Bei unserem Gespräch im Departementsbüro von Landammann Urs Hofmann riecht es überall nach Weihnachten. Auf einem niedrigen Tischchen, umgeben von einem Sofa und zwei schwarzen Sesseln, leuchten brennende Kerzen. Auf dem Fenstersims und neben seinem Bürotisch brennen weitere Kerzen. Und eine Auswahl von verschiedenen Teesorten, die Urs Hofmann gern seinen Gästen kredenzt, nimmt im Bücherregal in seinem Büro einen grossen Teil des Platzes ein.

Herr Hofmann, Sie haben die Weihnachtstage im Goms verbracht. Konnten Sie sie geniessen?

Landammann Urs Hofmann: Ja, sehr. Ich freue mich jedes Jahr auf diese Tage mit der Familie. Weg zu sein vom Büro, ist wichtig. Deshalb schaue ich auch unter dem Jahr, Raum für meine Familie und meinen Freundeskreis zu bewahren.

Wie?

Indem ich Lücken im Terminplan freihalte. Bisher ist es mir sogar gelungen, pro Quartal für meine beiden Jassrunden je einen Abend zu reservieren! Genügend Musse oder auch spontane Theater-, Kino- oder Konzertbesuche kommen aber leider zu kurz.

Können Sie angesichts Ihrer vielen Geschäfte überhaupt abschalten?

In den Ferien gelingt mir das zum Glück einigermassen. Da komme ich auch zum Lesen.

Was haben Sie über Weihnachten gelesen?

«Zletscht am Änd», eine wunderschöne Geschichte in Hexametern auf Mundart und Schriftdeutsch, die ich vom Autor Reinhold Bruder aus Küttigen zu Weihnachten erhalten habe. «Im Meer schwimmen Krokodile» von Fabio Geda, erzählt von einem afghanischen Flüchtlingsbuben; das bewegende Buch hat mir mein unbekannter Wichtel im Departement geschenkt. Ebenso lesenswert war «Leere Herzen» von Juli Zeh. Gefreut hat mich, dass ich nach vielen Jahren wieder einmal dazu kam, «Die Kirschen der Freiheit» von Alfred Andersch zu lesen.

Vor einigen Jahren hatten Sie einen Bandscheibenvorfall. Blieben Sie 2018 gesundheitlich verschont?

Zum Glück! Doch mein Rücken meldet sich immer wieder. Ich bin froh, dass es mir gelingt, regelmässig für eine Stunde in die Physiotherapie oder mein Rückentraining zu gehen. Auch die Jogging-Runden im Gönhardwald am Wochenende sind wichtig, um den Kopf zu verlüften.

Kurz vor Weihnachten geschah ein schlimmes Attentat auf einen Weihnachtsmarkt im nahen Strassburg. Was hat das bei der Kantonspolizei ausgelöst?

Nach einem solchen Anschlag wächst stets die Gefahr von Nachahmungstätern. In der Weihnachtszeit besteht bei der Polizei ohnehin erhöhte Aufmerksamkeit. In Abstimmung mit den Bundesbehörden wird jeden Tag ein neues Lagebild erstellt. Das war auch nach Strassburg so. Wenn erforderlich, muss rasch reagiert werden, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Sind problematische Leute im Aargau entsprechend unter Beobachtung?

Es sind auch bei uns Leute auf dem Radar der Polizei, die durch häufige Straftaten oder ein verdächtiges Verhalten auffallen. Für die Polizei ist es dabei sehr schwierig abzuschätzen, ob, warum, wann und wie «gewöhnliche» Kriminalität in islamistischen Terrorismus kippt, wie dies zum Beispiel bei den Attentätern an den Weihnachtsmärkten in Berlin und Strassburg der Fall war. Eine besondere Aufmerksamkeit ist deshalb auch bei uns geboten.

Bleiben wir noch bei Unangenehmem: In Ihrem ersten Landammannjahr 2011 war Fukushima. 2015, als Sie wieder an der Reihe waren, geschah der Vierfachmord von Rupperswil. Hoffen Sie, dass 2019 ruhiger wird?

... und unmittelbar vor meinem Amtsantritt 2009 wurde Lucie Trezzini ermordet. Vor allem die beiden Tötungsdelikte haben mich sehr beschäftigt, auch weil ich mit Angehörigen im Kontakt stand und das persönliche Leid miterlebt habe. Ich hoffe, dass 2019 für uns alle vorab positive Ereignisse und Überraschungen bringen wird.

Wie kommen Sie miteinander aus?

Auch in der neuen Regierung haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Eine wichtige Aufgabe als Landammann ist, mit seiner Sitzungsleitung eine gute Diskussionskultur und Entscheidfindung zu fördern. Sehr wichtig ist mir auch die gute Zusammenarbeit mit dem Grossen Rat ...

