschah ein schlimmes Attentat auf einen Weihnachtsmarkt im nahen Strassburg. Was hat das bei der Kantonspolizei ausgelöst?

Nach einem solchen Anschlag wächst stets die Gefahr von Nachahmungstätern. In der Weihnachtszeit besteht bei der Polizei ohnehin erhöhte Aufmerksamkeit. In Abstimmung mit den Bundesbehörden wird jeden Tag ein neues Lagebild erstellt. Das war auch nach Strassburg so. Wenn erforderlich, muss rasch reagiert werden, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Sind problematische Leute im Aargau entsprechend unter Beobachtung?

Es sind auch bei uns Leute auf dem Radar der Polizei, die durch häufige Straftaten oder ein verdächtiges Verhalten auffallen. Für die Polizei ist es dabei sehr schwierig abzuschätzen, ob, warum, wann und wie «gewöhnliche» Kriminalität in islamistischen Terrorismus kippt, wie dies zum Beispiel bei den Attentätern an den Weihnachtsmärkten in Berlin und Strassburg der Fall war. Eine besondere Aufmerksamkeit ist deshalb auch bei uns geboten.

Bleiben wir noch bei Unangenehmem: In Ihrem ersten Landammannjahr 2011 war Fukushima. 2015, als Sie wieder an der Reihe waren, geschah der Vierfachmord von Rupperswil. Hoffen Sie, dass 2019 ruhiger wird?

... und unmittelbar vor meinem Amtsantritt 2009 wurde Lucie Trezzini ermordet. Vor allem die beiden Tötungsdelikte haben mich sehr beschäftigt, auch weil ich mit Angehörigen im Kontakt stand und das persönliche Leid miterlebt habe. Ich hoffe, dass 2019 für uns alle vorab positive Ereignisse und Überraschungen bringen wird.

Wie kommen Sie miteinander aus?

Auch in der neuen Regierung haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Eine wichtige Aufgabe als Landammann ist, mit seiner Sitzungsleitung eine gute Diskussionskultur und Entscheidfindung zu fördern. Sehr wichtig ist mir auch die gute Zusammenarbeit mit dem Grossen Rat ...

... der sich manchmal nicht ernst genommen fühlt, wie mehrere Grossräte im Dezember moniert haben.

Dass Regierungsrat und Grosser Rat eine unterschiedliche Rolle haben und nicht immer einer Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Das ist sowohl beim Bund wie in den anderen Kantonen so.

Ich wünsche mir natürlich nach wie vor, dass das Stadion endlich realisiert werden kann.

Sie sind ein grosser FCA-Fan. Derzeit läuft es dem Klub wieder besser. Klettert er noch weiter nach oben?

Ich bin zuversichtlich. Die Hoffnung habe ich ohnehin nie aufgegeben und zurzeit dürfen wir ja effektiv wieder vom Barrageplatz träumen.

Und beim Stadion? Einst hofften Sie, noch als Regierungsrat bei der Eröffnung dabei sein zu können.

Ich wünsche mir natürlich nach wie vor, dass das Stadion endlich realisiert werden kann. Andernfalls ist die Gefahr gross, dass im Aargau nicht mehr Fussball auf Spitzenniveau gespielt wird. Das wäre schlecht für unseren Kanton.

Nehmen Sie sich für ihr drittes Landammannjahr etwas Besonderes vor?

Ich führe den 2011 eingeführten Landammann-Stammtisch weiter, am 26. September übrigens im Restaurant Sportplatz beim Stadion Brügglifeld. Generell sollen die Menschen im Aargau spüren, dass wir Regierungsräte uns nicht im Büro verschanzen. Gerade auch als Landammann will ich diese Offenheit ausstrahlen. Dass in manchen Ländern das Vertrauen in die Politik massiv gesunken ist, hat auch damit zu tun, dass dort Politikerinnen und Politiker oft weit weg sind vom Alltag der Menschen. Das darf und wird bei uns nicht geschehen. Wir wollen eine Regierung aus dem Volk und für das Volk sein.

Die SPD, die unter der Übermutter Merkel in die Regierung eingebunden ist, hat es schwerer als die SP in der Schweiz.

2019 ist ein Wahljahr. Profitiert Ihre Partei, die SP, wenn «ihr» Regierungsrat Landammann ist?

Ich glaube nicht, dass dies einen relevanten Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Was die SP betrifft, sehe ich im Übrigen den nationalen Wahlen zuversichtlich entgegen.

Einst war die SP Schweiz im europäischen Vergleich klein. Heute beneiden sie die Genossen aus Deutschland und Frankreich. Was macht sie besser?

Obwohl die SP auch in der Schweiz in der Regierungsverantwortung steht, hat es die SPD, die unter der Übermutter Merkel in die Regierung eingebunden ist, schwerer. Die Systeme sind sehr unterschiedlich.

Inwiefern?

