Attelwil

Der neue Aargauer Finanzausgleich macht dieses Steuerparadies zur Steuerhölle

Attelwil hat derzeit einen Steuerfuss von 98 Prozent. Mit dem neuen Finanzausgleich könnte er auf 127 Prozent steigen.

Attelwil hat derzeit einen Steuerfuss von 98 Prozent. Mit dem neuen Finanzausgleich könnte er auf 127 Prozent steigen.

Die kleine Gemeinde Attelwil ist die grosse Verliererin bei der Reform des neuen Aargauer Finanzausgleichs – falls das Aargauer Volk ihr an der Urne am 12. Februar zustimmt.

In Stein gemeisselt ist noch nichts. Aber sagt das Aargauer Volk am 12. Februar Ja zum neuen Gemeindefinanzausgleich und kommt es zwischen Attelwil und Reitnau nicht zu einer Fusion, droht den Attelwilerinnen und Attelwilern eine Steuerfusserhöhung um satte 29 Prozent.

Heute ist das Dorf an der Westschulter des Suhrentals mit 98 Prozent die steuergünstigste Gemeinde im Bezirk. Laut Berechnungen des Kantons müssten nach der Revision des Finanzausgleich 127 Prozent bezogen werden. Attelwil würde zur «Steuerhölle» des gesamten Aargaus. Aber auch für andere Aargauer Gemeinden wie Wiliberg (siehe interaktive Karte), Kirchleerau oder für die denkbare Braut Attelwils, die Gemeinde Reitnau, sind die Auswirkungen happig.

Vierköpfige Familie trifft es hart

Ein Rechenbeispiel: Eine Familie mit zwei Kindern verfügt über 120'000 Franken steuerbares Vermögen und Nettoeinnahmen von 70'000 Franken im Jahr. An den Bund, den Kanton, die Gemeinde und an die reformierte Kirche sind aktuell 6784 Franken an Abgaben fällig. Nach einem Ja zum neuen Finanzausgleich wären 810 Franken mehr, also 7594 Franken fällig.

In dieser Modellrechnung noch nicht berücksichtigt ist zudem der Pendlerabzug, der seit diesem Jahr limitiert ist. In einer Gemeinde wie Attelwil, in der die Einwohner oft grosse Distanzen mit dem Auto zum Arbeitsort zurücklegen müssen, kann dies merklich auf die Steuern durchschlagen. Im Klartext: Für die vierköpfige Familie kann die Steuerrechnung noch höher ausfallen.

In einem Punkt gibt Lehner Entwarnung: «Der Steuerfuss steigt nicht schlagartig auf die prognostizierten 127 Prozent.»  (Archiv)

In einem Punkt gibt Lehner Entwarnung: «Der Steuerfuss steigt nicht schlagartig auf die prognostizierten 127 Prozent.» (Archiv)

Eine leichte Entwarnung

In einem Punkt kann Roger Lehner, Gemeindeammann von Attelwil, Entwarnung geben. «Der Steuerfuss steigt nicht schlagartig auf die prognostizierten 127 Prozent.» Im Gesetz sind Übergangsbestimmungen und -zahlungen vorgesehen. «Und wir sind ja in Fusionsgesprächen mit der Gemeinde Reitnau.» Bringt ein Zusammenschluss finanziell die Lösung? Lehner kann die Frage (noch) nicht beantworten. Vor dem Hintergrund der erst anstehenden Volksabstimmung hat man die umfangreichen Abklärungen im Finanzbereich zurückgestellt.

Keine Sorgen machen dem Attelwiler Gemeindeammann die Auswirkungen der Unternehmenssteuerreform III, die ebenfalls im Februar zur Abstimmung gelangt. Dieses Jahr seien 11 000 Franken an Unternehmenssteuereinnahmen budgetiert (im Vorjahr 40 000). «Das Ganze schwankt stark von Jahr zu Jahr. Bei Steuereinnahmen von insgesamt rund 500 000 Franken entspricht dies einem marginalen Anteil von etwa zwei Prozent.»

Von Attelwil hinüber ins Uerkental. Dort überrascht, dass die im Grundsatz ebenfalls strukturschwache Gemeinde Uerkheim ihre Steuern um nur zwei Prozent erhöhen müsste und Bottenwil seine gar senken könnte. Dies ist das Resultat des sogenannten «räumlich-strukturellen» Ausgleichs. Gemeinden, welche im Verhältnis zur Gesamtgrösse eine sehr kleine Siedlungsfläche haben, erhalten Gelder aus diesem Topf.

«Kleinheit» nicht mehr belohnen

Ziel der Revision des Finanzausgleichs ist jedoch, künftig nicht mehr «Kleinheit» abzugelten, sondern die Kosten von Leistungen auszugleichen. Paradebeispiele sind die Sozialkosten oder der Bildungsbereich. Davon profitieren im Bezirk Zofingen die sehr stark belasteten Agglomerationsgemeinden Aarburg, Oftringen, Rothrist, Safenwil und Strengelbach.

Keine Auswirkungen hat der neue Finanzausgleich auf die Stadt Zofingen mit ihren grossen Zentrumslasten, was für die aktuell gesunde finanzielle Situation spricht. Trotz Nullsummenspiel ist Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger im Ja-Komitee für den neuen Finanzausgleich zu finden. Als Regionalpolitiker sieht er die dunklen Wolken, welche ohne Revision des Ausgleichs über Aarburg oder Oftringen aufziehen und dort Steuererhöhungen auslösen würden.

Die Kehrseite der Medaille: Zusätzlich belastet werden Gemeinden, welche weder im Sozial- noch im Bildungsbereich (in Attelwil gibt es keine öffentliche Schule) besondere Lasten tragen, aber trotzdem einigermassen steuerkräftig sind. Dieser Typus Gemeinde hat vom bisherigen Ausgleich massiv profitiert, was sich strukturerhaltend ausgewirkt hat und in der Vergangenheit Gemeindefusionen im Weg gestanden ist.

Wer gewinnt, wer verliert? Informieren Sie sich hier über die 11 wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Aargauer Finanzausgleich.

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