... der sich manchmal nicht ernst genommen fühlt, wie mehrere Grossräte im Dezember moniert haben.

Dass Regierungsrat und Grosser Rat eine unterschiedliche Rolle haben und nicht immer einer Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Das ist sowohl beim Bund wie in den anderen Kantonen so.

Sie sind ein grosser FCA-Fan. Derzeit läuft es dem Klub wieder besser. Klettert er noch weiter nach oben?

Ich bin zuversichtlich. Die Hoffnung habe ich ohnehin nie aufgegeben und zurzeit dürfen wir ja effektiv wieder vom Barrageplatz träumen.

Und beim Stadion? Einst hofften Sie, noch als Regierungsrat bei der Eröffnung dabei sein zu können.

Ich wünsche mir natürlich nach wie vor, dass das Stadion endlich realisiert werden kann. Andernfalls ist die Gefahr gross, dass im Aargau nicht mehr Fussball auf Spitzenniveau gespielt wird. Das wäre schlecht für unseren Kanton.

Nehmen Sie sich für ihr drittes Landammannjahr etwas Besonderes vor?

Ich führe den 2011 eingeführten Landammann-Stammtisch weiter, am 26. September übrigens im Restaurant Sportplatz beim Stadion Brügglifeld. Generell sollen die Menschen im Aargau spüren, dass wir Regierungsräte uns nicht im Büro verschanzen. Gerade auch als Landammann will ich diese Offenheit ausstrahlen. Dass in manchen Ländern das Vertrauen in die Politik massiv gesunken ist, hat auch damit zu tun, dass dort Politikerinnen und Politiker oft weit weg sind vom Alltag der Menschen. Das darf und wird bei uns nicht geschehen. Wir wollen eine Regierung aus dem Volk und für das Volk sein.

2019 ist ein Wahljahr. Profitiert Ihre Partei, die SP, wenn «ihr» Regierungsrat Landammann ist?

Ich glaube nicht, dass dies einen relevanten Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Was die SP betrifft, sehe ich im Übrigen den nationalen Wahlen zuversichtlich entgegen.

Einst war die SP Schweiz im europäischen Vergleich klein. Heute beneiden sie die Genossen aus Deutschland und Frankreich. Was macht sie besser?

Obwohl die SP auch in der Schweiz in der Regierungsverantwortung steht, hat es die SPD, die unter der Übermutter Merkel in die Regierung eingebunden ist, schwerer. Die Systeme sind sehr unterschiedlich.

Inwiefern?

Bei uns kann die SP ihr Profil besser behalten und ihre Politik auch mit Initiativen und Referenden sichtbar machen. In Deutschland fehlt der SPD zudem seit längerem eine charismatische Leaderfigur wie einst Willy Brandt. Dies spielt bei unserem eher hierarchisch strukturierten nördlichen Nachbarn, wo es faktisch auch um die Kanzlerwahl geht, eine weit grössere Rolle als in der Schweiz. Und schliesslich war die SPD zu ihrer Blütezeit auch viel stärker als die SP in der Schweiz. Umso grösser war die Absturzgefahr.

Visieren Sie für 2019 ein besonderes Projekt an?

Auch 2019 läuft vieles in meinem breit aufgestellten Departement. Wichtig ist etwa im Infrastrukturbereich das geplante zusätzliche Polizeigebäude östlich des Telli-Hochhauses. Per April 2019 wird die bisher als schweizweites Pilotprojekt in Menziken aufgebaute «Pforte Arbeitsmarkt» in allen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) betrieben. Unter dem Label «Kooperation Arbeitsmarkt» arbeiten die RAV eng mit der Invalidenversicherung und auch mit den kommunalen Sozialdiensten zusammen. Mit den zusätzlichen Bundesmitteln der Integrationsagenda Schweiz wollen wir auch die Arbeitsmarktintegration im Flüchtlingsbereich verbessern.

2019 wird über die Steuervorlage 17 abgestimmt. Wie stehen Sie dazu?

Nach der Ablehnung der ersten Vorlage war es schwierig, eine Variante zu finden, die die Einwände der Abstimmungssieger berücksichtigt. Die Lösung der eidgenössischen Räte schafft einen vernünftigen Ausgleich; denn gerade auch bei der AHV besteht Handlungsbedarf. Ich hoffe deshalb auf ein Ja in der Referendumsabstimmung. Andernfalls wird es bei den Unternehmenssteuern schwierig. Und der AHV fehlt noch mehr Geld. Ein Nein brächte uns nicht weiter.

2020 wird die Regierung neu gewählt. Treten Sie noch einmal an?

Im November 2020 werde ich 64. Ein ideales Alter: Ich bin niemandem eine Erklärung schuldig, wenn ich aufhöre, aber auch noch nicht zu alt, um nochmals zu kandidieren. Ich werde meinen Entscheid rechtzeitig bekannt geben.