Bei uns kann die SP ihr Profil besser behalten und ihre Politik auch mit Initiativen und Referenden sichtbar machen. In Deutschland fehlt der SPD zudem seit längerem eine charismatische Leaderfigur wie einst Willy Brandt. Dies spielt bei unserem eher hierarchisch strukturierten nördlichen Nachbarn, wo es faktisch auch um die Kanzlerwahl geht, eine weit grössere Rolle als in der Schweiz. Und schliesslich war die SPD zu ihrer Blütezeit auch viel stärker als die SP in der Schweiz. Umso grösser war die Absturzgefahr.

Visieren Sie für 2019 ein besonderes Projekt an?

Auch 2019 läuft vieles in meinem breit aufgestellten Departement. Wichtig ist etwa im Infrastrukturbereich das geplante zusätzliche Polizeigebäude östlich des Telli-Hochhauses. Per April 2019 wird die bisher als schweizweites Pilotprojekt in Menziken aufgebaute «Pforte Arbeitsmarkt» in allen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) betrieben. Unter dem Label «Kooperation Arbeitsmarkt» arbeiten die RAV eng mit der Invalidenversicherung und auch mit den kommunalen Sozialdiensten zusammen. Mit den zusätzlichen Bundesmitteln der Integrationsagenda Schweiz wollen wir auch die Arbeitsmarktintegration im Flüchtlingsbereich verbessern.

2019 wird über die Steuervorlage 17 abgestimmt. Wie stehen Sie dazu?

Nach der Ablehnung der ersten Vorlage war es schwierig, eine Variante zu finden, die die Einwände der Abstimmungssieger berücksichtigt. Die Lösung der eidgenössischen Räte schafft einen vernünftigen Ausgleich; denn gerade auch bei der AHV besteht Handlungsbedarf. Ich hoffe deshalb auf ein Ja in der Referendumsabstimmung. Andernfalls wird es bei den Unternehmenssteuern schwierig. Und der AHV fehlt noch mehr Geld. Ein Nein brächte uns nicht weiter.

2020 wird die Regierung neu gewählt. Treten Sie noch einmal an?

Im November 2020 werde ich 64. Ein ideales Alter: Ich bin niemandem eine Erklärung schuldig, wenn ich aufhöre, aber auch noch nicht zu alt, um nochmals zu kandidieren. Ich werde meinen Entscheid rechtzeitig bekannt geben.

«In Pessimismus zu verfallen, wäre falsch»

2019 hat nicht gut angefangen. Gerade vor Weihnachten verkaufte ABB das Stromübertragungsgeschäft. Viele ABB-Angestellte arbeiten bald für Hitachi.
Was erwarten Sie vom neuen Besitzer?

Urs Hofmann: Ich kann den Entscheid der ABB nach wie vor nicht nachvollziehen. Vom neuen Eigentümer erwartet der Regierungsrat – wie auch von der ABB – ein klares Bekenntnis zum Industriestandort Aargau. Die ABB selbst wäre zudem gut beraten, einen substanziellen Teil des Verkaufserlöses in die Entwicklung ihrer industriellen Tätigkeit und die Weiterbildung des treuen Personals zu investieren. Ich bin überzeugt, dass dies auch im Interesse eines langfristig denkenden Aktionariats liegt.

Fühlt man sich als Volkswirtschaftsdirektor in solchen Situationen manchmal auch hilflos?

Die Realität ist, dass auch wir meist erst informiert werden, wenn eine Entscheidung nicht mehr beeinflusst werden kann. Dann bleibt oft nur, sich mit aller Kraft für den Arbeitsplatzerhalt und für die künftige Entwicklung der Unternehmung im Aargau einzusetzen.

Der Industriestandort Aargau wird durchgeschüttelt – nicht zum ersten Mal. Glauben Sie an seine Zukunft?

Ja. Es wäre falsch, in Pessimismus zu verfallen. Die rasante technische Entwicklung und die Digitalisierung bieten auch für die Industrie grosse Chancen. Ich bin immer wieder in Aargauer Unternehmen zu Besuch, die mit ihren Produkten Weltmarktführer sind. Auch Zulieferbetrieben, die sich spezialisieren und sich laufend weiterentwickeln, bieten sich in Zukunft gute Möglichkeiten. Zumal wir sehr gut ausgebildete Berufsleute haben. Tatsache ist aber: Man muss immer dranbleiben. Wer die Entwicklung verpasst, ist rasch weg vom Fenster. Der Regierungsrat unterstützt mit seiner Strategie «Hightech Aargau» den Industriestandort Aargau im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Wie viel schwieriger ist es, mit vier Bürgerlichen zu regieren, seit Susanne Hochuli aufgehört hat?

Natürlich gab es Geschäfte, in denen Susanne Hochuli und ich uns besonders nahe standen. Der Regierungsrat entscheidet jedoch nicht einfach nach Parteicouleur. Vielmehr gibt es immer wieder wechselnde Mehrheiten. Ich muss deshalb nicht fürchten, dauernd in der Minderheit zu sein. (MKU)

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